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Magazin / Politik / Russland / Artikel | 29.02.2008

Generation Putin

von Johannes Voswinkel


Pragmatismus ist das Schlüsselwort, um die "Generation Putin" zu charakterisieren. Familiäre Werte und beruflicher Erfolg rangieren weit oben. Barrikadenstimmung gibt es nicht. Einblicke von Johannes Voswinkel, Korrespondent in Moskau.


Michail Andrejew ist ein durchaus typischer Vertreter der Generation Putin. Er trägt Nadelstreifen als Zeichen seines Erfolgs im "Bisness", und sein kräftiger Händedruck spiegelt Russlands neu gewonnenes Selbstbewusstsein wider. Vor knapp zehn Jahren hat der 27-Jährige seine Ausbildung zum Finanzfachmann beendet und am Bankschalter Zahlenkolonnen addiert, bis es ihm zu langweilig wurde. Er riskierte die Selbstständigkeit, wusch Autos, handelte mit Lebensmitteln und entwickelte Immobilienprojekte. Heute zählt Andrejew eine Wohnung, ein Haus im Moskauer Umland und zwei Autos zu seinem Besitz.

Jugendorganisation Nashi - "Die Unsrigen"
Foto: AP


Sein Aufstieg zum Immobilienmanager fiel mit Putins Amtszeit zusammen. "Er gab der Wirtschaft die nötigen Gesetze und eine Struktur", sagt Andrejew. Dass der Präsident manche Bürgerfreiheiten einschränkt und Protestmärsche der Opposition auseinanderjagen lässt, stört ihn wenig. Andrejew sind Ordnung, Verantwortungsgefühl und eigener Wohlstand wichtiger. Denn eine andere Epoche hat ihn ebenso stark geprägt wie die Putinzeit - allerdings negativ: Jelzins neunziger Jahre. "Das war ein einziges Chaos, in dem einige den Staatsbesitz vor unseren Augen in Stücke rissen und sich bereicherten", sagt er. In wenigen Monaten stiegen manche Mitschüler zu Millionärskindern auf. Den Verlag seiner Mutter stürmten Banditen und zerstörten die Druckvorlagen. Sie machte bankrott. "Als Putin Präsident wurde, blieb uns als einziges der Glaube, dass er ein starker Mann an der Macht sein wird", erinnert sich Andrejew. "Nur dann geht es Russland gut." Heute zählt er Putin in der Ehrenreihe mit Iwan dem Schrecklichen, Katharina der Zweiten und Stalin auf. Sein Beruf ist das Prisma seiner politischen Wahrnehmung: "Früher haben wir jeden ausländischen Fonds zu seinen Bedingungen als Investor akzeptieren müssen", sagt Andrejew. "Heute diktieren wir unsere Regeln."

Seit acht Jahren dominiert Putin die russische Politik. Russlands Jugend ist mit dem Judokämpfer großgeworden, der ausspricht, was sich vor ihm keiner so zu sagen wagte: Terroristen müssten bis in die Toilette verfolgt und kalt gemacht werden, und der Westen solle aufhören, Russland zu belehren. "Je jünger, je städtischer und je erfolgreicher die Wähler sind", resümiert der Soziologe Wladimir Dubin vom Lewada-Zentrum, "desto mehr sind sie für Putin." Bei der Präsidentschaftswahl werden sie den Kronprinzen Dmitrij Medwedjew wählen, um Putin als Ministerpräsidenten zu erhalten.

Die stärkste Anhängerschaft findet der Präsident in den mittelgroßen Städten mit bis zu einer Million Einwohnern, wo die Früchte des Wirtschaftsaufschwungs auf bescheidene Erwartungen stoßen. In den Millionenstädten, vor allem in Moskau, ist das kritische Potential der gebildeten und erfolgreichen Wähler größer. "Sie haben verschiedene Informationsquellen und das Internet, das bisher noch nicht von Zensur betroffen ist", erklärt Dubin. "Sie sind aktiver und anspruchsvoller und spüren gerade in der Wirtschaft stärker die Grenzen, die ihnen das Regime setzt. Aber auch in Moskau stimmt mehr als die Hälfte der jungen Russen für Putin." Sie möchten die Gegenwart konservieren oder haben Hoffnung auf eine bessere Zukunft. "Junge Menschen sind in Russland auf ihre Karriere konzentriert", sagt der Philosoph Michail Ryklin. "Wenn sie ein paar Tausend Dollar verdienen, gelten sie schon als Aufsteiger. Diese Menschen werden das Regime unterstützen."

