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Reflexionen

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REFLEXIONEN

La Repubblica - Italien | 02.12.2008

Adriano Sofri über das Skandalpotenzial des Kreuzes

Die jüngste Entscheidung eines spanischen Gerichtshofes, das Kreuz aus den öffentlichen Schulen zu verbannen, hat heftige, polemische Reaktionen hervorgerufen. Adriano Sofri, einstiger Militant der linksextremistischen Gruppe Lotta Continua in Italien, untersucht, warum das Kreuz immer wieder Aufsehen erregt. "Das unerschöpfliche Skandalpotenzial des Kreuzes besteht darin, dass es sich von einem Symbol der Schmach in ein Symbol der Würde und sogar in das eines Triumphs für diejenigen, die an die Auferstehung glauben, umkehren kann. Die christliche ist ein wahre Revolution; die Revolution des Juden Jesus, Erfüller der Prophezeiung Jesajas. ... Der wundersame Wechsel von Glückseligkeit und Drohung. Glückselig seien die Armen, und wehe den Reichen. ... Die gesamte Lektion des Kreuzes besteht in dieser Umkehrung. So geschieht es, dass ein zum Tode Verurteilter, wehrlos und verspottet, zur Rechten des Heiligen Vaters sitzen und über die Lebenden richten wird. Es würde reichen, heute diese Umkehrung am Ausgang eines Supermarktes zu wiederholen, um einen Skandal hervorzurufen. Heute, wo die Reichen noch reicher geworden sind, erregt das Kreuz noch größeren Anstoß. Das Kreuz ist kein Symbol der Resignation, der Verneinung des Selbst, und noch weniger das der Macht oder der Eitelkeit, sondern ein Symbol des Widerstandes und der Freiheit und des Bestrebens nach Gerechtigkeit, auch um den Preis des Martyriums." (02.12.2008)

Sme - Slowakei | 02.12.2008

Daniel Šmihula über die zukünftige Rolle Europas in der Welt

In einem Aufsatz für die liberale Tageszeitung Sme weist der Politologe Daniel Šmihula Annahmen in Europa zurück, unter dem neuen US-Präsidenten Barack Obama werde es zu einer "pazifistischeren Phase in den internationalen Beziehungen" kommen. Obama dürfte paradoxerweise "in Sicherheitsfragen gegenüber den europäischen Verbündeten fordernder sein als George W. Bush. Sie werden einen größeren Teil der amerikanischen außen- und sicherheitspolitischen Verbindlichkeiten zu übernehmen haben. Die Europäer müssen sich aber ungeachtet dessen, wer in Amerika regiert, bewusst werden, dass sie ihren Beitrag zur Verteidigung des Westens erhöhen müssen. Das ist die unausweichliche Konsequenz aus der Tatsache, dass Amerika zugunsten Chinas, Russlands und einiger islamischer Staaten an Macht einbüßen wird. Bislang leben die Europäer unter einer sicherheitspolitischen Käseglocke, ohne das Gefühl einer direkten Bedrohung. Deshalb sehen sie nicht die Notwendigkeit, ihre Militärausgaben zu erhöhen oder sich deutlicher militärisch in Krisenregionen zu engagieren, zumal derlei extrem unpopulär ist. Die Europäer müssen aber begreifen, dass die beste Verteidigung der eigenen Sicherheit in einer vorausschauenden Prävention und in einem Eingreifen gegen Bedrohungen besteht, so lange diese noch weit genug von Europa entfernt sind. Für das Überleben der westlichen Demokratien ist ein militärisches, technologisches und ökonomisches Übergewicht gegenüber undemokratischen Staaten unerlässlich." (02.12.2008)

die tageszeitung - Deutschland | 01.12.2008

Christian Rath über den EU-Beschluss zur Leugnung von Völkermord

Die EU hat beschlossen, dass die Leugnung des Holocaust und anderer Völkermorde europaweit bestraft werden soll. Dieser Beschluss sende ein falsches Signal, schreibt Christian Rath in der linken Tageszeitung die tageszeitung: "In Deutschland ist die Leugnung des Holocaust schon lange strafbar. Dies soll die Würde der Opfer schützen, aber auch den öffentlichen Frieden. Aufgrund der besonderen historischen Schuld Deutschlands ist dies verständlich. Aber wird unsere Verantwortung gegenüber den Nachfahren der Holocaust-Opfer nicht relativiert, wenn nun auch andere Staatsverbrechen, wie etwa das serbische Massaker von Srebrenica, dem Holocaust strafrechtlich gleichgestellt werden? Was früher wohl noch als Verharmlosung des Holocaust gegolten hätte, soll nun Gesetz werden. ... Doch der EU-Rahmenbeschluss ist auch grundsätzlich zu kritisieren. Denn er nährt die populistische Vorstellung, der Staat solle einfach alles verbieten, was für öffentliche Missbilligung sorgt. Das aber ist nicht die Konzeption des Grundgesetzes und der europäischen Grundrechte-Charta, die eine möglichst freie Kommunikation garantieren. ... Die Aufarbeitung der Geschichte lebt von Diskussionen. Auch von den missliebigen. ... Wer hier nach dem Strafrecht ruft, sendet kein Signal der Stärke aus, sondern zeigt mangelndes demokratisches Selbstbewusstsein." (01.12.2008)

