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Magazin / Politik / Menschenhandel / Hintergrund | 11.06.2008
Die Schattenseite des europäischen Traums
von Autorinnen des Studienkollegs zu Berlin
Weltweit werden jährlich etwa 2,4 Millionen Menschen Opfer von Menschenhandel. Wie Menschenhandel und Migration zusammenhängen, zeigen Beispiele vom äußersten Rand Europas, aus der Republik Moldau.
"Au Pair in Holland, Frankreich, Deutschland, Alter 18 bis 30 Jahre, Dauer 12 bis 24 Monate"; "Quo Vadis? Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch – Work and Travel in Dubai." An fast jeder Ecke Chisinaus, der Hauptstadt der Republik Moldau, werben Zettel an Laternenmasten für Arbeit im Ausland oder für Fremdsprachenkurse. Aber nicht jedes Angebot ist so seriös wie es klingt.

Nina, die von der weltweiten Hilfsorganisation Internationale Organisation für Migration (IOM) nach ihrer Rückkehr nach Chisinau betreut wurde, hatte in der Ukraine als Landarbeiterin 100 Dollar im Monat verdienen wollen. "Damit", sagt sie, "hätte ich zumindest meine Familie und mein Kind versorgen können." Stattdessen wurde sie Opfer von Zwangsarbeit. Ein anderes Beispiel ist Natalia, die schwanger war, als sie sich ins Ausland vermitteln ließ: "[Die Vermittlerin] hat versprochen, dass wir jeweils 300 Dollar kriegen würden. Ich dachte, das war gut... ich würde ein Kind haben, und Geld für das Kind." Die Moldauerin Elena wollte in Italien als Haushaltshilfe arbeiten. Stattdessen wurde sie im Libanon zur Zwangsprostituierten.
Auswandern als einzige Lösung
In der zwischen der Ukraine und Rumänien gelegenen ehemaligen Sowjetrepublik sind viele Menschen aufgrund der Armut zur Auswanderung in reichere Länder gezwungen. Mehr als ein Viertel der Moldauer verfügt über weniger Geld als zum Leben nötig. Auf dem Land hat ein Fünftel der Bevölkerung sogar mit absoluter Armut zu kämpfen. Ihnen fehlt sogar das Geld, um sich ausreichend Nahrung zu kaufen. Viele zieht es deshalb in die nahe gelegene Europäische Union, wo sie auch bei illegaler Beschäftigung mehr als das Zehnfache der in Moldau üblichen Löhne verdienen können. Meistens wollen sie nur für eine kurze Zeit ins Ausland gehen, um später ihre Ausbildung oder die Gründung einer Familie finanzieren zu können.
Wechselstuben in Supermärkten
Die 23-jährige Psychologiestudentin Svetlana aus Chisinau ist eine von ihnen. Sie träumt davon, in St. Petersburg einen Master zu machen. "Doch dafür brauche ich Geld", sagt sie. "Ich könnte mir vorstellen, eine Zeit lang im Ausland in irgendeinem Bereich zu arbeiten, um dieses Geld zusammen zu kriegen.” Oft schicken moldauische Migranten das im Ausland verdiente Geld nach Hause. So erklären sich auch die vielen Wechselstuben in Chisinau, sogar in Supermärkten. Nach Angaben von IOM Moldova betragen diese Rücküberweisungen ein Drittel des moldauischen Bruttoinlandsproduktes.
Komplexes Phänomen
Der enorme Migrationsdruck in Moldau führt dazu, dass das kleine Land besonders stark vom Menschenhandel betroffen ist. Menschenhandel wird oft mit gewaltsam verschleppten Mädchen und Frauen assoziiert, die eingesperrt und zur Prostitution gezwungen werden. Doch das Phänomen ist deutlich komplexer. Laut Definition des Palermo-Protokolls der Vereinten Nationen liegt Menschenhandel bei allen Formen von Zwangsarbeit vor, nicht nur bei Prostitution. Menschenhandel heißt nicht nur, dass Menschen verschleppt oder entführt werden, weitaus häufiger stehen Betrug und Täuschung im Vordergrund. Nicht immer werden dabei Landesgrenzen überschritten. Menschenhandel macht nach Angaben des Europarates bereits weltweit einen Umsatz von 32 Milliarden Dollar pro Jahr aus und ist damit die drittgrößte Einnahmequelle – nach Drogen- und Waffenhandel – der globalen illegalen Geldgeschäfte. 2,4 Millionen Menschen sind nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation jährlich Opfer von Menschenhandel – allein in Europa sind es nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration 500.000.
