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Magazin / Aktuell / Frankreich / Artikel | 01.08.2008

Die Online-Medien. Vom Mythos zur Realität

von Françoise Benhamou


Onlinemedien, Blogs und Nachrichtenseiten sind weniger stark von nationalen Eigenheiten geprägt als klassische Medien. Welche französischsprachigen Onlinemedien gibt es? Vor welchen wirtschaftlichen Herausforderungen stehen Medienmacher in Frankreich?


Alle Gangarten sind möglich. Manche Medien steuern nur langsam, andere hingegen im Eiltempo auf die Digitalisierung zu. Manche Medien hat die Digitalisierung überhaupt erst hervorgebracht, wie auch ursprüngliche Internetnutzer, die sich auf einem noch unsicheren Markt positionieren möchten. Und schließlich gibt es da noch die Blogger, die ihre persönlichen Überlegungen ins Netz stellen und sich digital mit den Personen, die diese lesen und darauf antworten, austauschen möchten.

Foto: iStock.com/Richard Goerg


Dieses Universum macht neugierig, es macht von sich reden und erzeugt Informationen; es tritt in Wettbewerb mit der traditionellen Erzeugung von Informationen, Kommentaren und Analysen. Ein Aufeinanderprallen zweier Kulturen, das allmählich zum Kompromiss wird.
Diese Revolution hat etwas Faszinierendes, da sie Entfernung und Zeit zu überwinden scheint. Jedoch erzeugt sie auch mindestens drei Arten der Illusion: Die allgemein verbreitete Vorstellung, dass im Netz Platz für alle ist. Die Vorstellung eines sich dadurch entwickelnden qualitätsvollen Dialogs, Austauschs. Und die Illusion, dass es diese Form der Informationserzeugung gratis gibt.

Ein beispielloser Wettbewerb

Da freier Zugang für alle herrscht, ist das Ausmaß dieses Phänomens nicht genau zu ermitteln. In der Basisversion ist die Eröffnung eines Blogs für jedermann möglich; manche haben sich in der digitalen Landschaft regelrecht niedergelassen, haben sich derart darauf spezialisiert, dass sie eine regelmäßige "Kundschaft" anlocken. Um die Aufmerksamkeit der Massen wird hart gekämpft. Der erste Schritt dahin ist die Wahrnehmbarkeit, der zweite die Bekanntheit und der dritte besteht darin, als Referenz zu dienen. Man denke beispielsweise an die Assouline-Blogs, (La République des livres), oder an die Versac-Blogs. Der Blog wird zum Meinungsmacher und ersetzt den Zeitungsartikel. Schneller und mit einer unmittelbaren Reaktionsfähigkeit ausgestattet, vereint er Kommentare und Beschreibungen, Meinungen und Objektivierungen.

Bisweilen Opfer seines eigenen Erfolgs, beendet der Blogger sein Unternehmen zuweilen, wie beispielsweise Versac: "[…]. Der Medienrummel um die Blogs hat eine Art Monstrum, eine törichte Erfindung, hervorgebracht, den einflussreichen Blogger. […]Durch das Klima, das diesen angeblichen Einfluss, diese Bekanntheit schafft, ist eine einfache Nutzung dieses Blogs nicht mehr möglich. […] In diesem lächerlichen Klima übertriebener Wahrnehmung, ein Erbe dieser langsam aussterbenden Medien, ist es zu einem Sport geworden, ein Star zu werden und diesen Sport möchte ich nicht ausüben. […] Dies ist nicht mehr möglich. Schade."

Der Wettbewerb zwischen den folgenden Wirtschaftsmodellen ist sogar noch größer: Einerseits findet man Informationsseiten, die vom Prestige eines traditionellen Mediums profitieren. Diese Medien stützen sich auf dieses traditionelle Medium, um meist lediglich eine Ansammlung abgeleiteter Produkte zu erzeugen. Anschließend emanzipieren sie sich ein wenig vom Ausgangsmedium, um die Möglichkeiten, welche die digitale Welt bietet, besser nutzen zu können (Wie beispielsweise LeMonde.fr, die eine auf aktuelle Ereignisse noch schneller reagierende Seite, LePost.fr eingerichtet hat). Andererseits finden sich Medien, die von Anfang an die Karte "Internet" ausspielen (Rue 89). Diese neuen Projekte ahmen die traditionellen Medien nach und entfernen sich gleichzeitig von ihnen (indem sie beispielsweise Artikel und Blogs kombinieren). Daneben entstehen ganz neue Seiten, teilweise satirisch (Bakchich) und sehr engagiert (samizdat.net, Acrimed), die sich langsam vortasten und eine eigene Persönlichkeit entwickelt haben, deren Mittel jedoch bescheiden sind und die daher fast vollständig von der Entschlossenheit und dem Zusammenhalt der sie begründenden Personen abhängen.

Am Rande dieser bereits vielfältigen und heterogenen Landschaft entstehen neue Projekte wie Telos, Nonfiction, Vie des idées, etc. Diese Seiten bieten Analysen von mehr oder weniger hohem Niveau und Kritiken zu neu erschienenen Büchern. Inhaltlich gleichen sie in etwa großen Zeitschriften wie Esprit oder Commentaire. Diese Seiten machen auf Autoren und Neuerscheinungen aufmerksam und regen den Leser zum Nachdenken an. Ein interaktiver Austausch ist jedoch nicht möglich. Das digitale Modell spart Kosten, beschleunigt und erweitert die Zirkulation von Texten, bricht jedoch nicht grundlegend mit dem traditionellen Modell.

