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22.11.2008

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Magazin / Medien / Europäische Öffentlichkeit / Interview | 28.01.2008

Medien haben "Nachholbedarf in Sachen Europa"


Anja Herzog, ist Mitarbeiterin des Hans-Bredow-Instituts in Hamburg. Dort beschäftigt sie sich mit Fragen der europäischen Integration und der Medienentwicklung in Osteuropa. Mit euro|topics sprach sie über die Probleme der europäischen Öffentlichkeit und das Potenzial transnationaler Medien.


Können wir in Europa von einer europäischen Öffentlichkeit sprechen?

Eine einzige, gemeinsame europäische Öffentlichkeit besteht allenfalls für eine begrenzte Zeit. Zum Kosovokrieg etwa waren die Agenden der Medien weitgehend synchronisiert und Meinungen und Argumente innerhalb der verschiedenen europäischen Länder ähnlich. Gleichzeitig werden in solchen Situationen stärker die Meinungen aus anderen nationalen Öffentlichkeiten wahrgenommen.

Innerhalb der nationalen Öffentlichkeiten fehlt also der Bezug zu Europa?

Die Europäisierung einzelner Öffentlichkeiten existiert zwar in Ansätzen, ist aber noch nicht sehr ausgeprägt. Einzelne europäische Länder sind innerhalb der nationalen Öffentlichkeiten stark unterrepräsentiert. Ähnliches gilt übrigens auch für Politik und Entscheidungen, die auf europäischer Ebene getroffen werden. Darüber wird innerhalb der nationalen Öffentlichkeiten nur sehr eingeschränkt berichtet und dies stets mit einer klar nationalen Perspektive. Entsprechend häufig sind Bürger unzureichend informiert über wichtige politische Entscheidungen, die auf EU-Ebene getroffen werden.


Anja Herzog


Welche Themen erreichen das europäische Publikum am ehesten?

Mit Risikokommunikation und Sensationsmeldungen ist es besonders leicht, europäische Öffentlichkeiten zu schaffen. Wenn eine Katastrophe passiert, sei es das Tankerunglück der Estonia in der Ostsee oder die Oderflut, werden stark europäisierte Öffentlichkeiten verzeichnet. Diese nehmen sich auch gegenseitig wahr: In solchen Situationen erfährt das nationale Publikum häufig, wie im Nachbarland über die Katastrophe diskutiert wird.

Warum findet die EU nur wenig Gehör innerhalb der nationalen Öffentlichkeiten?

Hier stellt sich die Frage, was die Redakteure und Chefredakteure der einzelnen Medien wahrnehmen? Ihre Perspektive ist noch immer viel mehr von der nationalen öffentlichen Meinung geprägt. Erst wenn eine Regierung z. B. in ihrer Umweltpolitik auf EU-Politik Bezug nimmt, wird auch die europäische Ebene für die Medien interessant. Leider ist Europa nur selten von sich aus interessant für die Blattmacher. Über Entscheidungen der EU etwa berichten die Medien der Mitgliedsstaaten nur selten ausführlich.

Wird die Relevanz der EU-Politik auf nationaler Ebene unterschätzt?

Die alltäglichen Probleme der EU-Politik sind für die nationalen Medien meist nicht von Interesse. Ihr Nachrichtenwert ist für die Redakteure zu gering, sie ziehen nationale Ereignisse vor. Korrespondenten aus Brüssel haben es nicht zuletzt deswegen schwer, Europa-Themen in den nationalen Medien unterzubringen.

Ist das nicht ein Widerspruch? Die öffentlich-rechtlichen Sender haben doch ihre größten Auslandstudios in Brüssel!

Das ist richtig. Im Vergleich zu kommerziellen Medien haben die öffentlich-rechtlichen Sender eine stärkere Europa-Berichterstattung. Allerdings werden Europa-Themen in ausführlicherer Form meist in eigens dafür geschaffenen Formaten ausgestrahlt. Diese haben in der Regel einen wesentlich kleineren Kreis von Rezipienten als Sendungen, in denen über nationale Belange berichtet wird. Die Berichterstattung über EU-Politik muss auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch weiter optimiert werden.

Wie können nationale und regionale Medien das Bewusstsein für Europa schärfen?

Diese Medien müssen ihre Perspektive verändern. Die Redaktionen sollten ab und zu ihren nationalen gegen den europäischen Blickwinkel eintauschen. Viele Zuschauer denken, die EU-Politik hätte keinen Einfluss auf ihr Leben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Europa häufig losgelöst von nationalen Debatten thematisiert wird. Wichtig wäre, innerhalb der Redaktionen dem Thema Europa die Bedeutung beizumessen, die es auf politischer, aber auch wirtschaftlicher und kultureller Ebene faktisch schon hat und so auch das Wir-Gefühl in Bezug auf Europa zu stärken.

Andere Medien widmen sich ausschließlich dem Thema Europa, um eine transnationale Öffentlichkeit zu erreichen. Was sind die Besonderheiten der transnationalen Medien?

