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Magazin / Aktuell / Atomenergie / Artikel | 30.07.2008
Ja zur Atomenergie
von Hans-Jörg Schmidt
Um nicht von Öl- und Gaslieferungen aus dem Ausland abhängig zu sein und deren Preisdiktat zu unterliegen, werden die Rufe nach einem Ausbau der Atomenergie in Europa immer lauter. Was wollen die Verfechter von Kernkraftwerken?
Eines der größten Probleme, das die Europäer derzeit bedrückt, ist die dauerhafte Sicherung der Energieversorgung des alten Kontinents. Bisher war Russland ein entscheidender Lieferant von Öl und Gas.

Doch das europäisch-russische Verhältnis ist fragil. Anfang Juli drosselte Moskau beispielsweise seine Öllieferungen nach Tschechien. In Prag – und nicht nur dort – verstand man dies als eine Warnung Russlands. Denn Tschechien hatte zugesagt, Territorium für das von Russland stark kritisierte US-Raketenschild zur Verfügung zu stellen. Die hohe Abhängigkeit von russischen Rohstoffquellen könnte sich somit als Damoklesschwert erweisen. Ein Ausweg wäre, die Kernenergie auszubauen.
Treibhausgase senken
Ungeachtet der Katastrophe von Tschernobyl haben einige Länder Europas, allen voran Frankreich, nie aufgehört, auf Uran als Energieträger zu setzen. Auch angesichts der steigenden Öl- und Gaspreise weltweit erscheint die Rückbesinnung auf Kernenergie lohnenswert. Kernkraftwerke sind zudem anders als die fossilen Brennstoffe keine Klimakiller. Allein das ist wichtig genug.
Damit sich der Klimawandel nicht zum Vernichter der Menschheit ausweitet, soll der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 um die Hälfte gesenkt werden, entschieden die Chefs der G8 bei ihrem jüngsten Treffen in Japan. Für jeden Bewohner der Erde sollen dann nur noch zwei Tonnen Kohlendioxid jährlich ausgestoßen werden. Das sind 20 Prozent dessen, was heute beispielsweise jedem Deutschen zusteht. Die Ökoenergie bleibt eine Hoffnung. Aber sie reicht nicht aus, die Lücken zu stopfen. Auch Einsparpotenziale sind endlich.
Ein Teil der Lösung
Es scheint, als böte allein die beinahe schon totgesagte Kernenergie einen Ausweg. Die AKW-Lobby jedenfalls frohlockt. Doch sie weiß selbst am besten um die Probleme bei der Sicherheit und bei der Endlagerung des Atommülls. Deshalb klingt die eigene Formulierung eher vorsichtig: "Die Kernenergie ist kein Allheilmittel, aber ein Teil der Lösung", sagt beispielsweise das Deutsche Atomforum, ein eingetragener Verein, der sich für die Wiederbelebung der Kernkraft in der Bundesrepublik stark macht.
439 Reaktoren weltweit
Ende 2007 produzierten weltweit 439 Atomkraftwerke Energie. Allein in Frankreich sorgen sie für vier Fünftel allen Stroms. Der Industriezweig sichert 100.000 Arbeitsplätze; kein Wunder, dass selbst die Linksparteien und die Gewerkschaften pro-Atom eingestellt sind. Präsident Sarkozy spricht von einer "Zukunftsindustrie". Gerade kündigte er den Bau des 61. Reaktors an. Großbritannien will bis 2020 zehn neue Reaktoren ans Netz bringen. Bis zu 40 Prozent der Energie, so formulierte Premier Brown das Ziel, müsse aus Kerntechnik gewonnen werden. Eine staatliche Kommission hatte dabei in den 1990er Jahren betont, dass Atomkraft "moralisch unhaltbar" sei, solange die Entsorgung der Abfälle nicht klar sei. Das ist Schnee von gestern.
Zweifel am Atomausstieg
Anders die Lage in Deutschland. Bis 2023 sollen die 17 Atomkraftwerke vom Netz gehen. Sie liefern derzeit ein Viertel des Stroms und rund die Hälfte des Stroms, der rund um die Uhr verfügbar sein muss. Die Zweifel am Ausstieg werden immer lauter. Von Neubau ist noch nicht die Rede, wohl aber von einer Verlängerung der Laufzeiten. 48 Prozent der Deutschen würden das begrüßen. Tendenz steigend.
Weit aufgeschlossener noch stehen die Tschechen zur Atomkraft. Ganz neu sind Pläne, das Atomkraftwerk Temelin, etwa 100 Kilometer von Deutschland oder Österreich entfernt, massiv aufzustocken. Zu den derzeit zwei sollen vier Reaktoren hinzukommen. Und das ungeachtet dessen, dass Temelin schon in jetziger Gestalt die Beziehungen zum atomkraftfreien Österreich gravierend belastet. Die Slowakei rüttelt an der Verpflichtung gegenüber der EU, das AKW Bohunice – russischer Bauart – bis Ende dieses Jahres abzuschalten. Premier Fico sagte im Mai auf einem Energieforum in Prag, die Schließung sei "nicht hinnehmbar". Bulgarien musste als Bedingung für den EU-Beitritt vier seiner sechs sowjetischen Druckwasserreaktoren in Kosloduj abschalten. Sofia will aber zwei davon wieder hochfahren oder zwei neue Meiler bauen.
Unaufhaltsamer Trend
Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Vor allem auch außerhalb Europas. China und Indien, aber auch Russland planen eine gewaltige Ausweitung der Kernenergienutzung. Und der republikanische US-Präsidentschaftskandidat McCain forderte dieser Tage sage und schreibe 100 neue Reaktoren. Zum Vergleich: Drei Jahrzehnte lang war in den USA gar kein Meiler mehr errichtet worden. Der Trend wieder hin zur Kernenergie scheint unaufhaltsam zu sein, auch wenn Störfälle wie jüngst wiederholt in Frankreich aufhorchen lassen. Angesichts der vielen erwähnten Zwänge kommt Europa an einer Rückkehr zur Atomkraft nicht mehr vorbei.

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