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Magazin / Kultur / Moscheebauten / Debatte | 27.09.2007
Der Streit um Moscheebauten
von Michael Kaczmarek
In vielen westeuropäischen Städten sind Pläne für den Bau neuer Moscheen zum Politikum geworden. Intellektuelle positionieren sich und Politiker profilieren sich. Die Bürger schauen skeptisch auf die geplanten repräsentativen Bauten muslimischer Organisationen, die von einem neuen Selbstbewusstsein zeugen.
Ob in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien oder Schweden – über die Pläne für den Bau neuer Moscheen wird in fast allen westeuropäischen Ländern gestritten. Die muslimischen Gemeinden sind in den vergangenen 50 Jahren durch Zuwanderung aus Nordafrika, der Türkei, den Balkan-Ländern oder aus Pakistan stark gewachsen.

Muslimische Verbände und Befürworter von Moscheebauten meinen, die bisherigen provisorischen Gebetsräume reichten nicht mehr aus. Die rund 15 Millionen Muslime in der EU hätten ein Recht auf angemessene Räume für die Ausübung ihrer Religion.
Größere Gebetsräume sind aber nur ein Aspekt in der an manchen Orten heftig geführten Debatte. Wichtiger ist, dass repräsentative Moscheen, die teilweise mit Minaretten ausgestattet werden sollen, steinernes Symbol dafür sind, dass der Islam Teil der Lebenswirklichkeit in Europa geworden ist. Anwohner und islamkritische Intellektuelle empfinden das als Bedrohung. Und sie fürchten, dass in den neuen Moscheen anti-westliche Werte gepredigt werden.
Machtdemonstration oder Zeichen der Integration?
So erregte etwa der deutsche Publizist Ralph Giordano internationales Aufsehen, als er sich gegen den Bau einer Zentralmoschee in Köln aussprach. Der türkische Moscheeverband Ditib will dort bauen: Der Entwurf des Architekten Gottfried Böhm sieht einen Gebetsraum für 2000 Gläubige unter einer 17 Meter hohen Kuppel und zwei 55 Meter hohe Minaretten vor. Sie sind damit höher als die Türme einer benachbarten Kirche. "Stoppt den Bau der Moschee. Es ist ein falsches Signal. Wahr ist, dass die Integration der muslimischen Minderheit in Deutschland gescheitert ist", erklärt Giordano am 16. Mai 2007 in einem Streitgespräch mit dem Ditib-Dialogbeauftragten Bekir Alboga im Kölner Stadt-Anzeiger.
"Die Erlaubnis zum Bau einer Moschee ist zum Glück kein Gnadenrecht, das die geneigte Mehrheit bei gelungener Integration (Wie misst man sie?) verleiht, sondern eine Frage der Religionsfreiheit und des Baurechts", konterte Jörg Lau am 31. Mai 2007 in der Zeit.
Sorge vor Extremismus
Mit ähnlichen Argumenten unterstützte die schwedische Zeitung Dagens Nyheter am 4. August die Pläne der islamische Kulturvereinigung, im Stockholmer Einwanderervorort Skärholmen eine neue Moschee zu bauen: "Es ist unmöglich, Extremismus zu verhindern, indem man den Bau von Moscheen auf schwedischem Grund und Boden erschwert. Extremismus kann auch in provisorischen Kellerwohnungen gedeihen. Es ist entschieden konstruktiver, gemäßigte muslimische Gruppen zu unterstützen – und eine schwedische Imanausbildung zu beginnen, die zu einer Erneuerungsarbeit innerhalb des Islam beitragen kann."
Dass eine solche Integrationsleistung mit den neuen Moscheen möglich ist, glaubt die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek gerade nicht. Moscheen seien "Multifunktionsbauten", die es der muslimischen Bevölkerung erlaubten, sich abzugrenzen. Wie Giordano lehnt Kelek den Bau großer Moscheen grundsätzlich ab. Sie seien, wie die Kopftücher der Musliminnen, ein "sichtbares politisches Statement" und "ein Hindernis für die Integration. Diese Moscheen sind Keimzellen einer Gegengesellschaft", schrieb sie am 5. Juni 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Die Sichtbarkeit des Islam
Über die Symbolkraft der Architektur neuer Moscheen wird im Londoner Bezirk Newham gestritten. Hier soll direkt neben den Stadien für die Olympischen Spiele 2012 Europas größte Moschee entstehen - mit einem religiösem Zentrum für 12.000 Gläubige. "Wenn die Fernsehzuschauer in der ganzen Welt während der Eröffnungszeremonie Luftaufnahmen vom Stadion sehen werden, wird das bedeutendste religiöse Bauwerk nicht eine der bekannten Kirchen sein, die die Geschichte der Nation geprägt haben, sondern die Mega-Moschee", schrieb Philip Johnston am 25. September 2006 im Daily Telegraph.
Nach den ersten Entwürfen der Architekten Ali Mangera und Ada Yvars Bravo sollte die Londoner Moschee zwar weder über Minarette noch über eine Kuppel verfügen, von oben jedoch wie ein arabisches Schriftzeichen aussehen. Eine Petition gegen die "Mega-Moschee" auf der Website von Gordon Brown unterzeichneten bis zum 18. Juli 2007 mehr als 280.000 Bürger.
