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Magazin / Medien / Europäische Öffentlichkeit / Interview | 28.01.2008

Medien werden vom Produkt zum Service


Nur mit modernen Geschäftsmodellen und neuen Formaten kann der gegenwärtigen Krise der Medien begegnet werden, so Mark Hunter, Journalist und Professor am Institut Européen d'Administration des Affaires (INSEAD), in seinem Beitrag zum Workshop "Towards a European Public Sphere". Für euro|topics beantwortete er drei Fragen zum Thema.


In Ihrem Vortrag erwähnten Sie die "Krise der Nachrichtenmedien". Was meinen Sie damit, und was sind die Gründe dafür?

Die Nachrichtenmedien sehen sich mit einer Krise im dreifachen Sinn konfrontiert und zwar im Hinblick auf Inhalt, Talent und Wettbewerb.

Foto:
Christoph Meissen/photocase.de


Inhalt: Eine wachsende Zahl von Lesern ist der Ansicht, dass die Inhalte der Printmedien ihren Preis bei einem Vergleich mit kostenlosen Medien nicht rechtfertigen, und ebenso wenden sich immer mehr Zuschauer von den Rundfunkmedien ab.

Wettbewerb: Von den Nutzern generierte Inhalte, von Blogs und Foren bis hin zu SMS, beanspruchen in zunehmendem Maße die Zeit der Medienkonsumenten.

Talent: Die Gehälter von Journalisten sind niedriger als in allen anderen Berufen, für die eine vergleichbare Ausbildung erforderlich ist. Real betrachtet, sind die Honorare von Freiberuflern seit den 1970ern gesunken. Dies erschwert nicht angestellten Reportern die Ausübung ihres Berufs. Was den ethnischen Aspekt und die Geschlechterverteilung betrifft, so wird der Journalismus immer vielfältiger; aus fachlicher Sicht ist eher das Gegenteil der Fall. Der durch die Aufdeckung der Watergate-Affäre berühmt gewordene Carl Bernstein, ein Studienabbrecher, der seine Karriere bei der Washington Post als Laufjunge begann, würde heute keinen Job mehr bei einer Zeitung bekommen. Die kontinuierliche Ausbildung der Journalisten ist in den Medien ein Ausnahme. In den Branchen über die Journalisten berichten, gehört sie allerdings zum Standard.

Diese Krisen stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander. Vorgaben im Hinblick auf die mitzubringenden Qualifikationen sind häufig überholt und führen zu einem Nachlassen der Kompetenz der Journalisten. Berichterstattung und redaktionelle Tätigkeit können so von geringerem Wert sein. Journalisten sind oft nur schlecht gerüstet, um über die Elite zu berichten, für deren "Überwachung" sie zuständig sind. Ein Wettbewerb, der Inhalte von geringerem, aber im Verhältnis zum Preis (kostenlos) ausreichendem Wert liefert, lässt Zuschauer und Leser den Wert kostenpflichtiger Nachrichtenmedien in Frage stellen.

Mit welchen Formaten und welchen Inhalten könnte man der "Krise der Nachrichtenmedien" begegnen?

Unabhängigkeit ist ganz klar ein Mehrwert der Medien: Publikationen wie der französische Canard enchaîné, der ausschließlich von den Verkaufserlösen lebt, oder die Filme von Michael Moore sind Beispiele hierfür. Umgekehrt beschweren sich die Rezipienten bei Umfragen länderübergreifend vor allem darüber, dass die Mainstream-Medien nicht glaubwürdig sind und sich von den etablierten Mächten abhängig machen.

Informationen für spezielle Zielgruppe stellen einen weiteren Mehrwert dar, weil sie in den für die breite Öffentlichkeit bestimmten Nachrichtenmedien nicht zu finden sind. Sie sind einer der Hauptgründe dafür, dass The Economist Group Gewinn bringend arbeitet. Das ist nichts Neues. Die Explosion der Magazine in den letzten drei Jahrzehnten spiegelt sich der Wunsch der Öffentlichkeit nach spezifischem Inhalt mit Mehrwert wider.

Die Mainstream-Medien könnten ihren Rezipienten einen Mehrwert bieten, indem sie ihnen den Weg durch die im Überfluss vorhandenen, aber größtenteils oberflächlichen Informationen weisen, die aus den verschiedensten Quellen bezogen werden können. Dies geschieht in erster Linie über Blogs, die dadurch eine Möglichkeit zur Wertschöpfung von den Nachrichtenmedien erobert haben. Die kritische Zusammenstellung von Nachrichten nach Themengebieten mit zusätzlicher Analyse und Recherche ist eindeutig ein aufkommender Trend. Environmental News Network, Grist und Verbraucherservice-Seiten unterstützen ihre Besucher bei der Maximierung ihrer Kaufkraft.

Allgemein müssen die Medien anerkennen, dass sie weniger ein Produkt (exklusive Nachrichten), sondern vielmehr eine Dienstleistung (Zugang zu Informationen und Persönlichkeiten) anbieten. Diese Verschiebung lässt sich nicht leicht erkennen und genauso wenig steuern, aber sie zeichnet sich durchaus ab, und sie ist unaufhaltsam.

Das Internet führt zur Verschiebung sprachlicher Grenzen und erleichtert den Zugriff auf Informationen. Wird der transnationale Journalismus davon profitieren, und wenn ja, wie?

Ja, und es gibt bereits Beispiele. Obwohl es sich dabei um ein Printmedium handelt, fasst der französische Courrier International internationale Nachrichten nach Themengebieten zusammen und macht damit neue Talente und Perspektiven zugänglich. Er hat den International Herald Tribune als Pariser Fenster zur Welt entthront. Dadurch veranschaulicht er ein wichtiges Element der neu entstehenden Medienlandschaft: die Übersetzung von ausländischem Inhalt.

Die Schlüsselfrage besteht darin, wie der Wert der Inhalte gesteigert werden kann, und welcher Wert sich daraus für die Medienverantwortlichen ableitet. Wir müssen über nicht finanziell orientierte Möglichkeiten der Wertschöpfung nachdenken, wie z.B. das Modell der Open-Source-Bewegung im Softwarebereich, oder die Wertschöpfung im Lifestyle-Bereich, einen Aspekt, von dem Forumsbeitragende am stärksten profitieren. In der Vergangenheit erzeugten die Medien politischen oder gesellschaftlichen Einfluss; auch dies ist ein bedeutender Wert.

Wir müssen gegebenenfalls prüfen, wie sich die Medien nach internationalen Gemeinschaften oder Netzwerken ausrichten können, ohne ihre Unabhängigkeit zu verlieren (im Gegensatz zu ihrer Objektivität; dies ist eine andere Frage). Die Geschichte des Journalismus ist dominiert von parteiischen oder kommunitaristischen Medien. Die Vorstellung von unparteiischen, "objektiven" Massenmedien stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und entwickelte sich erst nach dem Ersten Weltkrieg zum Ideal. Wenn der Journalismus eine Dienstleistung ist, stellt sich die Frage: Wem dient er? Die Antwort wird in zunehmendem Maße lauten: internationalen Netzwerken oder Interessengemeinschaften und praxisbezogenen Gemeinschaften. Allerdings wird die gegenwärtige Medienlandschaft von der Logik des Gebiets dominiert. Mit anderen Worten, es zeichnet sich eine Verschiebung vom Territorium zur Gemeinschaft als Grundlage der Medienaktivitäten ab.

Das Interview führte Julia Rosch

 

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

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