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Magazin / Aktuell / Postdiktatur-Diskurse / Interview | 29.10.2008
"Viele Menschen wollen ihre eigene Akte lesen"
Das Interesse für das Leben in der SED-Diktatur ist in Deutschland, fast 20 Jahre nach dem Ende der DDR, noch groß. Ein Interview mit der Bundesbeauftragten der Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen Marianne Birthler.
euro|topics: Frau Birthler, die Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) wurde am 3. Oktober 1990 gegründet, sie gilt als vorbildlich in Europa. Gibt es einen speziell deutschen Weg der Aufarbeitung?
Einer der wichtigsten Unterschiede im Vergleich zu anderen ehemals kommunistisch beherrschten Ländern ist, dass das Ministerium für Staatssicherheit der DDR seinerzeit ersatzlos aufgelöst wurde und die Unterlagen an eine dafür geschaffene Institution übergeben wurden. Die Akten der Geheimpolizei der DDR wurden zu einem sehr frühen Zeitpunkt geöffnet. Dadurch sind die Verluste nicht so groß, wie leider in vielen anderen Ländern. Man wollte Anfang der 1990er nicht wie nach 1945 wieder eine Generation auf den Beginn einer öffentlichen Debatte warten.

Foto: Die Hoffotografen
In anderen Ländern des früheren Ostblocks haben sich die heutigen Geheimdienste aus Teilen des früheren Apparats entwickelt. Nur ein Teil der Länder hat eigene Gesetze und Institutionen für die Verwahrung der ehemaligen Geheimpolizeiunterlagen, etwa Polen und Tschechien. In Albanien und der Ukraine beispielsweise werden die Unterlagen von den heutigen Geheimdiensten verwaltet.
euro|topics: Welche Hindernisse gibt es bei der Aufarbeitung?
Das ist von Land zu Land so verschieden, dass ich das nicht auf einen Nenner bringen kann. Das hat natürlich auch immer damit zu tun, ob noch Menschen in politischer Verantwortung sind, die an früheren Machtstrukturen beteiligt waren. Widerstand entsteht aus der Angst vor der Wahrheit, manchmal auch aus Angst vor dem Schmerz der Auseinandersetzung oder vor Konflikt in der Gesellschaft.
euro|topics: Seit Gründung der BStU sind bei Ihnen mehr als 6 Millionen Anträge eingegangen, davon allein etwa 2,5 Millionen zur persönlichen Akteneinsicht. Fürchten sich die Deutschen nicht vor der Vergangenheit?
Die Möglichkeit, die eigene Akte zu lesen, wird inzwischen von vielen Menschen als ein ganz selbstverständliches Recht genutzt, ohne dass es zu den befürchteten Konflikten oder Racheakten gekommen wäre. Unsere Arbeit ist selbstverständlich geworden.
euro|topics: Haben sich in den letzten 18 Jahren, seit Existenz der Behörde, bereits die Fragen verändert, mit denen man sich an Sie wendet?
Der Fokus der Aufmerksamkeit hat sich von der manchmal etwas einseitigen Sicht auf Enthüllungen und sensationelle Geschichten abgewendet. Die Fragen werden genauer und tiefer. Viele Menschen wollen wissen, wie die Diktatur im Detail funktioniert hat, und wie sich Menschen unter diesen Bedingungen verhalten haben.
euro|topics: Man kann ja sogar einen Oscar mit dem Thema gewinnen, wie Florian Henckel von Donnersmarck 2007 mit dem Leben der Anderen. Die Deutschen wollen mehr über das Leben in der DDR und im SED-Regime wissen.
Ja, es ist ein anerkanntes gesellschaftliches Thema. Natürlich gibt es auch in Deutschland immer noch Widerstände gegen die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Einige waren mit dem früheren SED-System verbunden und möchten nicht, dass es kritisiert wird, andere meinen, es wäre für die Gesellschaft besser, den gnädigen Mantel des Vergessens über alles zu breiten. Ich bin daher sehr froh, dass auf der politischen Ebene – seitens des Bundestags und der Bundesregierung – und in den Medien ein großer Konsens darüber existiert, dass die Diskussionen nicht gedeckelt werden dürfen.
euro|topics: Derzeit wird dem tschechischen Autor Milan Kundera vorgeworfen, einen antikommunistischen Widerständler an den tschechoslowakischen Geheimdienst verraten zu haben. Wie wichtig ist der Einzelfall bei der Aufarbeitung?
Ich bin mit der Aktenlage bei Kundera nicht vertraut, weil es ein tschechischer Fall ist. Ich hoffe aber, dass die tschechische Öffentlichkeit mit der gebotenen Sachlichkeit über diesen Einzelfall diskutiert. Nach unseren Erfahrungen liegt jeder Fall anders. Bei uns gibt es sehr strenge Regeln für die Frage, welche Information über welche Person an die Öffentlichkeit darf. Das Stasi-Unterlagengesetz unterscheidet zwischen Betroffenen und Mitarbeitern der Staatssicherheit, auch Inoffiziellen Mitarbeitern, so genannte IM. Die Namen letzterer dürfen in der Öffentlichkeit genannt werden, wenn eindeutig gesichert ist, dass sie mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet haben. Ansonsten dürfen die Akten oder auch Personen bezogene Daten nur mit der Zustimmung der jeweils Betroffenen in der Öffentlichkeit genannt werden.
euro|topics: Ohne die Öffentlichkeit der Medien funktioniert die Aufarbeitung also nicht?
Die Medien spielen eine herausragende Rolle. Wenn wir im nächsten Jahr an den 20. Jahrestag der demokratischen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa erinnern, kann ich mir das ohne mediale Vermittlung gar nicht vorstellen. Der 50. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR im Juni 1953 zum Beispiel, den wir 2003 begangen haben, war nicht zuletzt durch die mediale Vermittlung ein breit wahrgenommenes öffentliches Thema.
euro|topics: Was meinen Sie, was macht die nächste Generation mit den Akten?
Die Akten der Behörde für Staatssicherheit werden auch in Zukunft eine sehr wichtige zeitgeschichtliche Quelle bleiben. Natürlich wird jede Generation ihre eigenen Fragen stellen, und immer wieder neue Forschungsthemen werden die Debatte prägen. Heute setzt man erhebliche finanzielle Ressourcen ein, um die Archive offen zu halten und um die Zivilgesellschaft bei Aufarbeitungsprojekten zu unterstützen. Es sind ja oft kleine Vereine und private Museen, die sich auf sehr verschiedene Weise mit dem Thema beschäftigen und versuchen, für die nächste Generation entsprechende Bildungsangebote zu machen.
Interview: Nikola Richter
Original in Deutsch
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