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Magazin / Aktuell / Tourismus / Artikel | 16.07.2008
Auf und davon
von Andrea Bonder
Für jeden zweiten Touristen auf der Welt heißt das Ziel Europa. Wie geht es dem europäischen Tourismusmarkt? Und wie wird er sich in Zukunft entwickeln?
Der alte Kontinent steht bei Reisenden hoch im Kurs. 484 Millionen unternahmen vergangenes Jahr eine Auslandsreise in oder nach Europa – jeder zweite Tourist weltweit. Laut Welttourismusorganisation zog es 176 Millionen nach Südeuropa, 155 Millionen nach Westeuropa (davon 80 Millionen nach Frankreich, das meistbesuchte Land der Welt), 92 Millionen nach Mittel- und Osteuropa und 56 Millionen nach Nordeuropa und Großbritannien.

Europa als Reiseziel liegt daher mit großem Abstand vor Asien und Ozeanien (184 Millionen), Amerika (142 Millionen), dem Nahen Osten (48 Millionen) und Afrika (44 Millionen). Die Besucherzahl Europas, im Jahr 2000 noch 396 Millionen, wächst seit Jahren um rund vier Prozent jährlich und wird bis 2020 sogar auf 717 Millionen steigen. Prognosen gehen allerdings davon aus, dass der Weltmarktanteil Europas auf 45 Prozent sinken und von Fernost abgelöst wird, wohin mehr und mehr chinesische Touristen reisen werden. Europa könnte, so vermuten die Experten der European Travel Commission, in anderen Bereichen erfolgreich werden: im Medizin- und Wellnesstourismus, bei Erlebnisreisen und in anderen Nischenmärkten.
Starker Euro
Zurzeit macht der starke Euro den Touristen zu schaffen. Zwar kamen 2007 mit 13 Millionen mehr US-Amerikaner als je zuvor in die Länder der Europäischen Union. In Japan, Europas zweitwichtigstem Quellmarkt, verzichten im Moment allerdings viele auf Langstreckenreisen. Für viele Chinesen gilt Europa als Traumziel. Bisher kommen erst zwei Millionen jährlich, die Tendenz ist jedoch steigend. Die Europäer selbst zieht es, wenn sie nicht zu Hause bleiben oder ihre Nachbarländer besuchen, überwiegend in klassische Strand-und-Sonne-Länder. Die Top 10 der Deutschen, der Reiseweltmeister, sind USA, Ägypten, Tunesien, China, Thailand, Kanada, Brasilien, Südafrika, Dominikanische Republik und Kenia. 61 Milliarden Euro ließen sich die Deutschen ihre Reisen kosten, weit mehr als die zweitplatzierten Amerikaner mit 48 Milliarden Euro.
Mit dem Auto in die Ferien
Allen Schnäppchen, Werbemillionen, gewollten und tatsächlichen Trends zum Trotz: Wenn Europäer in die Ferien wollen, steigen laut der European Travel Commission über 70 Prozent einfach in den eigenen Wagen. Besonders Griechen (89 Prozent), Spanier (86 Prozent), Franzosen (83 Prozent) und Italiener (75 Prozent) machen nach Eurostat-Angaben Urlaub im eigenen Land. Sie besitzen oder mieten ein Ferienhaus auf dem Land und verbringen den Sommer bei Freunden und Verwandten. In Deutschland zieht es nur ein Drittel in heimische Pensionen, Privatunterkünfte und auf Campingplätze. Seit der Einführung des Euro merken vor allem die Franzosen, Briten, Spanier und Italiener, dass es billiger sein kann, im Ausland Urlaub zu machen. Kurioserweise besuchen sie sich seitdem vor allem gegenseitig.
Die Badewanne Europas
Die Länder Südeuropas profitieren davon, dass weniger Deutsche, Briten und Russen zum Baden in die Ferne fliegen: Hier ist der Reisemarkt um sieben Prozent gewachsen. Diese Konkurrenz scheint der Türkei nichts auszumachen, die mit neuen, preiswerten All-inclusive-Resorts aufwartet. Dorthin reisten 18 Prozent mehr Touristen im Jahr 2007. Damit profitiert die Türkei von der höchsten Wachstumsrate in Europa, gefolgt von Griechenland (12 Prozent) und Portugal (10 Prozent).
