Top-Thema vom Montag, 18. Februar 2008
Ein neuer Staat in Europa

Am 17. Februar 2008 hat der Kosovo seine Unabhängigkeit erklärt. Die Mitgliedsländer der EU haben sehr unterschiedliche Positionen zu der Frage, ob der neue Staat anerkannt werden soll. Welche Folgen hat der Schritt für die Region und Europa?
Libération - Frankreich
François Sergent findet die Unabhängigkeitserklärung riskant. "Vor allem für die Region besteht nach der Schaffung dieses Mini-Staats, so groß wie zwei französische Departements, ohne jedes wirtschaftliche Potenzial und extrem korrupt, die Gefahr der Destabilisierung. Europa soll die Sicherheit der serbischen Minderheit in der Provinz garantieren, aber auch die Ägypter und die Roma schützen, die von den Albanern verfolgt und erniedrigt werden. Welche dauerhafte Lösung kann die EU ihnen bieten? Europa schafft zudem einen Präzedenzfall, der möglicherweise langfristig diese Union verfolgen wird, die doch den Nationalismus überwinden wollte. Flamen, Katalanen, Basken und Korsen werden nun ein leichtes Spiel damit haben, der EU vorzuwerfen, sie messe mit zweierlei Maß. Seit dem Zerfall Jugoslawiens ist sie weder wachsam noch einig gewesen." (18.02.2008)
» zum ganzen Artikel (externer Link, französisch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Internationale Beziehungen, » EU-Erweiterung, » Sicherheitspolitik / Krisen / Kriege, » Europa, » Serbien
Alle verfügbaren Texte von » François Sergent
Népszabadság - Ungarn
Gábor Miklós meint: "Wegen früherer UN-Beschlüsse ist diese Unabhängigkeit rechtlich gesehen anfechtbar. Sie wird dennoch gelten und die Mehrheit der Welt wird es akzeptieren, dass zwei Millionen Albaner nicht mehr in Serbien eingeschlossen leben möchten. Schließlich wollen die serbischen Serben ohnehin höchstens als Nostalgietouristen in den Kosovo zurück. Es ist vielversprechend..., dass die Politiker in Belgrad angekündigt haben, auf Gewalt verzichten zu wollen. Vielleicht haben sie ja verstanden, dass ihr Land nach der Amputation letztlich an Stärke gewinnen kann und dass Serbien ohne den Kosovo näher an Europa rücken wird." (18.02.2008)
» zum ganzen Artikel (externer Link, ungarisch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Internationale Beziehungen, » EU-Erweiterung, » Sicherheitspolitik / Krisen / Kriege, » Ungarn, » Europa, » Serbien
Alle verfügbaren Texte von » Gábor Miklós
Neue Zürcher Zeitung - Schweiz
"Belgrad hat eine Reihe schmerzlicher Niederlagen erlitten. Das von Tito geschaffene Jugoslawien ist zerfallen, Montenegro, das am längsten bei Serbien verblieb, hat sich im Jahre 2006 abgespalten, und nun hat auch Kosovo diesen Schritt getan", schreibt Cyrill Stieger und sieht dennoch im "Verlust Kosovos für Serbien eine Chance für einen Neubeginn, auch wenn die führenden Politiker und große Teile der geistigen Elite das anders sehen und sich einmal mehr vom Westen ungerecht behandelt fühlen. Kosovo war schon immer ein Fremdkörper im serbischen Staat – und eine schwere Last. Belgrad könnte sich nun endlich von der verhängnisvollen Fixierung auf die nationale Frage lösen, mit dem Erbe Milosevics endgültig brechen und sich mit aller Kraft den wirtschaftlichen und sozialen Problemen zuwenden. Trotziger Widerstand führt nur in die Isolation." (18.02.2008)
» zum ganzen Artikel (externer Link, deutsch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Internationale Beziehungen, » Sicherheitspolitik / Krisen / Kriege, » EU-Politik, » Serbien
Alle verfügbaren Texte von » Cyrill Stieger
Polityka Online - Polen
Adam Szostkiewic meint, es sei ein positives Signal an die Muslime, wenn die EU die Unabhängigkeit des Kosovo anerkenne. "Die Warnungen, eine Anerkennung des Kosovo ermuntere Separatisten in Spanien, Belgien, der Slowakei oder Rumänien, überzeugen wenig. Der Kontext ist dort ein anderer... Eine Anerkennung sollte man nicht als einen mit der Muttermilch aufgesogenen Anti-Serbismus werten, noch mit einer angeborenen Abneigung gegen die orthodoxe Kirche oder Russland erklären. Hier spielen andere Überlegungen eine Schlüsselrolle, unter anderem die, dass der Kosovo muslimisch geprägt ist. Eine Geste der Unterstützung seiner Unabhängigkeit, durch Europa und die USA, hätte eine große politische Bedeutung: Wir glauben nicht an den Krieg des Westens gegen die islamische Welt. Willkommen!" (18.02.2008)
» zum ganzen Artikel (externer Link, polnisch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Internationale Beziehungen, » EU-Politik, » Südosteuropa
Alle verfügbaren Texte von » Adam Szostkiewicz
El País - Spanien
Andrés Ortega fragt nach der Zukunft des neuen Staates. "Bis auf die Unabhängigkeitserklärung ist der Kosovo extrem abhängig. Das Land ist nicht lebensfähig und in jeder Hinsicht auf internationale Hilfe angewiesen - wirtschaftlich, militärisch, polizeilich und bürokratisch. Nur so kann es seine Existenz sichern und zu einem Staat zu werden, der diese Bezeichnung verdient... Die Unabhängigkeit des Kosovo bedeutet ein Versagen der Europäer; und es wird sicher nicht das letzte Scheitern sein, denn es sind noch viele Konflikte zu lösen, die aus dem langen und blutigen Zerfall Jugoslawiens herrühren. Dessen Teile wollen sich paradoxerweise alle in Zukunft mit der EU vereinigen. Die EU wird so Schritt für Schritt um kleine, ethnisch homogene Staaten erweitert... In Europa ensteht ein neuer abhängiger Staat. Kein Grund zur Freude." (18.02.2008)
» zum ganzen Artikel (externer Link, spanisch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Internationale Beziehungen, » Sicherheitspolitik / Krisen / Kriege, » Europa, » Serbien
Alle verfügbaren Texte von » Andrés Ortega
» zur gesamten Presseschau vom Montag, 18. Februar 2008