Was passiert in den Moscheen?
Noch wichtiger als die Kritik am Aussehen oder an den Moschee-Entwürfen sind für die Gegner Einwände gegen die Träger der Moscheen. In London ist es etwa die orthodoxe Missionierungsbewegung Tablighi Jamaat, die verdächtigt wird, religiösen Fundamentalismus zu fördern und eine Rekrutierungsstelle für al Qaida zu sein. Dies erzeuge bei den britischen Moschee-Gegnern zusätzliches Misstrauen, erklärte Karine Le Loët am 30. Mai 2007 in der französischen Libération. Auch in Köln gibt es Kritik am Trägerverein Ditib: "Die Ditib versucht sich seit kurzem an der eigenen Modernisierung, die auch deshalb schwerfällt, weil sie mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden ist. Imame stammen in der Regel aus der Türkei und predigen auf Türkisch", berichtete Lisa Nienhaus am 3. Juli 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Auch Moschee-Befürworter halten es für wichtig zu überprüfen, woher das Geld für Moscheebauten kommt, wer ihre religiösen Träger sind und in welcher Sprache welche Inhalte gepredigt werden. Eine generelle Ablehnung von Moscheebauten, wie sie etwa in der Schweiz gefordert werde, sei aber falsch, schrieb die britische Wochenzeitschrift The Economist am 30. August 2007: "Die meisten Moscheen in der westlichen Welt stellen keine Bedrohung für die nicht-muslimischen Bürger dar... Den Extremismus zu vernichten wird sicher einfacher in einer Atmosphäre, wo die Finanzierung und Steuerung der Moscheen eine offene, transparente Angelegenheit ist."
"Minarett-Verbote" als rechtspopulistische Strategie
In der Schweiz wird besonders erbittert um Moscheeneubauten gestritten. Der so genannte Minarett-Streit ist ein Beispiel dafür, wie die Argumente von Kritikern von Moscheebauten von rechtspopulistischen Parteien vereinnahmt werden. Die an der Regierung beteiligte Schweizerische Volkspartei (SVP) hat im Mai dieses Jahres eine Initiative für ein Referendum gestartet, um ein generelles "Minarett-Verbot" in der Schweizer Verfassung festzuschreiben. Dafür müssten bis zum 1. November 2008 100.000 Unterschriften gesammelt werden.
Martin Beglinger kritisierte am 7. September im Magazin des Schweizer Tages-Anzeigers, es sei absurd, dass das europäische Land mit der moderatesten muslimischen Gemeinschaft ein Minarettverbot diskutiere: "Dass etliche europäische Staaten – und gerade jene mit kolonialer Vergangenheit – große Probleme mit ihren muslimischen Gemeinschaften haben, das kann im Ernst niemand bestreiten. Doch die Schweiz, das ist ebenso klar, zählt nicht dazu." Sicher sei, "dass die Minarett-Initiative nicht Extremismus verhindert, sondern züchtet".
Die Initiative zum "Minarett-Verbot" hat sich inzwischen zu einem rechtspopulistischen Exportschlager entwickelt. In Österreich etwa haben Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Jörg Haider (BZÖ) diese Idee übernommen. "BZÖ und FPÖ haben ganze Passagen aus dem Argumentarium der Schweizer Minarett-Verbot-Initiative abgeschrieben, nicht zuletzt die zentrale Behauptung, bei Minaretten handele es sich um Symbole des religiösen und politischen Machtanspruchs des Islam", berichtete der Politikwissenschaftler Oliver Geden am 30. August im österreichischen Standard.
Der Alltag
Rechtspopulistische Parteien, die sich als Moscheebau-Gegner profilieren, schüren gezielt die Ängste von Anwohnern, indem sie Moscheen und Minarette zu Symbolen eines aggressiven und feindlichen Islamismus erklären. Die Auseinandersetzung mit den konkreten Argumenten und Bedenken der Kritiker und den Bedürfnissen und Argumenten der Befürworter droht dabei in den Hintergrund zu treten.
Die Ängste seien aber übertrieben, urteilte Xavier Febrés am 14. August in der spanischen Zeitung El Periodico: "Wenn sich manche europäische Städte durch den Bau von Minaretten verändern, dann bedeutet das keinen größeren multikulturellen Wandel als den, den unsere Gesellschaft im Alltag ohnehin schon erlebt."
Dort, wo über Moscheen und Muslime nicht abstrakt diskutiert wird, sondern sie als Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden, hält sich das negative Bild nicht, stellte auch Michaela Schlagenwerth am 7. Juni 2007 in der Berliner Zeitung angesichts der Situation in Deutschland fest: "Die Muslime kommen heraus aus dem Schatten der Hinterhöfe und werden zu einem sichtbaren, greifbaren Teil der deutschen Gesellschaft. Dort, wo es bereits Moscheen gibt, ähneln sich die Berichte: An die Stelle der Ängste tritt ein nachbarschaftliches Verhältnis."

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