Bayern, Berlin und Billigflieger
West- und Nordeuropa hingegen leben vom Städtetourismus. Laut Euromonitor ist London mit 15 Millionen internationalen Touristen die meistbesuchte Stadt Europas, darauf folgen Paris (9,7 Millionen), Rom (6 Millionen), Barcelona (4,7 Millionen) und Dublin (4,5 Millionen). Allein London hat einen Jahresumsatz im Tourismus von 21 Milliarden Euro, Paris von 15,5 Milliarden Euro. Dazu kommt der europäische Inlandstourismus: Deutsche zum Beispiel mögen seit jeher Tages- und Wochenendausflüge in die Städte und verbringen am Meer und in den Bergen jetzt auch wieder längere Urlaube. Top sind Bayern (26 Millionen Touristen), Berlin (7,6 Millionen) und die boomenden Ostseebäder (4,7 Millionen), übrigens auch bei ausländischen Touristen.
Kurztrips mit Klimaausgleich
Auch wenn in den vergangenen zehn Jahren laut Eurostat der Anteil der Flugreisen auf ein Viertel angestiegen ist, in Großbritannien und Dänemark sogar von 34 auf 47 beziehungsweise auf 42 Prozent – stehen billige Flüge immer mehr in der Kritik. Nachhaltiges Reisen ist allerdings viel teurer als herkömmlicher Urlaub – und gilt daher noch als Nischenbranche Jedoch eine mit starkem Wachstum und angesichts steigender Energiepreise eine mit Potenzial. "Mit dem Umsatzzuwachs von 17 Prozent liegen wir deutlich über den Zahlen der restlichen Reisebranche", freut sich Rolf Pfeifer, der Geschäftsführer des deutschen "Forums anders Reisen" , in dem 150 Veranstalter umwelt- und sozialverträglicher Reisen organisiert sind. Bisher macht ihr Jahresumsatz von 150 Millionen Euro nur ein Prozent des deutschen Reisemarktes aus. Die Initiative Atmosfair bietet die Möglichkeit, die verursachten Klimagase über die Finanzierung von Klimaschutzprojekten zu neutralisieren. 2007 sammelte sie fast 1,4 Millionen Euro Spenden, 2006 waren es erst 194.000 Euro.
Ferien in Osteuropa
Ins verhältnismäßig günstige Zentral- und Osteuropa fahren viele auf Kurztrips, auf denen sie sich Städte wie Prag, Budapest, Krakau, Riga und Tallinn ansehen. Das niedrige Preisniveau und Billigflieger locken Badende, Nachtschwärmer und Kurgäste vor allem nach Polen, Ungarn, Tschechien und Bulgarien. Wachstum ist derzeit kaum zu verzeichnen, 2007 kamen nur 1,7 Prozent mehr internationale Touristen nach Osteuropa als im Vorjahr. Überdurchschnittlich wächst Ungarn (2007 um 2,8 Prozent, 2006 um 6,2 Prozent), zählt allerdings wie viele osteuropäische Länder überwiegend Tagesgäste – fast 40 Millionen Ankünfte stehen nur 3,4 Millionen Übernachtungen gegenüber. Das soll sich ändern. "Die Regierungen investieren stark in Infrastrukturentwicklung und Marketing. Außerdem fördern sie Privatinvestitionen in der Tourismusbranche," weiß Rob Franklin, Geschäftsführer der European Travel Commission. Ausgaben, die sich hoffentlich rechnen; denn bislang liegen die Urlaubsausgaben in Osteuropa um 60 Prozent unter denen im restlichen Europa. Aber das könnte sich bald ändern, wenn die Asiaten anfangen, die neuen Länder des alten Kontinents zu entdecken. Bereits 2006 vermeldete China Travel International, eine der größten chinesischen Reiseagenturen, ein steigendes Interesse an Österreich, Ungarn und der Tschechische Republik.

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