Top-Thema vom Mittwoch, 23. Mai 2007
Die Geheimdienst-Vergangenheit von Ryszard Kapuscinski

Die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Polen schlägt neue Wellen. Ein polnisches Wochenmagazin hat nun aufgedeckt, dass der international bekannte Starreporter Ryszard Kapuscinski Berichte für den kommunistischen Geheimdienst geschrieben hat. Warum hat der im Januar Verstorbene geschwiegen? Wird sein Fall in der aktuellen Debatte instrumentalisiert?
Rzeczpospolita - Polen
Das Wochenmagazin Newsweek Polska hat aufgedeckt, dass der im Januar gestorbene Schriftsteller und Journalist Ryszard Kapuscinski in den 60er und 70er Jahren für den kommunistischen polnischen Geheimdienst Berichte geschrieben hat. Den vom Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) aufbewahrten Akten zufolge habe Kapuscinski jedoch niemandem geschadet, als er während seiner Zeit als Auslandskorrespondent mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet hat. Krzysztof Gottesman kritisiert vor allem das Schweigen Kapuscinskis. "Die Zusammenarbeit eines Journalisten mit den Sicherheitsdiensten kann - vor allem in undemokratischen Staaten - nie eine Tugend sein. In der Volksrepublik Polen war sie, wenn sie nicht aus ideologischen Gründen aufgenommen wurde, eine Folge von Erpressung, Schwäche, dem Drang, Karriere zu machen, Konformismus und einem historischen und politischen Fatalismus. So war es sicher auch bei Kapuscinski... Man kann nur bedauern, dass er sich in über zehn Jahren im freien Polen nicht entschlossen hat, darüber zu sprechen und von seinen Motiven zu erzählen." (22.05.2007)
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ABC - Spanien
Korrespondent Ramiro Villapadierna analysiert den Weg Ryszard Kapuscinskis und die ihm angelasteten Fakten. "Der kürzlich verstorbene Journalist, der auch ein brillanter Schriftsteller war, hat zwischen 1959 und 1981 als Korrespondent für die polnische Presseagentur PAP über die wichtigsten Konflikte berichtet. Er hat die unendliche Armut in Afrika und Lateinamerika ebenso wie die Mechanismen der Macht anschaulich beschrieben... Als Gegenleistung, so scheint es, hat ihn die Geheimpolizei gebeten, Informationen über nordamerikanische Persönlichkeiten und Firmen zu liefern ebenso wie über israelische und westdeutsche Geheimdienstaktivitäten. Als er 1970 in Mittelamerika war, hat er einen Zehn-Seiten-Bericht über die Außenpolitik Kubas verfasst und weitere drei Seiten über die mexikanische. Hinzu kommen Porträts von drei Menschen, die er getroffen hatte... Einige polnische Journalisten glauben, dass das Öffentlichmachen dieser Berichte, die aus dem Institut des nationalen Gedenkens in Polen (IPN) stammen, darauf abzielt, sein gesamtes Ansehen zu zerstören." (23.05.2007)
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Neue Zürcher Zeitung - Schweiz
Korrespondent Ulrich M. Schmid ist nur wenig beeindruckt von der Enttarnung des kürzlich verstorbenen Starreporters Ryszard Kapuscinski als Geheimdienstzuträger durch das polnische Magazin Newsweek. "Damit setzt 'Newsweek' die ebenso lange wie fruchtlose Tradition polnischer Blätter fort, Prominente mit ihrer kommunistischen Vergangenheit zu konfrontieren. Die Aufregung gleicht jeweils einem Sturm im Wasserglas: Die Informationen, die an den Geheimdienst weitergegeben wurden, waren meist belanglos und schadeten niemandem... Auch in Kapuscinskis Fall gibt es wenig Gehaltvolles zu vermelden: Als er 1962 seine Tätigkeit als Afrika-Korrespondent der polnischen Presseagentur aufnahm, erhielt er vom Geheimdienst den Auftrag, über amerikanische Aktivitäten auf dem Schwarzen Kontinent zu berichten. Ein solches Doppelmandat war in der kommunistischen Volksrepublik Polen die Regel: Wer Reiseprivilegien nutzen wollte, musste sich zur Zusammenarbeit mit den Organen bereit erklären." (23.05.2007)
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Frankfurter Rundschau - Deutschland
Artur Becker rückt die Kapuscinski-Debatte in einen größeren Zusammenhang. "Man muss vor allem verstehen, dass Polen zurzeit eine wahre Verfassungsrevolution erlebt. Die rechtskonservative Regierungspartei PiS verlor vor kurzem eine wichtige Schlacht, was die Öffnung der Geheimdienstakten betrifft. Der Verfassungsgerichtshof erklärte die von der PiS-Partei angestrebte Freigabe von allen suspekten Geheimdienstakten schlicht und einfach für verfassungswidrig... Die Gefahr der Instrumentalisierung von in der Gesellschaft anerkannten Persönlichkeiten aus der Politik und Kultur lauert an jeder Ecke. Ryszard Kapuscinskis Schicksal kann diesbezüglich exzellent für partikulare Interessen genutzt werden. Man könnte Kapuscinskis Fall auch ganz einfach als 'gefundenes Fressen' betrachten... Kapuscinski musste reisen, weil er auf seine Recherchen angewiesen war. Der Preis, wie es scheint, den er für den Reisepass zahlen musste, ist sehr hoch." (23.05.2007)
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