Top-Thema vom Donnerstag, 28. September 2006
Empörung über Idomeneo-Absetzung in Berlin
Aus Angst vor möglichen Anschlägen durch Islamisten hat die Deutsche Oper in Berlin die Mozart-Oper "Idomeneo" in der Inszenierung von Hans Neuenfels vom Spielplan genommen - das Landeskriminalamt hatte vor einem "Sicherheitsrisiko von unkalkulierbarem Ausmaß" gewarnt. In der Inszenierung werden im Epilog die abgeschlagenen Köpfe von Jesus, Mohammed, Buddha und Poseidon auf einen Stuhl gesetzt. Die Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, wird für ihre Entscheidung scharf kritisiert.
Helsingin Sanomat - Finnland
Die finnische Zeitung verweist darauf, dass die Premiere der umstrittenen Mozart-Inszenierung in Berlin bereits 2003 stattfand und es sich lediglich um eine Wiederaufnahme gehandelt hätte. "Regisseur Hans Neuenfels hat mit seinen Provokationen alten Opern immer wieder Bedeutung für die Gegenwart verliehen. Aber die Intendanz der Deutschen Oper hat aus dieser Inszenierung nun eine viel größere Provokation gemacht, als man es sich jemals hätte träumen lassen. Religiöse Extremisten sorgen für wachsende Furcht und Intoleranz, aber der Beschluss der Deutschen Oper, eine Aufführung abzusetzen, zeugt vom voreiligen Bestreben, die Meinungsfreiheit von sich aus zu begrenzen." (28.09.2006)
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Spiegel Online - Deutschland
Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu meint im Interview mit Severin Weiland angesichts der weltweiten Empörung um die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo": "Irgendwie scheint die halbe Republik nur darauf gewartet zu haben, um sich endlich einmal auf eine Person zu stürzen. Frau Harms hat eine Ermessensentscheidung getroffen, vor der ich hohen Respekt habe… Es scheint mittlerweile so zu sein: Gestern haben wir die Christen geärgert, heute ärgern wir die Moslems. Aber ich sage auch ganz klar: Es kann und darf keine Zensur von Außen geben. Es kann aber auch nicht sein, dass eine Intendantin, die sich für die Sicherheit ihres Publikums und ihrer Schauspieler entschieden hat, als Selbstzensorin verunglimpft wird… Ich sehe im Grunde auf der einen Seite die üblichen Verdächtigen, die nur einen Grund suchen, um schon wieder beleidigt zu sein. Und auf der anderen Seite sehe ich die Aufklärungsspießer, die es ja sehr einfach haben und nun erklären, man sei vor den Islamisten in die Knie gegangen. Das ist doch Humbug." (28.09.2006)
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El País - Spanien
Für die spanische Zeitung hat die Absetzung der Mozart-Inszenierung nur zu einem geführt: "Es empört die freien und demokratischen Gesellschaften und beunruhigt diejenigen, die in der ganzen Welt für mehr Meinungsfreiheit kämpfen - so wie es sie heute in Europa gibt. Meinungsfreiheit ist die Frucht eines jahrhundertelangen Kampfe - mit zahllosen Opfern und Rückschlägen... Das sind Errungenschaften, auf die man nicht verzichten kann und niemand darf erwarten, dass die freien Gesellschaften einen Schritt zurückweichen... Es geht um einen weiteren Vorfall in einer Debatte - so wie es sich bereits in der Karikaturen-Krise und in der Rede von Papst Benedikt XVI. in Regensburg gezeigt hat - die jedesmal mehr Offenheit und guten Willen von allen Seiten verlangt. Es braucht gegenseitigen Respekt und natürlich Mut und Korrektheit, um Kultur, Würde und Freiheit zu verteidigen. All das hat der Intendantin in Berlin gefehlt." (28.09.2006)
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Berlingske Tidende - Dänemark
