05.07.2009

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Top-Thema vom Montag, 14. August 2006


Günter Grass war in der Waffen-SS

Der Schriftsteller Günter Grass hat am Wochenende in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekannt, dass er in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, als Siebzehnjähriger, Mitglied der Waffen-SS war: "Das musste raus, endlich". Doch das späte Geständnis wirft Fragen nach der Glaubwürdigkeit eines Schriftstellers auf, der das Verdrängen und Verschweigen deutscher Schuld immer wieder angeprangert hat.


Mladá fronta DNES - Tschechien

"Wenn er auch kein niederträchtiger Mensch war, so hat Günter Grass doch gezeigt, dass er ein Schwächling war", kommentiert Teodor Marjanovic Grass' überraschendes Bekenntnis. "Grass war in der heutigen aufgeregten Zeit eine moralische Instanz. Er war ein Mensch, dessen großes Werk es den Deutschen ermöglicht hat, ohne Grimasse und Heuchelei in den Spiegel ihrer nazistischen Vergangenheit zu schauen. Und nun hat Grass zugegeben, dass er ein Leben lang darüber geschwiegen hat, was er selbst während des Zweiten Weltkriegs war. Na und?, fragt da vielleicht manch einer. Sogar Papst Benedikt XVI. war Mitglied der Hitlerjugend und wurde zur Wehrmacht eingezogen. Aber: Der Papst desertierte aus der Armee und verschwieg seine Vergangenheit nicht. Der Fall Grass ähnelt eher dem Fall Kurt Waldheim: Der ehemalige UN-Generalsekretär hatte verschwiegen, dass er im Krieg Einheiten kommandierte, die Gräueltaten in Westbosnien verübten. Wir können Grass glauben, dass er 'nicht einmal geschossen' hat... Ein Beigeschmack bleibt trotzdem. Sein Bekenntnis kommt unerträglich spät." (14.08.2006)


Canarias7 - Spanien

Chefredakteur Francisco Suarez Alamo glaubt nicht, dass das Eingeständnis von Grass dessen Image schaden wird. "Fast alle werden Verständnis zeigen, und manche werden gar die Geste des Autors preisen. So ist das, wenn man mit klar definierten Ideologien lebt: Am Ende wird alles vergeben. Grass wird als junges Nazi-Opfer dargestellt werden, das nicht wusste, was um ihn herum geschah, als Geisel eines Unterdrückungssystems. Doch es ist offensichtlich der Passivität jugendlicher und erwachsener Ignoranten geschuldet, dass andere die Konzentrationslager mit Leichen füllen konnten." (14.08.2006)


Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Für Roman Bucheli hat sich Günter Grass mit seinem Bekenntnis selbst demontiert. Dabei verübelt er ihm nicht nur, dass er "in der Pose des selbstgewissen und von Eitelkeit nicht freien Moralisten" versuche, "aus seinem Schuldgeständnis ein ästhetisch-ethisches Kapital zu schlagen". Geradezu infam findet er, wie herablassend Grass in dem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heute noch über die Adenauerzeit spricht – und über den jüdischen Dichter Paul Celan: "Grass lebte in den späten fünfziger Jahren vier Jahre in Paris und war damals mit Paul Celan befreundet. Über ihn lesen wir nun: 'Meistens war er ganz in die eigene Arbeit vertieft und im Übrigen von seinen realen und auch übersteigerten Ängsten gefangen.' Keinen Gedanken scheint Grass darauf verschwenden zu wollen, dass Celans 'übersteigerte Ängste' gerade in solchen gespenstischen Leerstellen des Schweigens, wie sie nun Grass einräumt, ihren Grund gehabt haben könnten. Nicht auszudenken, wenn Celan erfahren hätte, dass sein Freund Mitglied der Waffen-SS gewesen war." (14.08.2006)