Opfer aus Osteuropa
Seit Anfang der 1990er Jahre kommen die Opfer zunehmend aus osteuropäischen Staaten, laut Lagebericht 2006 des Bundeskriminalamtes kommen etwa die meisten Frauen, die nach Deutschland gehandelt werden, aus der Tschechischen Republik, Rumänien, Polen und Russland. Durch die dortige wirtschaftliche Lage sehen sich viele Menschen gezwungen, ihre Heimatländer auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensperspektiven zu verlassen. Menschenhändler nutzen das aus, indem sie Arbeit im Ausland versprechen, die oft in der Sklaverei ähnlichen Verhältnissen endet. Die OSZE spricht sogar von "modernen Sklaven".
Schätzungen von IOM Moldova zufolge leben 600.000 Moldauer derzeit im Ausland. Das entspricht einem Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung. Für die wenigsten von ihnen gibt es eine Möglichkeit, legal in der Europäischen Union zu arbeiten. Viele versuchen es deswegen auf illegalem Wege. In den meisten Fällen arbeiten die Migranten im Zielland in dem vereinbarten Bereich und mehr oder weniger zu den vereinbarten Bedingungen. Die IOM geht aber davon aus, dass ein Prozent der moldauischen Migranten Opfer von Menschenhandel werden.
Risiken eingehen
Den meisten Moldauern ist bewusst, dass sie im Zuge der Migration Opfer von Menschenhandel werden könnten. "Klar sind mit der Migration auch Risiken verbunden,” erzählt eine BWL-Studentin der Universität Chisinau. "Aber bei uns gibt es keine Perspektiven, so dass man bereit ist die Risiken einzugehen.” Besonders anfällig für Menschenhandel sind junge Frauen zwischen 18 und 29 Jahren aus ländlichen Gegenden, ergab eine Studie der IOM Moldova. Zwei Drittel der gehandelten Frauen haben Kinder, denen sie durch das im Ausland verdiente Geld ein besseres Leben zu ermöglichen hoffen.
Wenn Freunde zu Tätern werden
Weil sich die sozialen Umstände in den betroffenen Ländern ändern und über die Problematik immer stärker aufgeklärt wird, ändert sich die Taktik der Menschenhändler ständig. "Früher haben organisierte Gruppen von drei bis zehn Personen die potenziellen Opfer ausfindig gemacht," berichtet Victor Lutesco von der IOM in Chisinau, "heutzutage sind es immer häufiger Freunde, Nachbarn und Verwandte, die dafür Geld bekommen." Die moldauische NGO La Strada gibt an, dass inzwischen die Hälfte der Fälle so vermittelt werden. Die junge Moldauerin Maria erzählt: "Ich habe mich entschieden zu migrieren, weil mein Mann krank war, und wir nicht genug Geld für eine Behandlung hatten. Seine Cousine kam zu mir und sagte, sie arbeite in Moskau auf dem Markt und könne mir helfen, einen Job zu finden. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass ich in so eine Situation geraten könnte."
Vom Traum zum Alptraum
In den Zielländern kennen sich die Migranten nicht aus, nur selten beherrschen sie die Landessprache und wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Pässe und Geld werden ihnen in der Regel gleich nach der Ankunft abgenommen. Ihr zumeist illegaler Aufenthaltsstatus macht sie erpressbar, und wegen der Kosten für die Ausreise sind sie oft hoch verschuldet. Häufig sind Gewalt und Vergewaltigungen an der Tagesordnung.
Menschen handeln
Das wirksamste Mittel gegen den Menschenhandel ist sicherlich die Bekämpfung von Armut in den Herkunftländern. Wenn man aber mittelfristig dem Menschenhandel entgegenwirken will, muss Migration so gestaltet werden, dass nicht nur kriminelle Netzwerke davon profitieren. Das Ende 2006 vom Rat der Europäischen Union verabschiedete Konzept zur temporären Arbeitsmigration und die Idee einer europäischen "Blue Card", vorgeschlagen von EU-Innnenkommissar Franco Frattini im September 2007, sind erste Schritte in eine neue Richtung. Sie tragen der Nachfrage nach billigen Arbeitskräften in bestimmten Bereichen Rechnung, in dem sie temporären Aufenthalt ermöglichen.
Wir danken IOM Moldova für die zur Verfügung gestellten Zeugenaussagen.
Sabine Bendix, geb. 1984 in Wittenberg, Mariya Brovchenko, geb. 1986 in Kiew, Kaleen Gallagher, geb. 1987 in Chicago, Judith Lehnert, geb. in 1984 in ...
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