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Presseschau / Archiv / Presseschau | 27.12.2006

 

TOP-THEMA

Die Zukunft des Web 2.0

Die neue Generation des Internet - das so genannte Web 2.0 – hat die Grenze zwischen Nutzern und Produzenten aufgehoben. Die traditionellen Medien müssen ihre Position überdenken. Aber haben das partizipative Modell und die kostenfreie Nutzung wirtschaftlich eine Chance? Führen Gemeinschaftsforen zu mehr Engagement der Bürger?

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
The Observer - Großbritannien, La Tribune - Frankreich, Die Welt - Deutschland, Der Standard - Österreich

The Observer - Großbritannien

Der Journalist Will Hutton zählt das Web 2.0 zu den fünf Ideen, die die Menschheit im Jahr 2006 weiter gebracht haben. "Eine neue Kultur zeichnet sich ab, die es den Menschen erlaubt, auf revolutionäre Weise miteinander in Kontakt zu treten. Es geht ums Bloggen oder um YouTube, wo User Videos austauschen, die sie selbst aufgenommen haben. Die Zunahme von Seiten, die man mitgestalten kann - wie MySpace, Wikipedia, Skype, Flickr, Facebook, Second Life und so weiter -. ist ein Teil dieses Trends. Sie sind nur die Vorboten von Web 3.0, in dem die Architektur viel weiter fortgeschritten sein wird. Suchmaschinen werden nicht mehr nur Daten auflisten, sie werden Fragen beantworten. Web 3.0 wird bedeuten, dass das Netz ein dauerhafter Teil unseres Bewusstseins, unserer Gespräche und unserer Wahrnehmung sein wird. Am Ende wird uns ein Chip in unserem Gehirn in Echtzeit mit dem gesamten Netz verbinden, was die Möglichkeiten unserer Datenspeicherung unvorstellbar vergrößern wird." (24.12.2006)

La Tribune - Frankreich

"Alle sind Autoren - so kann man lapidar die neue Ära charakterisieren, die auch Web 2.0 genannt wird", stellt Nicolas Arpagian fest und fragt, ob damit auch ein neues Wirtschaftsmodell einher geht. "Entsteht nun, in Nachfolge des Slogans 'Alle sind Journalisten', der durch die aufkommenden Blogs populär wurde, eine neue soziale Kategorie: die der Teilzeit-Kreativen? Diese Menschen haben eine bezahlte Arbeit, die ihren Lebensunterhalt sichert. Parallel dazu erstellen sie Content... Möglicherweise liegt das intellektuelle Potenzial, das die moderne Wirtschaft so sehr begehrt, genau in diesem Web 2.0... Vorstellungskraft, Reaktionsvermögen und Ausdauer sind Qualitäten, die man auf allen Ebenen des Internets braucht. Auch der Wirtschaft können sie nur nützlich sein. Die kostenfreie Produktion wird auf ihre Weise zur Entstehung von Reichtum beitragen." (27.12.2006)

Die Welt - Deutschland

Dirk Nolde betont, dass die Firmen seit 2006 mit dem Web 2.0 Milliarden verdienen. "Tatsächlich aber sind längst noch nicht alle im Informationszeitalter angekommen, auch nicht im Jahr 2006, auch nicht in Amerika... Und von denen, die online sind, machen die wenigsten mit. Sie könnten, das ist Web 2.0. Aber sie tun es nicht... Von 100 Nutzern, die bei Yahoo Groups registriert sind, nutzt im Schnitt nur einer das Angebot, seinen eigenen Debattierklub aufzuziehen. 10 von 100 beteiligen sich an laufenden Diskussionen bei Yahoo Groups. Der Rest liest, was die anderen so schreiben... Fürs Finanzielle aber ist das nicht so wichtig. Da zählen die, die nur gucken, genauso viel wie jene, die auch machen. Denn Geld wird im Web 2.0 fast ausschließlich mit Werbung verdient. Die Erlöse bemessen sich danach, wie oft eine Seite aufgerufen wurde, wie viele Menschen die Reklame also ansehen.... Schon die Umsätze, die hier und jetzt möglich sind, machen Eindruck. Auf der Startseite von YouTube läuft stets ein Video - eine bezahlte Anzeige. Den Anzeigenplatz oben rechts verkauft YouTube für 175.000 Dollar pro Tag. " (27.12.2006)