Die Welt - Deutschland

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen, 1956 geboren, ruft im Fall Grass nach "Behutsamkeit" und erinnert daran, dass Günter Grass aus diesem Fehler gelernt habe wie wenige andere. "Mein Vater erhielt noch eine Zeitlang Einladungen irgendeines militärischen Veteranenclubs. Meine Mutter erinnert sich an seine Kommentare dazu: 'Kannste alles wegwerfen!' Günter Grass ist über solche Einsichten und Anweisungen weit hinausgegangen. Er gehört zu der Minderheit seiner Generation, die gezeigt hat, was jenseits eines Berührungsverbots für Massenwahn und verbrecherische Ideologien gedacht und gefordert werden kann. Der 'Makel' in der eigenen Biografie hat schließlich nicht allein Fleiß und Selbstkritik befördert, sondern zu einer lebenslangen Anstrengung für die Verbesserung der Verhältnisse geführt. Daher Behutsamkeit, soviel wir Söhne und Töchter solchen Vätern gegenüber nur aufbringen können." (14.08.2006)


Le Soir - Belgien

Der belgische Autor Jacques De Decker sieht in Günter Grass' Bekenntnis den Schlusspunkt dessen literarischen Programms. "Grass' gesamtes Werk, oder fast das gesamte, durchleuchtet das deutsche (schlechte) Gewissen nach den Erschütterungen des vergangenen Jahrhunderts. Grass hat sich dieser Tragödien und der daraus entstandenen Traumata nicht als Denker oder Theoretiker angenommen, sondern als Poet und als manchmal visionärer Graphiker... Grass als Provokateur? Er hat nie aufgehört, einer zu sein: in seinen Schriften, in seinen Zeichnungen und in seinen öffentlichen Äußerungen. Die jüngste, abgegeben als Vorspiel zu seinem ersten Buch, in dem er sich ungeschminkt zeigt - bislang hat er nur unter dem Deckmantel der Fabel und Metapher von sich selbst erzählt - ist eine neue Art, sein Projekt bis zum Ende zu verfolgen und seinen Nachkommen verständlich zu machen." (14.08.2006)


La Stampa - Italien

Der italienische Politologe Gian Enrico Rusconi interpretiert die Erklärung von Grass als "feine Veränderung des kollektiven Blicks auf die deutsche Vergangenheit... Die jungen Generationen mussten mehr als die vorhergehenden beweisen, dass sie die nationale Schande voll und ganz empfinden. Und Günter Grass war - im Namen der kollektiven Schuld - gleichzeitig Protagonist und Gefangener dieses kritisch-emanzipatorischen Prozesses. Erst vor kurzem hat Deutschland zu neuer nationaler Würde gefunden, und Grass konnte sich einen anderen Blick auf sich selbst erlauben - ohne Nachsicht, um sich zu befreien. Sein Geständnis ist keine harmlose Angelegenheit, es ist ein Signal für die gesamte Nation. Es ist eine Art 'literarische Erlaubnis' für den Beginn einer kollektiven Erfahrung, die der Schriftsteller einmal mehr wird interpretieren wollen." (14.08.2006)


Rzeczpospolita - Polen

Krzysztof Gottesmann sieht Parallelen zwischen Günter Grass und den ehemaligen Mitarbeitern der polnischen Staatssicherheit: die Aufarbeitung der Geschichte sei beiderseits der Oder schwierig: "Die Polen und die Deutschen haben die zwei größten Kataklysmen des 20. Jahrhunderts erlebt: den Kommunismus und den Nationalsozialismus... Bis heute kommen die einen wie die anderen damit nicht klar. Das Aufarbeiten der dunklen Seiten der Geschichte, der eigenen Schande, der persönlichen Schuld und Unterlassungen, der Verwicklungen der einzelnen Menschen ist ein wichtiger Teil der nationalen Abrechnung... Grass, das Gewissen vieler Deutscher, brauchte über 60 Jahre, um über seine Vergangenheit zu sprechen. Aber auch um ein Geständnis abzulegen und die Verantwortung zu übernehmen. Hat seine Glaubwürdigkeit darunter gelitten? Mit Sicherheit ja. Man kann das Werk eines Künstlers nicht von seinem Schöpfer und dessen Leben trennen." (14.08.2006)


» zur gesamten Presseschau vom Montag, 14. August 2006

 

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