Top-Thema vom Dienstag, 12. Februar 2008
Großbritannien debattiert über die Scharia

Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury, hatte am 7. Februar geäußert, bestimmte Teile der Scharia müssten 'unvermeidlich' in Großbritannien eingeführt werden. Die britische Debatte ist nun in der europäischen Presse angekommen.
The Daily Telegraph - Großbritannien
Für Rachel Sylvester ist Großbritannien kein säkularer Staat, sondern ein zutiefst christlich geprägtes Land. "Rowan Williams hat an diesem Wochenende erlebt, was das wirklich bedeutet. Marx bezeichnete Religion einst als Opium für das Volk; der Erzbischof musste feststellen, dass Religion auch eine Art intellektuelle Droge sein kann, die die Nation wach hält und nächtelang debattieren lässt. Williams Äußerung, dass die Einführung der Scharia in einigen Teilen Großbritanniens 'unvermeidlich' sei, fordert nicht nur das Rechtssystem heraus, sondern fragt auch nach der Beziehung von Kirche und Staat... Es geht um mehr als um Regeln, wie Hypotheken oder Scheidungen gehandhabt werden: Es geht um die britische Identität... Großbritannien ist anders als Frankreich oder die Türkei kein säkularer Staat. Seine Geschichte und Kultur beruhen auf der Verbindung von Kirche und Staat. Es ist seltsam, dass der Erzbischof das leugnet." (12.02.2008)
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Dagbladet Information - Dänemark
Man könne Rowan Williams nicht vorwerfen, er habe sich von archaischen Traditionen wie Steinigung oder so genannten Ehrenmorden nicht deutlich genug distanziert, argumentiert die Zeitung: "Nicht hier liegt der Irrtum des Erzbischofs... Denn auch die friedlichen, guten oder vernünftigen Rechtspraktiken anderer Religionen haben in Europas modernen, säkularen und demokratischen Rechtsstaaten nichts zu suchen. Religion muss Religion und Politik Politik bleiben, Gerichte müssen für alle Individuen im Rechtssystem funktionieren... Es ist beklemmend, dass das Klima in der gegenwärtigen Diskussion um den Islam selbst im multikulturellen Großbritannien so angespannt ist, dass man Williams Irrtümern nicht anders entgegentreten kann als mit Hysterie." (12.02.2008)
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Le Figaro - Frankreich
Für London-Korrespondentin Cyrille Vanlerberghe ist die Erklärung des Erzbischofs nicht nur eine Provokation. "Nach seinen ersten Erklärungen auf BBC 4 am frühen Nachmittag führte das geistige Oberhaupt der 77 Millionen Anglikaner bei einer Veranstaltung über bürgerliches und religiöses Recht im Londoner Königlichen Gerichtshof seine Vorstellungen genauer aus... Die Rede des Erzbischofs war kein flammender Aufruf für die blinde Befolgung aller Aspekte des islamischen Rechts, sondern eine dichte und komplexe Argumentation zugunsten eines Rechtssystems, das die religiösen Besonderheiten einer Minderheit anerkennt... Die theologische Position, die Rowan Williams vertritt, wird nicht verstanden. Wie so oft bleibt nur der provokante Teil seiner Äußerung hängen." (08.02.2008)
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Neue Zürcher Zeitung - Schweiz
Der Erzbischof von Canterbury verteidigt seine Position nicht überzeugend, findet London-Korrespondent Ulrich Meister. "Letztlich rettete er sich in die defensive Haltung des Gläubigen, der behauptet, dass das staatliche Gesetz, zu dem die europäischen Menschenrechte gehören, den Glauben und das Gewissen aller Religiösen nicht immer ausreichend schütze... Hingegen hat er opportunistische Argumente wiederholt, nämlich dass Scharia-Gerichte in England seit langem bereits für zivile Streitfälle wie Scheidungen (einfach für Männer, langwierig für Frauen) und Erbe existieren und die orthodoxen Juden die Beth Din ebenfalls für zivile und kommerzielle Divergenzen haben. Das englische Recht gestattet außerhalb krimineller Delikte in der Tat solche Schiedsgerichte von dritter Seite... Der Druck der religiösen oder Clan-Gemeinschaft - anstelle einer unabhängigen Justiz - wird in solchen Fällen vollkommen unterschätzt." (12.02.2008)
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