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Magazin / Weitere Themen / Online-Medien / Debatte | 03.09.2007
Online versus Print – ein Verdrängungswettbewerb?
von Daniel Fiene
Der Konkurrenzkampf zwischen dem Internet und den Printzeitungen geht weiter, das Internet erlebt mit dem Web 2.0 einen neuen Boom. Überflügelt das Internet die traditionellen Medien? Oder etabliert sich am Ende eine Koexistenz, von der beide Seiten profitieren?
Schon lange ist das Internet kein neues Medium mehr. Fast alle europäischen Zeitungen haben einen Online-Auftritt, es gibt professionellen Online-Journalismus, und mit dem Web 2.0 haben die User und Blogger das Wort bekommen. Bedrohen diese neuen Formen den traditionellen Journalismus der Printzeitungen?

Foto: Michael Bretherton
Aus Angst vor Prestigeverlust sowie vor Einbußen im Anzeigengeschäft haben viele Verlage in den Kauf von interaktiven Plattformen investiert. Doch stellt sich die Frage, ob das Internet den Printmedien inhaltlich gewachsen oder sogar voraus ist.
Spanien
In Spanien wurde im Juli 2007 eine Ausgabe der Satirezeitschrift El Jueves beschlagnahmt, weil auf dem Titel eine Karikatur des Kronprinzen zu sehen war – beim Geschlechtsakt mit seiner Frau.
Die Zeitung El País schrieb am 21. Juli 2007, es gebe keine strafrechtlichen Gründe, diese Karikatur zu verbieten. Außerdem werde sich die Zeichnung ohnehin weiterverbreiten: im Internet. "Das Verbot von Publikationen im Zeitalter des Internets und der neuen Technologien ist völlig unnütz und kontraproduktiv, um die Rechte der angeblich Verhöhnten zu schützen", stellte die Zeitung fest. Der traditionelle Umgang mit Medien – das Erwirken von juristischen Verboten – funktioniere nicht mehr: "Die Justizentscheidung befördert genau das, was sie verhindern will: Sie macht Werbung für diese Karikatur."
Frankreich
In Frankreich gab es im Sommer 2007 ähnliche aber umfangreichere Auseinandersetzungen. Hier wurde das Internet als das Medium gefeiert, das Zensur erfolgreich unterläuft.
Als ein Beispiel dafür galt eine Video-Aufnahme, die der belgische TV-Journalist Eric Boever von einem Auftritt des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozys beim G8-Gipfel in Heiligendamm gemacht hatte. Sarkozy vermittelt darauf einen beschwipsten Eindruck. Die französische Öffentlichkeit erfuhr von diesem Auftritt zunächst nichts. Das belgische Fernsehen zeigte hingegen die Aufnahme, die bald für jedermann auf Youtube zu sehen war. Die Klickraten waren überwältigend, und die französische Presse sah sich einige Tage später genötigt, doch von der Existenz dieser Aufnahme zu berichten.
Eine weiteren Fall von Zensur witterte die französische Öffentlichkeit, als bekannt wurde, Nicolas Sarkozy habe die Veröffentlichung eines Artikels im Journal du Dimanche (JDD) verhindert, in dem berichtet wurde, seine Frau habe am zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen nicht teilgenommen. "Es könnte sein, dass der Bonaparte der Medienschlachten in diesem Krieg zu spät kommt", kommentierte Jean-Noël Cuénod in der schweizerischen Zeitung Tribune de Genève vom 16. Mai 2007. Tatsächlich wurde auch in diesem Fall die Geschichte einige Tage später von Journalisten im Internet verbreitet.
Doch das Internet sei nicht der alleinige Sieger, urteilte Erwan Desplanques am 16. Juni 2007 in Télérama, denn am Ende profitierten auch die Printmedien. "Der Artikel wird selbst so sehr zu einem 'Ereignis', dass sich die großen Zeitungen seiner annehmen, die Scheren der Zensur werden stumpf und das Ganze kommt mit viel Getöse als Bummerang zurück."
Osteuropa
Auch in osteuropäischen Ländern gilt das Internet als eine Möglichkeit, Zensur zu umgehen. Offiziell gebe es zwar keine Zensur mehr, schrieb die ungarische Zeitung Magyar Hirlap am 31. Juli 2007, doch die Mentalität lebe in den Köpfen weiter. Politiker und Eigentümer, oft große Verleger aus dem Westen oder örtliche Oligarchen, machen ihre Interessen geltend und üben Druck auf die traditionellen Medien aus .
Miklos Haraszti, der Beauftragte für Medienfreiheit der OSZE, analysierte in einem Interview mit Elet es Irodalom vom 13. Januar 2006 die Lage in den postsowjetischen Ländern: "In diesen neuen Demokratien ist Meinungsvielfalt meistens nur in den Printmedien und im Internet möglich... Doch die Printmedien werden von den Behörden unter Druck gesetzt. Die Strafgesetzbücher bieten scheinbare 'rechtsstaatliche' Mittel, Meinungsäußerung und journalistische Recherche wegen Verleumdung, Verletzung der Ehre und Geheimnisverrat zu bestrafen." Das Internet bietet da einen Ausweg.
