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Presseschau / Archiv / Presseschau | 27.03.2008

 

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Druck auf China - aber wie?

Druck auf China - aber wie?

 

Stehen die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking in Frage? Die Debatte darüber, wie sich die Welt gegenüber China angesichts der Vorgänge in Tibet verhalten soll, geht weiter. Wer kann am besten Druck machen: Politiker, Sportler, das IOC oder die Medien?

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Le Temps - Schweiz, Dziennik - Polen, La Tribune - Frankreich, Die Zeit - Deutschland

Le Temps - Schweiz

Jean-Jacques Roth hält einen Boykott der Olympischen Spiele für kein gutes Druckmittel gegenüber China. "Derzeit kann man beobachten, wie es einer Handvoll Aktivisten auf höchst effektive Weise gelingt, das offizielle Image der Olympiade durch Ketschup-beschmierte T-Shirts zu besudeln. Dieser Druck wird nicht nachlassen, sondern mit jeder weiteren Etappe der olympischen Fackel zunehmen. Sollte China früh genug begreifen, dass YouTube verheerender sein kann als ein Boykott und dass außerhalb seines Imperiums die öffentliche Meinung Gewicht hat, dann wird es nach einer Möglichkeit suchen, sein Gesicht zu wahren und die Spiele zu retten. Die Spiele könnten so zum 'Katalysator für Veränderung' werden, wie es IOC-Präsident Jacques Rogge hoffentlich warnend formuliert hat." (27.03.2008)

Dziennik - Polen

Der Direktor des polnischen Fernsehsenders TVP Sport, Robert Korzeniowski, bezeichnet die Forderung, Sportler sollten durch einen Boykott der Spiele die Last der politischen Probleme dieser Welt auf sich nehmen, als "Heuchelei". "Weder Geschäftsleute noch Politiker haben ernsthaft Konsequenzen aus der Tragödie in Tibet gezogen. Mir ist nicht bekannt, dass Bestellungen von Flugzeugen, Autos, Computern und anderer Güter, die im Reich der Mitte hergestellt werden, zurückgezogen wurden... Geschäftsleute und Politiker wollen durch die Olympioniken ein reines Gewissen behalten und gleichzeitig ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen wahren. Doch warum sollen ausgerechnet die Sportler diese Welt besser machen?" (26.03.2008)

La Tribune - Frankreich

Eric Benhamou meint, man könne Peking nicht mit Moskau zu Zeiten des Eisernen Vorhangs vergleichen. "China ist eine Macht, die zählt, und die Olympischen Spiele sind ein unerlässliches Ereignis, für das Coca-Cola oder McDonald's, ohne zu zögern, 100 Millionen Dollar ausgeben, um unter den Hauptsponsoren zu sein... Der Boykott steht daher nicht zur Debatte, niemand will ihn, nicht einmal der Dalai Lama im Exil. Übrigens war ein Boykott nie effektiv, abgesehen davon, dass er den Sportlern selbst schadet. Es wird maximal eine symbolische Antwort geben: das Fernbleiben einiger Politiker bei der Eröffnung der Spiele. Schlimmer ist das Schweigen des IOC. Es hatte darauf gesetzt, dass die Spiele die chinesische Führung dazu zwingen würden, sich in der Menschenrechtsfrage offener zu zeigen. Das ist offensichtlich nicht so. Man kann nur hoffen, dass das IOC künftig rigoroser ist. Zum Beispiel mit einer neuen Charta." (27.03.2008)

Die Zeit - Deutschland

"Die olympische Familie, wie sie sich immer so gern putzig selbst nennt, muss sich endlich dazu bekennen, über politische Macht zu verfügen", fordert Christof Siemes und erklärt: "Welche politische Macht hat der Sport? Die olympischen Funktionäre antworten darauf so, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Die beiden Koreas drängt man, unter einer gemeinsamen Flagge bei den Spielen anzutreten – als wenn das keine politische Demonstration wäre. Der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch betrieb die Vergabe der Spiele an Peking vor allem mit dem Argument, Olympia könne eine Stadt 'oder sogar ein Land' verändern... Nur einen guten Monat nach dem Zuschlag für Peking erklärte Samaranchs Nachfolger, der jetzt amtierende IOC-Chef Jacques Rogge, dass seine Organisation kein 'Wachhund' sei für die Einhaltung der Menschenrechte in China." (27.03.2008)