Der Standard - Österreich

Zu Politik und Demokratie trage das Internet, an dem theoretisch alle teilhaben können, nur wenig bei, merkt der Kolumnist Peter Filzmaier kritisch an, "Onlineforen als Neo-Agora" hätten sich als Illusion erwiesen. Der Grund: "Durch großflächige Netzkampagnen inklusive Fehlinformationen unter falscher Identität werden soziale Bewegungen ausgerechnet von klassischen Parteien manipuliert... Es gibt eine moderne Klassengesellschaft der Mehrheit von weit gehend 'unqualifizierten' Konsumenten des Internets und einer Minderheit von hochgradig kompetenten Nutzern. Nur die Letztgenannten können das Internet konsequent für politische Bildung, politisches Engagement und politische Partizipation nutzen. Der Rest bekommt Brot und Spiele." (27.12.2006)

REFLEXIONEN

Tribune de Genève - Schweiz

Marian Stepczynski über das Ende der Arbeit

"Die These vom Ende der Arbeit, oder genauer vom Ende der Arbeit als primärer Einkommensquelle, wird sicher noch sehr aktuell werden", schreibt Marian Stepczynski. "Zwischen unentgeltlicher Arbeit, wie sie Jeremy Rifkin beschreibt (Freiwilligenarbeit, Volontariat, Neue Arbeit) und einer Wirtschaft der Unentgeltlichkeit, wie sie Jacques Attali vorschlägt, gibt es Raum für alle möglichen Formen des Teilens... Man sollte ruhig darüber nachdenken, dass Arbeit in unserer alternden Gesellschaft nicht mehr der uns gewohnten Form entsprechen wird. Die Rückkehr zu einer lokaleren Wirtschaft - die paradoxerweise vom Internet und der Globalisierung des Handels begünstigt wird - könnte beispielsweise zu neuen Formen der gegenseitigen Hilfe zwischen den Generationen führen: die Erwachsenen kümmern sich um die Alten, die Alten kümmern sich um die Kinder, die Reichen kümmern sich um die Kranken, eingebettet in geldlose Handelskreisläufe." (27.12.2006)

die tageszeitung - Deutschland

Peter Sloterdijk über den übererotisierten Westen

Die Rückkehr zur Religion ist für den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk kein Weg zur Seelentröstung und Heilsfindung, wie er Jan Feddersen und Susanne Lang in einem langen Interview rund um Weihnachten, Gott und die Welt erklärt: "Die Religionen sind bis auf weiteres eher Teil des Problems als der Lösung. Gäbe es den Weltgeist, würde er jetzt wohl statuieren: Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen. Tatsächlich stehen sich auf der großen Bühne zwei Komplexe gegenüber, die in sich total unausbalanciert sind: ein übererotisierter, von der Gier verwüsteter Westen, andererseits ein überthymotisierter, vom Ressentiment verwüsteter Naher und Mittlerer Osten. Ohne Rebalancierung ist nach beiden Seiten die globale Selbstzerstörung programmiert." (23.12.2006)

La Libre Belgique - Belgien

Johan Muyle über Wallonien

Der belgische Künstler Johan Muyle schildert im Interview mit Guy Duplat, wie er Wallonien erlebt: "Ich habe für die Gemeinschaft, in der ich lebe, viel übrig. Allerdings bedaure ich sehr, dass sie sich nicht zu erkennen gibt, dass sie nicht den Mut aufbringt, sich dazu zu bekennen, dass sie eine multiethnische und multikulturelle Gemeinschaft ist. Dabei liegt darin doch die Zukunft. Eine große Stadt wie Lüttich ist, um ihren Status zu behalten, auf die Unterstützung neuer Mitspieler angewiesen. In meiner Jugend – als Sohn eines flämischen Immigranten und Freund italienischer und griechischer Einwanderer – verband uns die französische Sprache. Das ist heute vorbei. Und daran wird auch die Plakatkampagne mit berühmten Wallonen, die auf so dumme Weise das 'Bekende Vlamingen' Flanderns nachmacht, nichts ändern. Ich hätte gern, dass sich unsere Minister mehr an Mailand oder Bilbao orientieren." (27.12.2006)

POLITIK

Le Monde - Frankreich

Die behutsame Integration Bulgariens und Rumäniens

Wenige Tage vor dem EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens erinnert die Tageszeitung daran, dass "Sofia und Bukarest nur knapp dem Beschluss der EU entgangen sind, weitere Beitritte zu verschieben, solange die institutionellen und finanziellen Mittel, um die 'Integrationsfähigkeit' zu verbessern, nicht vorhanden sind... Für Bulgarien und Rumänien war das Wichtigste, überhaupt aufgenommen zu werden. Aber ihr Beitritt vollzieht sich unter wachsamen Blicken. Die beiden Länder müssten ihre Anstrengungen verdoppeln, damit sie den Kriterien der Union voll entsprechen. Die EU muss mit der behutsamen Integration Bulgariens und Rumäniens zeigen, dass die Erweiterung keine Flucht nach vorn ist und dass sie sie unter Kontrolle hat. Doch auch wenn zwischendurch gebremst wird, steht die generelle Strategie nicht in Frage: Die Erweiterung gilt weiter als Motor des Wachstums und als ein Instrument für Stabilität." (27.12.2006)