Die Zeitung kommentiert die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" in Berlin vor dem Hintergrund des Karikaturenstreits, der vor rund einem Jahr in Dänemark seinen Ausgangspunkt hatte. "Es muss nun auch dem letzten Kritiker aufgegangen sein, dass der Karikaturenstreit keinen speziell dänischen Hintergrund hatte. Die Einschüchterung demokratischer Gesellschaften muss bekämpft werden – heute, morgen und übermorgen. Mit Worten, gewiss, aber auch mit Politik und konkretem Mut, und genau letzterer ist es, der im Falle der Berliner Oper in so gefährlichem Maße fehlt. Wer weiß, was im Kopf der Intendantin vorgegangen ist, doch ihre Begründung zeugt von kompletter Selbstaufgabe... Die Absetzung ist völlig idiotisch, widerwärtig, kleinlich und die Kritik der deutschen Regierung an der Opernleitung berechtigt. Noch schlimmer aber wäre es, wenn die Entscheidung der Oper zu einem Präzedenzfall in Europa werden sollte." (28.09.2006)
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Le Temps - Schweiz
Laurent Wolf zieht eine Parallele zwischen der Affäre um die Absetzung des "Idomeneo" und der Situation des deutsch-syrischen Islamexperten Bassam Tibi. Tibi hat seine Integration in Europa als unmöglich bezeichnet und angekündigt, in die USA auszuwandern. "Die Selbstzensur eines Kunstwerkes und die Abscheu, die Bassam Tibi zur Auswanderung bewegt, haben etwas gemeinsam. Einerseits die Angst, die Vorwegnahme einer möglichen Reaktion, über deren Legitimität schon gar nicht mehr gestritten wird, sondern die sich durch ihre schädliche Macht einfach aufdrängt - man kritisiert doch keine Religion und schon gar nicht diese, oder? Auf der anderen Seite die Unmöglichkeit, mit Würde betrachtet und behandelt zu werden, das heißt als das, was man ist - denn Bassam Tibi und die meisten Muslime sagen und tun nichts, was den Argwohn rechtfertigen würde, der sie ausgesetzt sind." (28.09.2006)
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Corriere della Sera - Italien
Kommentator Magdi Allam stellt den Berliner Fall in den Kontext der umstrittenen Papst-Rede. Er kritisiert den Jesuiten und Islamexperten Thomas Michel, der dem Vatikanischen Konzil für interreligiösen Dialog vorsitzt. Michel hatte die Äußerungen des Papstes verurteilt und die Meinung vertreten, die Christen müssten sich bei den Muslimen entschuldigen. "Pater Michel ist ein Paradebeispiel für 'islamische Korrektheit' innerhalb der Kirche. Diese neue Lebensphilosophie treibt den Westen aus Angst vor islamistischen Reaktionen zur Selbstzensur seiner Redefreiheit. Das zeigt auch die Opern-Affäre in Berlin. Sie tun dasselbe wie Genf in Bezug auf Voltaires 'Mohammed', [das Theaterstück wurde 1993 auf Bitten der muslimischen Gemeinschaft abgesetzt] und wie die Zensur in London, die das Stück 'Tamerlan' von Christopher Marlowe verbot." (28.09.2006)
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Der Standard - Österreich
Bert Rebhandl beleuchtet das Verhältnis von Kultur und Religion in westlichen Gesellschaften und meint, im Zweifel stehe die Kunstfreiheit höher: "Die Idee von Hans Neuenfels ist typisch für ein Regietheater, das relativ frei mit Ideen handelt. Darüber kann man streiten, aber man kann es nicht mit guten Gründen verbieten. Politiker schlagen sich gern auf die Seite des gesunden Menschenverstands. Sie verurteilen das Extreme, dabei ist es doch gerade die extreme Bandbreite einer offenen Gesellschaft, die der Kulturbetrieb abbilden muss... Den Westen erleben viele Muslime als kulturelle Diaspora, mit einem Überangebot, von dem sie sich nicht angesprochen fühlen. Sie finden in der Religion ihre eigene Kultur. Trotzdem wäre es falsch, der schrankenlosen Kultur in den liberalen Gesellschaften engere Grenzen ziehen zu wollen, sie mit den Religionen wieder kompatibler machen zu wollen. Die Frage nach der Zulässigkeit von Ideen kann nur im freien Kräftespiel entschieden werden, das in der Demokratie ausgeprägt wurde: die Produzenten, die Geldgeber, Kritik und Publikum müssen das untereinander ausmachen." (28.09.2006)
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