Top-Thema vom Dienstag, 10. April 2007
Endspurt im französischen Präsidentschaftswahlkampf
Am 9. April hat der französische Präsidentschaftswahlkampf offiziell begonnen. Die europäischen Zeitungen ziehen eine Zwischenbilanz vor dem ersten Wahlgang am 22. April.
The Independent - Großbritannien
"Es scheint, als befinde sich Frankreich schon seit Monaten im Wahlkampf, dabei hat er erst diese Woche offiziell begonnen", kommentiert die Tageszeitung. "Das Tempo hat nun, wo die Kandidaten kreuz und quer durch das Land reisen, angezogen. Plakate, Wahlsendungen und Massenveranstaltungen sind an der Reihe... Die beiden Spitzenkandidaten liefern sich ein klassisches Rechts-Links-Duell, so wie es für Frankreich typisch ist. Aber beide haben Mängel. .. Die Unzufriedenheit mit diesen Kandidaten verbessert die Chancen für François Bayrou und Jean-Marie Le Pen... Dies ist die am heftigsten umstrittene, aber auch wichtigste Präsidentenwahl in Frankreich seit 20 Jahren, denn sie hat nicht nur für Frankreich Konsequenzen, sondern ebenso für die bilateralen Beziehungen, für die Zukunft Europas und des transatlantischen Bündnisses. Wir hoffen auf einen Wettstreit, der diesen Erwartungen gerecht wird." (10.04.2007)
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Le Temps - Schweiz
Sylvain Besson erscheint der französische Präsidentschaftswahlkampf, "je mehr er sich dem Ende nähert, als unbeständig, unvorhersehbar, von Zerwürfnissen bestimmt. Die Umfragen, wonach mehr als 40 Prozent der Wähler noch unentschieden sind, bestätigen den Eindruck, den man bisher hatte: Sechs Monate der Dauerberieselung durch die Medien, der Wahlsendungen zur besten Sendezeit und einer intensiven 'Vorkampagne' haben nicht gereicht, damit sich die Wähler eine Meinung bilden konnten... Jetzt haben die Kandidaten mehr oder weniger die gleichen Chancen: Bis zum 22. April verfügen sie in den Medien über die gleiche Redezeit. Die Ausstrahlung der Wahlspots wird den Vorsprung, den die 'großen' Kandidaten hatten, wettmachen. Schon 1995, aber auch im Jahr 2002 gingen die Präsidentschaftswahlen überraschend aus. Das könnte dieses Mal wieder passieren." (10.04.2007)
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Les Echos - Frankreich
"In ihrem Bemühen, den Wählern zu gefallen, die immer mehr zwischen den Parteien 'zappen', gleichen die Wahlkämpfer inzwischen kopflosen Hühnern: Sie rennen nach links und nach rechts, äußern irgendetwas, schwenken die Fahnen und marschieren dann in eine ganz andere Richtung. Das ist alles nicht sehr überzeugend," schreibt Françoise Fressoz. "In dem offensichtlichen Durcheinander zeigen sich aber auch positive Signale. Vor allem werden die Probleme benannt, die der französische Gesellschaft zu schaffen machen: die Krise der nationalen Identität, die Probleme in den Vorstädten, die Unmöglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs. Man kann diese allgemeine Katharsis ironisch sehen, aber es ist besser, wenn sie im Wahlkampf stattfindet als an den Urnen. Ist die Diagnose erst einmal gestellt, ist es immer einfacher, ein Heilmittel zu finden." (10.04.2007)
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Süddeutsche Zeitung - Deutschland
Johannes Willms berichtet, dass sich keiner der zwölf Kandidaten für das Präsidentenamt sicher sein kann, der "Erwählte" der Franzosen zu sein. "Wie unsicher der Ausgang des ersten Wahlgangs am 22. April nach wie vor ist, zeigen nicht nur die Fieberkurven der Umfragewerte, sondern auch die rasch wechselnden Themen in diesem Wahlkampf. Die Auseinandersetzung um die nationale Identität, die Ende März aufflammte, ist unterdessen längst wieder vom Tapet ebenso wie die Diskussion um die innere Sicherheit, die sich an den jüngsten Krawallen am Pariser Gare du Nord entzündete. Der Mangel eines zentralen Themas ist die Signatur dieses Wahlkampfs. Dieser Mangel ist einerseits verantwortlich dafür, dass so viele noch unentschieden sind, wem sie ihre Stimme geben sollen, und verführt andererseits die Kandidaten dazu, sich gegenseitig mit Versprechungen zu übertrumpfen, von denen die Wähler nur zu gut wissen, dass sie nicht gehalten werden." (10.04.2007)
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Der Standard - Österreich
Der französische Philosoph André Glucksmann, der sich selbst als Anhänger des konservativen Kandidaten Nicolas Sarkozy geoutet hat, erklärt im Interview mit Bert Rebhandl den Erfolg des Zentristen Francois Bayrou mit einer "Idealisierung des ländlichen Frankreich auf linker wie rechter Seite": "Der dritte Mann, der Kandidat Francois Bayrou, präsentiert sich als 'Traktor', als 'la France profonde'. Bayrou betont immer wieder, dass seine Wurzeln auf dem Land sind. Bei Proust lernen wir aber: Leben auf dem Dorf heißt auch Grausamkeit, Gerede, Kontrolle. Bayrou verkörpert eine Nostalgie. Nicht das Filmfestival in Cannes ist das wichtigste Festival in Frankreich, sondern der Landwirtschaftliche Salon. In Frankreich waren die Historiker immer das, was in Deutschland die Philosophen sind. Seit Michelet leben wir mit einer imaginären Vergangenheit. Davon lebt Bayrou." (10.04.2007)
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