Transnationale Medien sind in ihrer Berichterstattung über Europa viel spezialisierter als die nationalen Medien. Sie richten sich an Sportinteressierte wie Eurosport, an Geschäftsleute wie die Financial Times oder an Europa-Interessierte wie Eurotopics. Damit die ausschließlich auf Europa bezogenen Medien einen größeren Nutzerkreis erreichen können, müsste wohl erst das allgemeine Bewusstsein für die Bedeutung Europas wachsen.

Welches Publikum erreichen transnationale Medien?

Die meisten Rezipienten transnationaler Medien haben bereits einen sehr engen Bezug zu Europa und seinen Themen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, die einen haben beruflich und ökonomisch viel mit und in anderen europäischen Ländern zu tun. Andere Rezipienten sind auf kultureller Ebene sehr an Europa interessiert. Für einen solchen Rezipientenkreis ist es z. T. auch wichtig, Medien in mehreren Sprachen wahrzunehmen und so aus erster Quelle über Europa informiert zu bleiben.

Eine große Herausforderung in der europäischen Berichterstattung ist die Sprachenvielfalt. Wie erreichen Medien trotz der verschiedenen Sprachen ein möglichst großes Publikum?

Die Sprachenvielfalt Europas sollte von den Medien auf jeden Fall berücksichtigt werden. Es gehört leider noch nicht zur Normalität in Europa, neben der Muttersprache eine weitere europäische Sprache ausreichend gut zu beherrschen, um fremdsprachige Medien rezipieren zu können. Das hängt viel mit der Bildung (der Redakteure und Nutzer) zusammen. Je geringer die Bildung, umso weniger werden Medien auch in anderen Sprachen rezipiert. Das Wachstumspotenzial bei den transnationalen Medien hängt also auch von den Sprachgrenzen ab. Nach wie vor ist ein mehrsprachiges und möglichst auch kulturell adaptiertes Angebot Voraussetzung für einen größeren europäischen Nutzerkreis.

Welchen Medien gelingt es am besten, einen europäischen Rezipientenkreis zu erreichen?

Europäische Mediennutzer gehören meist zu den höheren Bildungsschichten. Daher erreichen in erster Linie Internet und Zeitungen eine europäische Leserschaft. Fernsehen und Radio treten hier in den Hintergrund. Beim Fernsehen erzielt nach Genres die europäische Sportberichterstattung die höchsten Nutzungszahlen.

Die EU hat eine neue Fernsehrichtlinie verabschiedet, um ein größtmögliches Publikum in Europa für ihre Themen zu interessieren. Setzt sie damit auf das richtige Medium?

Um die Präsenz Europas in den Köpfen zu stärken, ist es wichtig, jedem Kanal die gleiche Wichtigkeit beizumessen. Nur so kann die EU verschiedene Zielgruppen erreichen. Das Internet sollte ausgebaut werden, denn gerade sein Angebot nutzen vor allem junge Menschen.

Welche Wege zur Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten gibt es?

Presseschauen haben einen großen Anteil an der Europäisierung der Öffentlichkeiten. Sie steigern die Attraktivität ausländischer Medien und erlauben den Einblick in andere nationale Öffentlichkeiten – letzteres ist von besonderer Bedeutung für die Wahrnehmung des europäischen Auslands in den Redaktionen, die so als Multiplikatoren dienen können. Auch einige TV-Formate sind recht erfolgreich. So gelingt es arte ausgesprochen gut, zwei sehr verschiedene Kulturen in seinem Programm zusammenzubringen. Schwierigkeiten haben Sender, die versuchen Nachrichten einfach zu übersetzten, um sie dann unkommentiert in verschiedenen Ländern auszustrahlen. Im Fernsehen ist es besonders wichtig, die medienkulturellen Aspekte und visuellen Codes der einzelnen europäischen Länder mitzudenken.

Medienunternehmen agieren zunehmend europäisch, wenn nicht sogar global. Wie wirkt sich der ökonomische Aspekt der Medien auf die Europäisierung der Öffentlichkeiten und die nationalen Medienkulturen aus?

Informationsangebote haben trotz der Europäisierung der Medienunternehmen nationale Redaktionen. Im Unterhaltungsbereich ist dagegen eine Homogenisierung von Genres und Formaten erkennbar. Viele dieser Unterhaltungsformate funktionieren bereits auf globaler Ebene. Im Informations- und Dokumentationsbereich hat die Transnationalität der Konzerne nur wenig Einfluss auf die Formate.

Sind europaweit und global handelnde Medienunternehmen eine Gefahr für die Europäisierung der Öffentlichkeiten?

Die großen Medienkonzerne tragen in erster Linie zur Kommerzialisierung der Medien und Formate bei. Das ist für die Europäisierung der Öffentlichkeiten in der Tat eine große Gefahr, da dies der Qualität der Arbeit in den Redaktionen abträglich ist. Folgen sind z. B. ein Abbau von Redaktionsstellen und eine stärkere Inanspruchnahme von Agenturmeldungen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann sich bislang noch jenseits von Markt- und Erfolgsstrategien dem europäischen Bewusstsein der Bürger widmen. Aber auch hier besteht noch Nachholbedarf in Sachen Europa.

Das Interview führte Julia Rosch.

 

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

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