szmtag

06.09.2008

euro|topics illustration
euro|topics
 

Navigation

Magazin / Medien / Fernsehen / Interview | 18.06.2008

"Die Marketing-Ära"


Die neuen Märkte für europäische TV-Sender liegen in China, Indien, den USA und der arabischen Welt. José Lopes de Araújo, Direktor der internationalen Abteilung des portugiesischen Senders RTP, spricht mit eurotopics-Redakteurin Nikola Richter über Auswanderer, Stil und billige Signale.


euro|topics: Herr Lopes de Araújo, Sie sind Präsident der Bruges Group, einem informellen Netzwerk von europäischen nationalen und internationalen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Sie haben sich vor 16 Jahren gegründet – zusätzlich zu Ihrer aller Mitgliedschaft in der European Broadcasting Union. Worüber reden Sie bei Ihren zweimal jährlich stattfindenden Treffen?

Wir sprechen über Fragen des Vertriebs. Über viele Jahre hinweg war die internationale Ausstrahlung von europäischen Fernsehinhalten eine nationale Angelegenheit. Die verschiedenen nationalen Fernsehsender wollten in ganz Europa über Kabel empfangbar sein.

José Lopes de Araújo wurde 1958 auf den Azoren in Portugal geboren. Er ist der Leiter der Abteilung Internationale Beziehungen bei Rádio e Televisão de Portugal (RTP) und Präsident der Bruges Group.

Foto: RTP


Durch die Entwicklung der digitalen Technologien konnten in den vergangenen Jahren die Kosten für Satelliten stark reduziert werden. Wir können jetzt in unterschiedlichen Sprachen senden und Untertitel machen, für verschiedene Zeitzonen eigene Angebote haben – und das alles auf fast einem einzigen Sendesignal. Man erwartet derzeit viel vom so genannten IPTV, einer günstigen Form, Fernsehinhalte über Internetplattformen zu vertreiben. Fernsehen ist nicht mehr nur ein nationales Geschäft, das in verschiedene Teile der Welt ausgestrahlt wird, sondern ein internationales.

euro|topics: Der französische Sender France 24 hat 2007 einen arabischen Sender gegründet, die BBC folgte dieses Jahr auf dem Fuße. Das arabischsprachige Publikum scheint für die europäischen TV-Stationen von enormer Wichtigkeit zu sein.

Das arabischsprachige Publikum ist ein aufstrebender Teil der Welt, mit Geld, Zuschauern und Einfluss. Das Gleiche gilt für den chinesischen Markt, der allerdings noch nicht so zugänglich ist. Man kann in China zwar auf Englisch senden, aber auf Chinesisch ist man erfolgreicher. Wer das nicht tut, verpasst den Anschluss an die Zukunft: Grenzen und Mauern zu durchbrechen, globaler zu werden. Es könnte auch eine politische Motivation hinter diesen neuen Optionen stecken, aber zunächst geht es um Märkte und Zuschauer. Euronews zum Beispiel ist heute ein sehr gut aufgestellter Nachrichtenkanal, der europaweit und im Ausland in sieben Sprachen gesendet wird. Am 12. Juli 2008 startet er in Lyon mit einem arabischen Kanal, der sich an die arabischsprachigen Zuschauer in arabischen Ländern, aber auch in den USA, Kanada und England richtet.

euro|topics: Wie sieht es mit den afrikanischen Staaten aus? Sind sie überhaupt eine für Europa interessante Zielgruppe? Die Internetnutzung ist dort oft noch sehr gering, so dass die Menschen kaum von den neuen, günstigen Internetangeboten profitieren können.

In Afrika war bisher das "direct-to-home"-Format (DTH) am erfolgreichsten: Es ermöglicht den Empfang von Pay-TV über Satellit mit einer sehr kleinen Schüssel von 40 bis 50 cm Durchmesser, auch in entlegenen ländlichen Gebieten. Man klemmt die Schüssel einfach an ein Fenster. Der wichtigste Anbieter für Afrika ist Multichoice in Johannesburg. Der Pay-TV-Markt ist der erfolgreichste TV-Markt in Afrika und wächst sehr schnell, zum Beispiel in Angola und in Südafrika.

euro|topics: Haben die europäischen Fernsehanstalten ein gemeinsames Ziel für die nächsten zehn Jahre?

Wir können keine gemeinsame Strategie verfolgen, denn jede nationale Fernsehanstalt hat eine eigene, die von jeweils anderen nationalen Zielen bestimmt wird. Für das portugiesische Fernsehen ist es wichtig, in jedem Kontinent ausgestrahlt zu werden, denn es gibt ehemalige portugiesische Kolonien in Australien, Ost-Timor und Macao. Mehr als zwei Millionen Portugiesen leben in den USA, in Brasilien sprechen 200 Millionen Menschen unsere Sprache. Die Spanier interessieren sich mehr für die Zuschauer in Lateinamerika, die Franzosen für die französischsprachigen Zuschauer in Afrika. Nur in Asien haben wir eine gemeinsame Vertriebsstrategie.

euro|topics: Wie sieht diese Asien-Strategie aus?