REFLEXIONEN

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Klaus-Dieter Frankenberger über undemokratischen Kapitalismus

Klaus-Dieter Frankenberger setzt sich mit der Annahme auseinander, dass die Einbindung in die globalisierte Wirtschaftswelt, also der Kapitalismus, langfristig demokratisierend wirke. "Das ist eine Hypothese, für deren Stichhaltigkeit man unter dem Eindruck des Vorgehens der chinesischen Führung in der Tibet-Frage und angesichts der generellen Hartleibigkeit des kommunistischen Regimes nicht die Hand ins Feuer legen wird... Die westlichen Demokratien werden sich somit auf einen Zwiespalt einzustellen haben, der die Weltpolitik auf Jahre hinaus bestimmen wird: Die wirtschaftliche Verflechtung wird weiter zunehmen - vorausgesetzt, die Globalisierung erlebt keinen Rückschlag -, und Demokratien und autoritäre, diktatorische Herrschaftsformen werden nebeneinander existieren. Dass sie sich reiben, zeigt der Tibet-Konflikt; wie stark die Reibung ist, hängt von der Bedeutung des Konflikts ab und den Interessenlagen." (27.03.2008)

The Guardian - Großbritannien

Seamus Milne über das Fortschrittspotenzial von Religion

Der Journalist Seamus Milne vertritt die These, Religion könne ein Verbündeter der atheistischen Linken im Kampf gegen Armut, Kapitalismus und Krieg sein. "Früher stand die organisierte Religion auf Seiten der etablierten Ordnung, sie empfahl Ehrerbietung gegenüber der existierenden Macht und überließ die Hoffnung auf Gerechtigkeit dem Jenseits. Doch die Religion in Europa ist im Niedergang begriffen und der Kapitalismus hat die Bande zwischen religiösen Institutionen und herrschenden Eliten gelockert... Erst jetzt kann Religion mit der uneingeschränkten Macht des Geldes in Konflikt geraten, mit einem Kapitalismus, der die sozialen und persönlichen Bereiche dominieren will, die die Religion als ihren Zuständigkeitsbereich betrachtet hatte. Religion ist immer weniger eine ideologische Stütze der Macht, und so sind die gegen das Establishment gerichteten Züge der Religion stärker geworden. In diesem Zusammenhang erklärt zum Beispiel Hugo Chávez in Venezuela Jesus zum ersten Sozialisten." (27.03.2008)

POLITIK

Delo - Slowenien

Die Nato und Russland

Die Nato-Mitgliedstaaten müssen bei ihrem Gipfel in Bukarest vom 2. bis 4. April unter anderem über den Beitrittsantrag der Ukraine und Georgiens entscheiden. Die Entscheidung werde mit Blick auf Russland nicht einstimmig ausfallen, vermutet Branko Soban und erklärt: "Russland fühlt sich wirklich bedroht. Nicht nur wegen des amerikanischen Raketenabwehrschildes in Polen und Tschechien oder des Nato-Werbens um die Ukraine. Russland hat Angst, dass hinter seinem Rücken ein Exklusivclub der westlichen Länder entsteht, der ohne seine Teilhabe über die Sicherheitsarchitektur debattiert... Als Ersatz für eine Mitgliedschaft in der Nato wird Russland Georgien, der Ukraine und der Republik Moldau eine Art Neutralität und die Achtung der Autonomie anbieten." (26.03.2008)