Rzeczpospolita - Polen

Der Gasstreit zwischen Weißrussland und Russland

Russland will den Gaspreis für Weißrussland im neuen Jahr erhöhen und droht die Pipeline abzudrehen, wenn Präsident Lukaschenko nicht einlenkt. Die Moskau-Korrespondenten Ignacy Morawski und Andrzej Pisalnik meinen, der Streit bedrohe trotz gegenteiliger Versicherungen von Gasprom die Energieversorgung in ganz Europa: "Die Verhandlungen zwischen der Regierung in Minsk und Gasprom sind gescheitert... Zwar sichern die Mächtigen in Moskau zu, dass sie alles tun werden, um die Versorgung der EU zu sichern, auch wenn sie den Gashahn für Belarus abdrehen sollten... Doch dieser Zusicherung schenken Experten keinen Glauben." Die beiden Journalisten erinnern an die Situation Anfang 2004, als Moskau den Gaspreis für Weißrussland schon einmal erhöhen wollte und das Gas vorübergehend abdrehte. Weißrussland bunkerte daraufhin sein vorhandenes Gas: "Das Ergebnis war, dass Polen und anderen Staaten der EU der Rohstoff fehlte." (27.12.2006)

Magyar Hírlap - Ungarn

Isoliertes Serbien

In Serbien finden am 21. Januar Parlamentswahlen statt. Die Isolation des Landes sei ein Nährboden für serbischen Nationalismus, schreibt József Makai und fordert, die EU solle die Einreise serbischer Staatsbürger in die EU erleichtern. "Das Schengener Abkommen schirmt Serbien von der Außenwelt ab, das hat viele negative Auswirkungen. Darf man sich wundern, dass die für die Errichtung Groß-Serbiens eintretende Serbische Radikale Partei stärkste politische Kraft in Serbien ist? Wie könnte es anders sein? In Serbien geht eine Generation zum ersten Mal wählen, die keine Erinnerung mehr an das normale Leben vor dem Krieg hat. Ihr bisheriges Leben ist von Krisen, Notständen und Kriegen geprägt. Massive Hetzkampagnen gehören zu ihrem politischen Alltag. Zwei Drittel aller Studenten in Serbien waren noch nie im Ausland... Es reicht nicht, den Serben langfristig einen EU-Beitritt in Aussicht zu stellen. Persönliche Erfahrungen würden sie mit der Welt schneller versöhnen als ihre demokratischen Regierungen." (26.12.2006)

Hospodářské noviny - Tschechien

Warten auf eine neue tschechische Regierung

Das Warten auf eine neue Regierung war für die Tschechen das Thema des Jahres - seit sieben Monaten bemühen sich die Politiker erfolglos um ein handlungsfähiges Kabinett. Robert Brestan kommentiert mit Galgenhumor: "Auch die zuletzt genannten Termine, Nikolaus und Weihnachten, sind verstrichen, ohne dass die Regierung stünde. Die Tschechen brechen weiter alle Rekorde. Nirgends auf der Welt hat in den letzten Jahren eine Regierungbildung so lange gedauert. Ausländische Medien berichten, das Land habe im letzten halben Jahr 'auf Autopilot' umgeschaltet... Auch ohne Regierung geht es der Wirtschaft gut, die Landeswährung wird immer stärker, die Aktienkurse sind stabil. Doch die notwendigen Reformen des Rentensystems, der Sozialleistungen und des Gesundheitswesens werden ohne eine Regierung, die eine Mehrheit im Parlament hat, nicht zustande kommen." (27.12.2006)