Wir müssen den chinesischen Markt genau im Auge behalten. Er ist sehr groß und wichtig. Heute ist es sehr schwierig, europäisches Fernsehen in China auszustrahlen auch wegen chinesischer Gesetzesrestriktionen. Aber das wird sich eines Tages ändern. Indien hat ebenfalls neue Gesetze erlassen, die den internationalen Anbietern Steine in den Weg legen. Die Bruges Group nutzt gemeinsame Sendefrequenzen auf Asiasat, so dass wir als Partner bessere Konditionen aushandeln konnten.

euro|topics: Gibt es wirklich ein weltweites Publikum für nationale europäische Fernsehinhalte?

Ja, dafür sind die USA und Kanada wichtige und große Märkte. Ihre multikulturellen und multiethnischen Gesellschaften haben auch europäische Wurzeln, mit Vorfahren aus Italien, Irland, Portugal, Griechenland oder Kroatien. Sie interessieren sich für nationale Inhalte wie Fußballspiele, traditionelle Musik, Nachrichten, aber auch für den europäischen Lebensstil. Wir können diese Chance nutzen, um das Bild von Europa in diesen Markt zu übermitteln. Viele Jahre lang importierte Europa den "American way of life", zunächst über das Kino, dann über das Fernsehen. Amerika vermittelte sogar seinen Fernsehproduktionsstil nach Europa: attraktiver, schneller, rhythmischer.

euro|topics: Hat Europa seinen eigenen Stil für Fernsehproduktionen verloren?

Das ist leider so, meiner Meinung nach. Vielleicht haben wir es geschafft, in Europa mehr und jüngere Zuschauer zu gewinnen, die sich mehr europäische Produktionen und Inhalte – wie Serien, Spiele- und Talkshows – anschauen. In Portugal sind portugiesische Fernsehserien auf TVI – dem führenden Privatsender – so erfolgreich, dass sie die berühmten brasilianischen Telenovelas abgelöst haben, die vor einigen Jahren noch sehr erfolgreich waren. Aber wir haben unseren eigenen Stil im öffentlich-rechtlichen Bereich verloren: Romanverfilmungen, historische Reihen oder großartige europäische Dokumentarfilm-Koproduktionen, die wir vor 30 Jahren hatten.

euro|topics: Warum verschwand dieser europäische Stil?

Die Zeiten ändern sich – wir befinden uns jetzt in der Marketing-Ära, und das Fernsehen ist eine globale Aktivität. Man kann heutzutage sehr schwer zwischen einem europäischen und einem amerikanischen TV-Stil unterscheiden. Selbst asiatische Produktionen ähneln den amerikanischen. Wir müssen jetzt unsere internationalen Antennen benutzen, um ein modernes und reifes Europabild zu vermitteln.

 

Original in Englisch

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

Weitere Artikel zu den Themen » Internationale Beziehungen, » Alltagskultur, » Audiovisuelle Medien, » Medienpolitik, » Unternehmen, » Verbraucher, » Afrika, » Asien, » Europa, » USA, » Global, » Naher und Mittlerer Osten
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Internationale Beziehungen, » Alltagskultur, » Audiovisuelle Medien, » Medienpolitik, » Unternehmen, » Verbraucher, » Afrika, » Asien, » Europa, » USA, » Global, » Naher und Mittlerer Osten


 

Bookmarken bei   del.icio.us    Digg!    YiGG.de    Webnews!    FURL    LinkARENA    Mister Wong    oneview   

Weitere Inhalte

DOSSIER

Medienmärkte

Medienmärkte

Meinungsvielfalt, Informationsfreiheit und Pluralismus: Medien gelten als vierte Gewalt im Staat. Aber große Medienkonzerne sind heute transnational tätig und drängen immer häufiger nationale Medienunternehmen vom Markt. » mehr

THEMEN

PRESSESCHAU

Top-Thema vom 05.09.2008

Wandel durch Annäherung

Wandel durch Annäherung

Bei einem Vierer-Gipfel am Donnerstag in Damaskus hat Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy mit seinen Amtskollegen aus Syrien, Katar und der Türkei über den Nahost-Konflikt sowie den Atomstreit mit dem Iran diskutiert. Zudem möchte Sarkozy mit seinen Bemühungen Syrien aus der internationalen Isolation holen. Bringt der Gipfel Bewegung in die politische Entwicklung im Nahen Osten?

» zur gesamten Presseschau

NEWSLETTER

Um den kostenlosen Newsletter zu abonnieren oder zu kündigen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein:

TOP-THEMEN DER WOCHE

PRESSESCHAU-KALENDER

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30