Pragmatismus ist das Soziologen-Schlüsselwort für Russlands junge Generation. Sie lebt in einer entidealisierten Gesellschaft, die kaum ein Skandal mehr in Erstaunen versetzt oder gar entrüstet. Die große Mehrheit der Jugendlichen bezeichnet sich in Umfragen als eher unpolitisch. Ein allgemein verbindender Protestgeist, elektrisierende Themen und Anführer fehlen. Wie bei den Eltern rangieren die Werte des familiären Glücks und der beruflichen Leistung ganz oben. Barrikadenstimmung gibt es nicht. "Viele der jungen Menschen verdienen mehr Geld als ihre Eltern und sind die Herren im Haus", sagt Dubin. "Wie soll es da zur Revolte kommen?" Zudem sind die Jugendlichen als Spiegelbild der Gesamtgesellschaft in Kleingruppen zersplittert. Die sowjetische Erfahrung hat das Kollektiv verleidet. Als Halt im Leben zählen Freunde und Familie. Institutionen wie Parlament, Parteien oder Gerichte gelten vielen als korrupt oder inkompetent. Vertrauen genießen vor allem Putin und die orthodoxe Kirche. Die Studentenszene beschränkt sich meist auf gemeinsames Fernsehgucken im Uni-Café. Das verschulte Studium und die Angst, durch unangepasstes Verhalten die akademische Karriere aufs Spiel zu setzen, entpolitisieren zusätzlich. Im Vergleich zwischen Polen und Russland zeige sich, erklärt Dubin, dass nur gut 10 Prozent der Warschauer, aber 40 Prozent der Moskauer Jugendlichen angeben, nie über Politik zu diskutieren.

Für viele ersetzt Patriotismus die fehlende Ideologie. Ihnen gefällt, wenn Putin den äußeren und inneren Feinden droht. "Putin tritt dabei als der große Bruder auf, der die positive Kraft des Alters zeigt, ohne wie der Vater Repression auszuüben", erklärt Dubin. "Die Jugend spürt das positiv." Fast 44 Prozent aller Jugendlichen nennen eine respektierte oder gar gefürchtete Weltmacht als Staatsziel. Die liberale Demokratie, die oft mit einem normalen, guten Leben und nicht mit Menschenrechten und freien Wahlen gleichgesetzt wird, liegt mit 41 Prozent dahinter. Zurück in die Sowjetunion möchte nicht einmal jeder Zehnte.

Auch Alexej Schaposchnikow, der sich mit 34 Jahren eher jung geblieben gibt, trauert der sowjetischen Zeit kaum nach. Damals hat er die Komsomolzenschar seiner Schule geleitet, heute ist die Begeisterung für Putin sein Beruf als zentralrussischer Koordinator der Jugendgruppe der Präsidentenpartei "Junge Garde". Er hat sich als modernisierter Komsomolze eine schwarze Brille mit massiven weißen Bügeln ausgesucht. Wie Putin trägt er einen schwarzen Rollkragenpullover unter dem Sakko und gibt sich selbstgewiss bei allen geschmeidigen Attacken. Den Präsidenten charakterisiert er mit sechs Worten: "sauberes Gewissen, klare Ansichten, kräftige Hände."

In den neunziger Jahren suchte Schaposchnikow vergeblich nach einer staatlichen Jugendpolitik. "Das hat sich mit Putin geändert", sagt er. Tatsächlich lenkte vor allem die Orangefarbene Revolution in der Ukraine, die stark von Studenten getragen wurde, den Blick auf die Jugend als Mobilisierungsmanpower. Manche Jugendliche, die sich den vom Kreml gesteuerten Organisationen anschließen, werden in Sommerlagern zu Vaterlandsliebe und Morgensport erzogen, um im Fall eines Volksaufstands als Fußtruppe Putin zu verteidigen. Vom Kreml gesponserte Webseiten bieten Videofilme mit Putin zum Soundtrack von der "Fluch der Karibik". Auch auf den Blogseiten sind die Jung-Putinisten mit Jubeleinträgen über den Präsidenten aktiv. Die "Junge Garde" betreibt zielstrebige Personalpolitik: Für die Stadtratswahl in Moskau bereitet sie 500 eigene Kandidaten vor. Das Projekt, das eine Kaderreserve der Staatselite gewinnen soll, trägt den Titel "Politfließband". Schaposchnikow erklärt den besonderen Reiz seiner Organisation so: "Wer sich bewährt, bekommt die Chance auf höhere Parteiämter." Er nennt das Prinzip den "sozialen Fahrstuhl".

 
Johannes Voswinkel
Johannes Voswinkel, geboren 1961, Studium der Slawistik und Romanistik, Absolvent der Henri-Nannen-Schule, ist seit 1998 Korrespondent in Moskau.
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Original in Deutsch

Erstveröffentlichung in Die Zeit, 29.11.2007, Nr. 49

© Johannes Voswinkel

 

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