Top-Thema vom Dienstag, 22. Juli 2008
Serbenführer Karadžić gefasst

Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadžić ist verhaftet worden. Er ist vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg angeklagt und befand sich seit 13 Jahren auf der Flucht. Europas Presse diskutiert die Hintergründe und die Bedeutung der Verhaftung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers.
La Repubblica - Italien
Für die Tageszeitung La Repubblica ist die Festnahme des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadžić "vermutlich der Hartnäckigkeit von Boris Tadić zu verdanken: Serbischer Präsident und einer der überzeugtesten EU-Befürworter, einer der wenigen serbischen Politiker, die nie freundschaftliche Beziehungen zu Karadžić hatten." Alle anderen hätten, egal ob sie der Regierung oder der Opposition angehörten, beste Kontakte zum bosnisch-serbischen Hauptquartier in Pale gepflegt. Karadžić habe als zeitweiliger Präsident der "serbischen Mini-Republik" auch zahlreiche Kontakte mit westlichen Regierungen gepflegt. "Wenn Karadžić vor dem Haager Gericht tatsächlich aussagen sollte, dann geraten vermutlich nicht wenige im Westen in Erklärungsnot. Auch deshalb schien es, dass einige NATO-Kontingente nicht gerade darauf brannten, ihn festzunehmen, obwohl sein Versteck anfangs bekannt war. Der Mann weiß viel, jedenfalls genug, um vielen den Schlaf zu rauben, nicht nur unter seinen serbischen Ex-Kameraden." (22.07.2008)
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Alle verfügbaren Texte von » Guido Rampolli
El País - Spanien
Die Tageszeitung El País rekapituliert, wie es zur Abnahme der Popularität von Radovan Karadžić und damit schließlich zu seiner Festnahme kam: "[Bei den Wahlen] im Jahr 2006 stimmte Montenegro - sein Montenegro - dafür, die Ehe mit Belgrad zu beenden. Während des Wahlkampfes hingen in den Esszimmern einiger Häuser serbischer Enklaven noch Porträts des lächelnden Psychiaters. 'Er ist unser Held', sagten sogar einige. Aber sie verloren und niemand griff zu den Waffen, um die Würde des Helden zu verteidigen. Der definitive Schlag kam 2008. Bei den nationalen Wahlen gewannen nicht nur die Pro-Europäer, sondern die Sozialistische Partei [des ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan] Milošević war zudem der Schlüssel zur Bildung einer Regierung, die nach Europa schaut und damit beginnt, sich mit ihren Dämonen auseinanderzusetzen. Und auch diese Partei blickte mit Schrecken in die Vergangenheit: Der Held war in Wirklichkeit ein Krimineller, der zudem ein ganzes Land zerstört hatte." (22.07.2008)
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The Independent - Großbritannien
In der Tagesezeitung The Independent kommentiert der Korrespondent Marcus Tanner die Zukunft des verhafteten Radovan Karadžić. "Könnte ein Mann, der einst als Psychiater und Physiotherapeut für das Fußballteam von Sarajewo gearbeitet hat, ernsthaft von der Vernichtung dieser Stadt träumen, der Stadt, in der er fast sein ganzes erwachsenes Leben verbracht hat? Niemand von uns glaubte daran. ... Seit Jahren haben nationalistische Serben Karadžić als eine fast mythische Figur vergöttert, das Gegenstück zu den Haiduken [serbische Heldengestalten], oder serbischen Gesetzlosen von altersher, die sich den Ottomanen widersetzten. Es wird interessant zu sehen, ob die Legende weiterlebt, wenn der selbsternannte Henker und Verfolger der Muslime von Bosnien und Kroatien den profanen Verhältnissen eines Gerichtshofs in Den Haag gegenübersteht." (22.07.2008)
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