Hinterfragung des digitalen Austauschs

Zum Bruch kommt es dann, wenn die Informationserzeugung ein kollektiver Prozess wird, der die traditionelle Aufspaltung in drei Phasen stört, diese möglicherweise sogar aufhebt: Informationserzeugung/ Vermittlung – Meinungsbildung/ Konsum. Der Internetnutzer ergänzt die Botschaft, bringt seine eigenen Informationen mit ein und verformt den ursprünglichen Inhalt. Die Nutzer antworten sich gegenseitig in einem Austausch, der die Diskussion langsam vom ursprünglichen Thema weglenkt. Auf diese Weise ist der Sachkundige angehalten, andere Meinungen zuzulassen und Dialoge mit Personen zu führen, die sich auf dem entsprechenden Gebiet zuweilen genauso gut, zuweilen aber auch überhaupt nicht auskennen. Die digitale Diskussion gleicht einer Informationskaskade, bei welcher das ursprüngliche Thema lediglich als Ausgangspunkt für einen kostenlosen Austausch dient, an dem Nutzer mit unterschiedlichen Absichten teilnehmen (Austausch, Bekräftigung der eigenen Meinung, Klarstellung, etc.).

Ein Teil der traditionellen Presse ist dazu verurteilt wie ein Schnellrestaurant, das minderwertiges Essen produziert, minderwertige Informationen zu erzeugen. Gleichzeitig besteht eine Nachfrage nach Kommentaren in Echtzeit, die für das Verständnis der Geschehnisse unverzichtbar sind, was in der Sprache der modernen Kommunikation als Dechiffrierung bezeichnet wird. Die Erzeugung von minderwertigen Informationen durch die traditionelle Presse hängt auch mit den Kosteneinsparungen, denen sie sich gegenübersieht, und den Rentabilitätszwängen zusammen, die aus der doppelten Konkurrenz der unentgeltlich und digital erhältlichen Medien herrühren. Dies ergibt insbesondere dann einen Sinn, wenn das Internet dieses Angebot mit einer Reihe von Links und Pfaden verbindet, wodurch die Möglichkeiten sich zu informieren beinahe ins Unendliche wachsen. Auf diese Weise entsteht der Wunsch, die Information unmittelbar weiter zu vertiefen. Wird das Internet diesem Wunsch wirklich gerecht? Der unerfahrene Internetnutzer verliert dabei schnell die Orientierung, da sich das Wahre mit dem Falschen, die Fiktion mit der Realität vermischt.

Das Modell des Unentgeltlichen

Gibt es ein wirtschaftliches Modell digitaler Medien in diesem krisengeschüttelten Universum, in dem die traditionelle entgeltliche Presse immer mehr Schwierigkeiten hat, ihre Funktion, die im Analysieren und Kommentieren besteht, zu erfüllen? Einerseits zeichnet sich ein durch und durch kostenloses Universum ab, in welchem die finanziellen Einträge jedoch durch symbolische Vergütungen ersetzt werden. Andererseits, haben entgeltliche Presseseiten erhebliche Probleme damit, die zur Erzielung eines finanziellen Gleichgewichts erforderliche Anzahl an Abonnenten zu erreichen (wie es beispielsweise bei Mediapart der Fall ist, eingerichtet von Edwy Plenel, der Chefredakteur der Tageszeitung Le Monde war). Andere Seiten sind wiederum gezwungen, sich in einem äußerst umkämpften Markt um Werbeeinnahmen zu bemühen (die gegebenenfalls zu explosionsartigen Kapitalerhöhungen führen können). Die Wirtschaftsakteure, die auf beiden Märkten (d.h. die sowohl Werbeplätze für Werbetreibende als auch Inhalte für Internetnutzer anbieten) tätig sind, sind vom Geldsegen der Werbeindustrie abhängig. Dieser Markt wächst jedoch langsamer als der Bedarf. Die Möglichkeiten für jeden Einzelnen, ein Stück vom Kuchen abzubekommen werden immer geringer, in einer Welt, in der die Leader-Prämie eine große Rolle spielt (d.h., dass die Werbetreibenden der wirtschaftlichen Logik nach ihre Werbung auf den am häufigsten aufgerufenen Seiten platzieren, siehe Tabelle). Um ausreichend Werbeeinnahmen zu erzielen, braucht eine Seite pro Monat mindestens eine Million Besucher. Sicherlich sind die Internetnutzer Multi-Käufer – jedoch nur bis zu einer gewissen Grenze. Sich unter diesen Bedingungen von anderen abzuheben und sich zu behaupten ist daher in der Tat ein wahres Abenteuer.

Ausgaben der Werbetreibenden, Frankreich

  Fernsehen Radio Kino Presse Internet
2007 (Milliarden Euro) 4.306 0.95 0.138 4.396 0.740
Entwicklung 2007/2006 (%) +2.3% -5% +9% -2.5% +36.5%

Quelle: France Publicité.

 
Françoise Benhamou
Françoise Benhamou ist Wirtschaftswissenschaftlerin, Professorin an der Universität von Rouen und forscht am MATISSE der Universität Paris 1. Sie hat zahlreiche Artikel und Bücher über ...
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Original in Französisch

Veröffentlicht am 08.08.2008

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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