ABC - Spanien

Die Anfänge einer europäischen Verteidigungspolitik

"Wir können noch lange nicht von einem Europa der Verteidigung sprechen. Doch in den vergangenen Jahren sind wichtige Schritte unauffällig bewältigt worden", schreibt Darío Valcárcel mit Blick auf die Einrichtung des Militärstabs der Europäischen Union (EUMS). "Es gibt eine Auffassung von Europa, die 80 Prozent der politischen Klasse teilt, von den Konservativen bis zu den Sozialisten. Diese Europäer glauben, dass ohne gemeinsame Verteidigung auch sonst nichts voran kommt. Die gemeinsamen Gesetze, die Währungsunion und der Zusammenhalt sollten von einer Verteidigungspolitik flankiert werden, die die Einhaltung der Verträge garantiert. Doch die langsame Entwicklung der nationalen Armeen hin zu einem transnationalen Bündnis macht Entscheidungen dringend erforderlich. Man sollte definieren, wie die Verteidigungspolitik vorankommen soll, in welchem Umfang und mit welchem Mandat." (27.03.2008)

Upsala Nya Tidning - Schweden

Einkommensabhängiges Kindergeld in Schweden?

Die Vorsitzende der schwedischen Zentrumspartei, Maud Olofsson, hat vorgeschlagen, das staatliche Kindergeld künftig vom Einkommen der Eltern abhängig zu machen. Die Zeitung ist dagegen: "Im Grunde fußt... die Legitimität des schwedischen Wohlfahrtsystems auf dem Prinzip genereller Lösungen: Kindergeld, medizinische Versorgung, Schule und Seniorenbetreuung stehen allen zu, unabhängig vom Einkommen, und daher sind auch alle bereit, zur Finanzierung beizutragen. Zusammen mit der fast zwanzig Jahre alten Steuerreform und einigen weiteren Veränderungen in der grundsätzlichen Gestaltung des schwedischen Wohlfahrtsystems, ist dies eine glaubhafte Erklärung dafür, warum es Schweden, trotz seines hohen Steuerdrucks, wirtschaftlich gut geht." (26.03.2008)

The Independent - Großbritannien

Britisch-französische Komplikationen

Adrian Hamilton äußert sich anlässlich des Besuchs von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy in London skeptisch über eine bessere britisch-französische Kooperation: "Das liegt zum Teil an Browns Herangehensweise – oder vielmehr seiner fehlenden Herangehensweise – an Europa. Nicht dass er Anti-Europäer wäre, das nicht. Aber er betrachtet Europa nicht als lebendigen, sich entwickelnden Organismus, sondern als einen Markt, ein Gebiet, eine Tatsache... Für ihn ist die EU eine Quelle innenpolitischer Probleme und ein potenzieller Störenfried, kein Wegbereiter für die Welt von morgen. Aber Nicolas Sarkozy ist nicht viel anders. Er hat gewiss eine Menge Ideen, doch nur wenige davon sind durchdacht und noch weniger umgesetzt... Er brachte die Idee einer Mittelmeerunion auf, ohne die Folgen für die Nicht-Mittelmeeranrainer in der EU und besonders für Deutschland zu bedenken. Er wünscht eine Intervention, um den hohen Eurokurs abzuschwächen, bringt das aber nicht mit seiner Politik des ökonomischen Laisserfaire zusammen." (27.03.2008)

WIRTSCHAFT

La Stampa - Italien

Mozzarella bringt die Marke 'Made in Italy' in Gefahr

Bei italienischem Büffel-Mozzarella sind höhere Dioxinwerte als erlaubt festgestellt worden. Südkorea und Japan haben den Import ausgesetzt und die EU droht mit einem Embargo, falls die italienischen Behörden keine genaueren Informationen liefern. Marcello Sorgi sorgt sich um die italienische Wirtschaft: "Zusammen mit der Alitalia-Krise ist der Export des leckeren Büffelmilchkäses aus Kampanien ein echtes Problem geworden. Diese Krise könnte sich auf die ohnehin schon kränkelnde Wirtschaft Italiens auswirken. Wie konnte das geschehen in einem Land, das noch vor kurzem den weltweit sechsten Platz bei Innovation und Entwicklung einnahm?... Es ist durchaus möglich, dass diese Krise zum Rückgang aller Exporte der nationalen Lebensmittelindustrie führt, wenn nicht gar aller Produkte 'Made in Italy'." (27.03.2008)