Doch nicht nur Journalisten und Blogger nutzen die Freiheit des Internets, sondern auch Politiker. So führt etwa der ungarische Premierminister Gyurcsany ein tägliches Blog. Istvan Devenyi warnte am 30. Juni 2006 in der ungarischen Zeitung Heti Válasz, ein persönliches Internet-Tagebuch dürfe nicht als wichtigste Informationsquelle der Regierung missbraucht werden, und kritisierte: "Das ist eine bequeme Kommunikationsstrategie, weil keine Rückfragen von Journalisten, Experten oder Oppositionspolitikern gestellt werden können."
Auch in den EU-Institutionen und anderen europäischen Ländern betreiben Politiker Blogs und Video-Podcasts, die von den anderen Medien wiederum als Quelle zitiert werden.
Die Blogosphäre
Politiker machen sich ein Medium zu eigen, das allen Internetusern die Möglichkeit zur Meinungsäußerung bietet. Blogs sind ein wichtiger Teil des viel gefeierten Web 2.0, das der Journalist Will Hutton im britischen Guardian am 24. Dezember 2006 zu den fünf Ideen zählte, die die Menschheit im Jahr 2006 vorangebracht hätten. "Eine neue Kultur zeichnet sich ab, die es den Menschen erlaubt, auf revolutionäre Weise miteinander in Kontakt zu treten. Es geht ums Bloggen oder um YouTube, wo User Videos austauschen, die sie selbst aufgenommen haben. Die Zunahme von Seiten, die man mitgestalten kann - wie MySpace, Wikipedia, Skype, Flickr, Facebook, Second Life und so weiter - ist ein Teil dieses Trends."
Doch wie steht es um die Qualität der Inhalte? Der Chefredakteur des österreichischen Standard Gerfried Sperl machte am 11. Juni 2006 seine Befürchtung deutlich, Bürgerjournalisten seien nicht die besseren Journalisten. "Weil Blogging (seltener) und Posting (meistens) anonym passieren, können sie zu Instrumenten des Gegenteils der Meinungsfreiheit werden. Massive Verletzungen der Menschenrechte sind nur eines der Probleme. Irritationen das andere."
John Gapper wies in der Financial Times vom 25. September 2006 auf einen anderen Kritikpunkt hin: Die Abläufe auf den Seiten des Web 2.0 würden von einer relativ kleinen Zahl von aktiven Bloggern gelenkt.
Die Debatte um die Schwarmintelligenz
Der französische Philosoph Pierre Lévy sieht dies ganz anders. Er glaubt, dass das Internet eine neue Form von kollektiver Intelligenz hervorbringt – eine These, die unter Bloggern sehr beliebt ist. "Nur kollektiv sind wir intelligent, dank des unterschiedlichen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das Internet ist mächtiger als die Printmedien, als Radio oder Fernsehen, weil es eine Kommunikation der Querverbindungen ermöglicht und damit eine bessere Nutzung des kollektiven Gedächtnisses", schrieb er am 24. Juni 2007 in Le Monde.
"Ein Kollektiv auf Autopilot kann ein grausamer Idiot sein", widersprach der Computerwissenschaftler Jaron Lanier in einem Artikel für das Online-Magazin Edge.
Bescheidener und neutraler urteilte die bulgarische Medienrechtlerin und Bloggerin Neli Ognjanowa über die Vorgänge im Internet. In einem Gastbeitrag für die bulgarische Zeitung Dnevnik formulierte sie: "Ein Blog ist Luxus: Der Autor herrscht über Format, Inhalt und Links, die ihm wichtig sind... Die Freiheit des Wissens und der Kultur sind zentrale Werte der Blogosphäre... - und das kann zugleich optimistisch und pessimistisch stimmen, je nach Standpunkt."
Neue Online-Medien
Diesen Luxus wiederum machen sich partizipative Plattformen zunutze, die sich auf Bürgerjournalismus spezialisiert haben. Ein Beispiel hierfür ist die deutsche Readers Edition, eine von Usern gemachte Online-Zeitung. Ein Projekt, das einen etwas anderen Weg als die Readers Edition geht, ist in diesem Sommer in Frankreich entstanden. Professionelle Journalisten der Libération gründeten die Online-Zeitung Rue89. Journalismus und Bürgerbeteiligung sollen hier zu einer Synthese finden. Auch die rumänische Online-Zeitung Hotnews hat sich Bloggern geöffnet.
Wer überlebt?
Bislang zeichnet sich – bei aller Konkurrenz - ein Wechselspiel zwischen Print- und Online-Medien ab. Onlinemedien reagieren auf Printveröffentlichungen und umgekehrt. Onlinemedien sind aber schneller und interaktiver; die traditionellen Medien wiederum könnten sich auf die eigenen Stärken besinnen und so einer ohnehin unvermeidbaren Koexistenz von Online- und Printmedien gelassen entgegen sehen.
Paolo Mieli, Chefredakteur der italienischen Zeitung Corriere della Sera und einst als Internet-Skeptiker bekannt, gestand in einem Interview mit La Stampa am 29. März 2006 zu, Blogs seien zu einer Fundquelle für Journalisten geworden. Und keine Bedrohung: "Das Geheimnis der Printmedien liegt in ihrer Qualität... Wir werden überleben, wie wir auch das Kino und das Fernsehen überlebt haben."

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