Top-Thema vom Freitag, 26. September 2008
Das Ende des Kapitalismus?

Nachdem die weltweite Finanzkrise ihren Höhepunkt erreicht zu haben scheint, fragen sich Experten in ganz Europa, ob der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ausgedient hat. Ist es Zeit für eine neue internationale Wirtschaftsordnung?
NRC Handelsblad - Niederlande
Die internationale Finanzkrise ist ein Zeichen, dass auch der Kapitalismus am Ende ist, schreibt die Tageszeitung NRC Handelsblad: "Die gegenwärtige Finanzkrise ist schon deswegen historisch, weil niemand mehr behaupten kann, dass der unbegrenzte Freihandel automatisch zu einer besseren Welt führt. Auch an das alte liberale Märchen, dass der Markt sich immer selbst korrigiert, kann nicht mehr geglaubt werden. ... Der Nachsommer von 2008 wird in die Geschichte eingehen als der Moment, an dem die letzte politische Ideologie des 20. Jahrhunderts ihren Untergang erlebte. Rund 20 Jahre nachdem der Kommunismus definitiv besiegt schien, erscheint auch der Sieger von damals als Verlierer. Beide Lager des Kalten Krieges haben versagt. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis sich der Bankrott auskristallisiert. Dann wird das 20. Jahrhundert definitiv vorbei sein, genauso wie es bis 1914 dauerte, bis das 19. Jahrhundert vorbei war." (26.09.2008)
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La Repubblica - Italien
Die Tageszeitung La Repubblica veröffentlicht einen Auszug aus einer Rede, die der Jurist und Experte für Unternehmensrecht Guido Rossi heute auf der internationalen Zivilrechtskonferenz der Courmayeur-Stiftung hält. Darin fordert er einen neuen rechtlichen Rahmen für die kapitalistische Wirtschaft: "Die vielfachen Modifizierungen des internationalen Unternehmenssystems, die von der modernen lex mercatoria, dem Marktwirtschaftsgesetz, eingeführt worden sind, haben die Krisen, die die Gesellschaften und die Finanzmärkte im allgemeinen getroffen haben, nicht aufhalten können. … In Wahrheit geht die Krise viel tiefer, weil die Form der großen Teilhabergesellschaft nicht nur den traditionellen juristischen Kategorien, auf denen sie ursprünglich gebaut war, entkommen ist, sondern auch allen jüngsten, teilweise neuen, teilweise von anderen Rechtsordnungen abgeguckten Versuchen der Regulierung, die allgemein unter dem vagen Namen der Corporate Governance, der verantwortungsvollen Unternehmensführung, laufen. … Die alten Formeln sind überholt. Die Teilhabergesellschaft ist an ihrem Ende angelangt. Ein neuer Phönix muss aus der Asche auferstehen. Ein neues wissenschaftliches Paradigma, das fern von den leeren Formeln des sozialen Marktkapitalismus oder ähnlichem sein muss." (26.09.2008)
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Postimees - Estland
Die Entwicklungen in der globalen Wirtschaft haben viele neue Fragen aufgeworfen, schreibt der estnische Schriftsteller Mihkel Mutt in der Tageszeitung Postimees. "Hat sich die freie Marktwirtschaft nicht diskreditiert? Oder mindestens der Neoliberalismus? Kann man erwarten, dass paradigmatische Veränderungen stattfinden werden? … Viele Manager von Finanzinstituten scheinen seit 2002 gehandelt zu haben wie Kasinobesucher, die sich nicht mehr bremsen können. Die Marktwirtschaft wäre perfekt, wenn die Leute rational wären und auf dem Markt auch nur rationale Entscheidungen getroffen würden. Aber der Mensch ist nicht rational, er ist auch ein Opfer seiner Triebe. … Es erschiene sinnvoll, wenn in Phasen wirtschaftlicher Überhitzung die Regulation verschärft würde. Je früher die Blasen zerstört werden, desto weniger unangenehme Überraschungen wird es geben." (26.09.2008)
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Figyelő - Ungarn
Laut der Wochenzeitung Figyelő hat die internationale Finanzkrise den westlichen Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttert. Eine Verschiebung des wirtschaftlichen Zentrums nach Asien könnte eine Folge sein: "In den USA ist eine Rezession schier unabwendbar, die Eurozone stagniert, und auch die aufstrebenden Märkte verzeichnen eine Verlangsamung. ... Der liberale Kapitalismus ist seit jeher mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert worden, heute erlebt er eine der größten Erschütterungen seiner Geschichte. Den Weg aus der Krise kennt vorläufig niemand. ... Ob die Krise das System des westlichen Kapitalismus unter sich begräbt und sich die Gewichte der Weltwirtschaft 'endgültig' in Richtung Ferner Osten verlagern? Die Situation ist zwar dramatisch, dazu wird es aber wohl kaum kommen. Zur Korrektur und Innovation ist letztlich doch jenes System am geeignetsten, das eine Mischung aus Kapitalismus und Demokratie ist. Es ist allerdings durchaus vorstellbar, dass jener Kapitalismus, den wir in einigen Jahren haben werden, sich vom heutigen unterscheiden wird." (26.09.2008)
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