MEDIEN

Sme - Slowakei

Slowakische Zeitungen protestieren gegen Pressegesetz

Aus Protest gegen den Entwurf des neuen slowakischen Pressegesetzes erscheinen heute die wichtigsten Zeitungen des Landes mit einer weißen Titelseite, auf der ausschließlich eine gemeinsame Erklärung unter der Überschrift "Die sieben Sünden des Pressegesetzes" abgedruckt ist. Die Journalisten und Redaktionen des Landes fürchten, nach Inkrafttreten des Gesetzes werde es nicht mehr ausreichend Raum für journalistische Berichterstattung geben, da sich der Staat das Recht auf Gegendarstellungen und Abmahnungen vorbehält. "Die heutigen Zeitungen mit ihren weißen Titelseiten", so Sme-Chefredakteur Matúš Kostolný in einem Kommentar auf Seite drei, "sind eine der letzten Möglichkeiten, darauf aufmerksam zu machen, dass das neue Pressegesetz ein Vorzeichen für das Ende tatsächlich freier Medien in der Slowakei ist. Unser Bestreben bleibt es, die Wahrheit zu suchen und zu schreiben, auch wenn das einigen nicht passt." (27.03.2008)

Népszabadság - Ungarn

Die Zeitung des Bürgermeisters

Die Presse in einzelnen Orten und Regionen Ungarns befindet sich in kommunaler Hand. Wer diese Redaktionen leitet, wird also im Rathaus entschieden, die Chefredakteure sind sich bewusst, dass ihre Zukunft von der Stadtratsmehrheit abhängt. Von journalistischer Unabhängigkeit oder von der Kontrollfunktion der Öffentlichkeit kann in solchen Fällen keine Rede sein, meint der Journalist Tamás Bod: "Knapp 20 Jahre nach der Wende ist noch immer unklar, wem die kommunalen Zeitungen gehören: der gesamten Bevölkerung, der Stadtverordnetenversammlung, deren Mehrheit oder gar dem Bürgermeister? In den meisten Fällen ist zu beobachten, dass der Bürgermeister oder zumindest die Mehrheit im Rathaus darüber entscheiden, was wie in der - mit öffentlichen Mitteln finanzierten! - Zeitung stehen darf... Zweifellos kann der politische Druck unterschiedlich ausfallen, wie es auch Unterschiede zwischen regionalen Zeitungen gibt. Aber absurd ist diese Situation allemal." (27.03.2008)

KULTUR

Le Figaro - Frankreich

Der 11. September als literarischer Topos

Im Interview mit Jean-Louis Turlin äußert sich der amerikanische Schriftsteller Don DeLillo, dessen Roman "Falling Man" soeben in Frankreich erschienen ist, über die Auswirkungen der Ereignisse vom 11. September 2001 auf die Literatur. "Wir leben in einer gefährlichen Zeit. Was einige nur als kurzlebige Nachrichten erleben, kann sich in der Wahrnehmung eines Schriftstellers als Bedrohung für die Welt darstellen... Der 11. September dürfte in den kommenden Jahren ein wichtiges literarisches Thema werden, sofern eine ausreichende Zahl junger Autoren bereit ist, sich der gewaltigen Realität dieses Ereignisses auszusetzen. Sind die Schriftsteller bereit, diese wichtige Aufgabe ernsthaft in Angriff zu nehmen, bei der Religion, Politik oder Geschichte Raum in der Erzählung beanspruchen? Der Roman als literarische Gattung hat Hunger nach Erfahrung. Seine potenzielle Reichweite ermöglicht es einem Schriftsteller, große historische Kräfte im Innenleben seiner Figuren anzusiedeln." (27.03.2008)

 

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