ABC - Spanien

Illegale Moscheen in Spanien

Die konservative Zeitung findet die "mangelnde Transparenz" bei der Eröffnung neuer Moscheen in Spanien bedenklich. "Die Zahl der Orte des Kultes und der Zusammenkunft von Muslimen nimmt in einigen spanischen Städten erheblich zu. Bei der Finanzierung sollten die gleichen Regeln wie für alle spanische Einrichtungen gelten. Der Gesetzgeber muss kontrollieren, dass solche Kultstätten legal finanziert werden. Er sollte auch darüber wachen, dass keiner die Freiheit der Religionsausübung, die den Muslimen niemand absprechen will, zum Vorwand nimmt, diese Orte mit terroristischen Doktrinen zu infiltrieren und die Moscheen in Basen für radikale Dschihadkämpfer zu verwandeln... In Andalusien gibt es 200 illegale Moscheen - gegenüber 83 offiziell angemeldeten. Das führt zu Misstrauen und begünstigt ein gefährliches Klima der Heimlichtuerei." (27.12.2006)

The Independent - Großbritannien

Debatte über "Sklavenarbeit" in Großbritannien

In Großbritannien gibt es Sklavenarbeit, stellt der Chef der Wohltätigkeitsorganisation Anti-Slavery International, Aidan McQuay, fest. "Wir sprechen von Menschen, die durch Zwang oder Täuschung zu einer Arbeit gezwungen werden, die nicht oder nur gering bezahlt wird. Sie werden durch geistigen und physischen Missbrauch oder durch Drohungen von ihrem 'Arbeitgeber' kontrolliert. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass mindestens 360.000 Menschen in den Industriestaaten in Sklaverei leben. Zwei Drittel davon sind im Rahmen von illegalem Menschenhandel zur Arbeit gezwungen worden... In Großbritannien verrichten heutzutage vermutlich Tausende Sklavenarbeit... Seltsamerweise hat die Regierung die Europäische Konvention über Maßnahmen gegen den Menschenhandel immer noch nicht unterzeichnet. Diese Konvention soll sicher stellen, dass Menschen, die durch Menschenhandel zur Sklavenarbeit gezwungen wurden, ein Minimum an Schutz und Hilfe bekommen. Mehr als 30 europäische Staaten haben die Konvention unterzeichnet." (27.12.2006)

KULTUR

Le Temps - Schweiz

Neue Aufmerksamkeit für engagierte Kunst

Die Zeitung vertritt die These, dass 2006 in vielen Genres wieder mehr "politisch engagierte Kunst" produziert worden ist. Alexandre Demidoff schreibt über das Theater: "Der Glückliche schnarcht in seiner Loge. Doch wenn die Wirklichkeit und ihre Ausartungen die Bühne beherrschen, dann verbietet sich diese Ruhe. Gewiss dramatisiere ich, doch die Künstler haben uns 2006 erfolgreich davon abgehalten, nach Ausgehen des Feuers einzuschlafen... Das ist eine der großen Aufgaben des Theaters seit dem Agitprop der 1920er Jahre. Damals sprachen in der Sowjetunion die Schauspieler die brennend aktuellen Themen in den Fabriken an. Zur gleichen Zeit wollte in Deutschland der junge Brecht den Arbeitern zu denken geben. Diese Pioniere haben jetzt Kinder, die zum einen Schüler des Dokumentationstheaters sind und zum anderen der Doku-Fiktion... Letztere hat in Edward Bond einen unerbittlichen Meister gefunden. Seit den 1970er Jahren hat dieser große englische Autor die schlimmsten Seiten der Menschen sichtbar gemacht. Im Juli hat er in Avignon erneut zugeschlagen." (27.12.2006)

LOKALE FARBEN

Népszabadság - Ungarn

Der Euro mit ungarischem Akzent

Die ungarischen Europaparlamentarier sind eigentlich selten einer Meinung, doch kurz vor Weihnachten haben sie sich auf eine gemeinsame Forderung geeinigt: Wenn der Euro in Ungarn eingeführt wird, soll er unbedingt mit einem ungarischen Akzent geschrieben werden und also Euró heißen. Brüssel-Korrespondent László Szőcs kommentiert: "Beim Haushaltsdefizit gehört Ungarn keineswegs zu den vorbildlichen EU-Ländern, derzeit erfüllt das Land keine einzige Bedingung zur Einführung der gemeinsamen Währung. Doch wenn es um die Schreibweise des Euros geht, sind die Ungarn sehr konsequent. Brüssel erwartet, dass die Ungarn ihren innenpolitischen Streit beenden und ihre Volkswirtschaft in Ordnung bringen. Was könnte ein schönerer Anlass zur Versöhnung sein, als ein langes o am Ende des Wortes Euro?... Die gemeinsame Währung ist ein Symbol des geeinten Europas, die EU wird durch die Banknoten und Münzen im wörtlichen Sinne greifbar. Deshalb ist nicht egal, was auf diesen Banknoten steht." (23.12.2006)

 

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