La Vanguardia - Spanien | 01.12.2008

Francesc-Marc Alvaro über den Konsens durch Vergessen

Der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz, Antonio María Rouco Varela, hat in Hinblick auf die neu aufkeimende Debatte über Bürgerkrieg und Diktatur argumentiert, dass "vergessen manchmal notwendig" sei. Vor allem die jungen Leute solle man "von der Last der Vergangenheit befreien". Gegen diese Forderung wendet sich Francesc-Marc Alvaro in der Tageszeitung La Vanguardia: "Glaubt der Präsident der Bischöfe, dass die Jugendlichen nicht in der Lage sind, die jüngste Geschichte zu verstehen, zu verarbeiten und einzuordnen? Diese Art von paternalistischem Schutz bringt keine verantwortungsvollen Bürger hervor, sondern lediglich einen Massenmenschen, um den bekannten Begriff des [spanischen Philosophen José] Ortega y Gasset zu zitieren. 'Die Geschichte ist die Wirklichkeit des Menschen', schrieb der spanische Denker, für den 'die Vergangenheit zu verleugnen, absurd und illusorisch' war. Wie kann man eine vollkommene Eintracht auf der Grundlage des Nichtwissens der Tatsachen aufbauen? Es wäre gut für alle Bürger, allen voran für die Katholiken, wenn die katalanischen Bischöfe, von denen wir glauben, dass sie eine andere Perspektive als Rouco haben, etwas über die intellektuelle und ethische Notwendigkeit sagen würden, ihre Geschichte zu kennen." (01.12.2008)

Corriere del Ticino - Schweiz | 28.11.2008

Giancarlo Dillena über die Falle der Ideologie in der Krise

Der Chefredakteur der Schweizer Tageszeitung Corriere del Ticino, Giancarlo Dillena, warnt davor, in der andauernden Wirtschaftskrise Ideologien zu verfallen. "Die liberale Vision ... kann von Natur aus nicht auf ein strenges, allumfassendes, doktrinäres Korpus zurückgeführt werden. Im Gegenteil, sie zeichnet sich durch das fortwährende Anliegen aus, besonders der freien Entfaltung der wirtschaftlichen und sozialen Dynamik keine Schranken zu setzen. ... Aber zur Waffe der ideologischen Interpretation haben die unbelehrbaren Gegner der liberalen Vision immer wieder bevorzugt gegriffen. In diese Falle zu tappen, bedeutet nicht nur, ihre Interpretation zu unterstützen, sondern vor allem, sich von einer ausgewogenen und besonnenen Einstellung gegenüber der Krise zu entfernen, die die Voraussetzung für ihre Überwindung und für das Wiedererlangen eines neuen Gleichgewichts ist. Diese [Einstellung] muss in erster Linie offen bleiben und bereit, die notwendigen Korrektiven aufzunehmen. Aber sie sollte ebenso darauf bedacht sein, Starrheiten und neue Dogmen - von welcher Seite auch immer - zu vermeiden." (28.11.2008)

Romania Libera - Rumänien | 28.11.2008

Norman Manea über die dunkle Vergangenheit großer Schriftsteller

Der prominente rumänische SchriftstellersNorman Manea macht sich in der Tageszeitung Romania libera über jene Schriftsteller Gedanken, die in der Vergangenheit mit totalitären Regimes zu tun hatten. "Der Fall Kundera ist kein Einzelfall. Im Jahr 2006 enthüllte der deutsche Schriftsteller und Nobel-Preisträger Günter Grass, dass er bei der Waffen-SS war. Vor einigen Jahren war die Welt schockiert, als sie erfuhr, dass der berühmte italienische Autor Ignazio Silone in seiner Jugend mit den Faschisten kollaboriert hatte. ... Ich bin mit denen, die sagen, es sei nicht interessant, welche dunklen Episoden das Leben eines großen Schriftstellers enthalten, nicht einverstanden. Warum? Die Vergangenheit sollte uns interessieren, nicht aus der Perspektive einer Strafverfolgung, sondern um tieferes Wissen über die blutige, demagogische und tyrannische Utopie zu erhalten - und über die menschlichen Schwächen und die menschliche Verwundbarkeit. Wir könnten auch denken, dass ein solches Interesse eine Hommage an die Fähigkeit eines Künstlers ist, die Fehler der Vergangenheit hinter sich zu lassen und weiterhin Werke von unschätzbarem Wert zu schreiben. ... Um zu verzeihen, müssen wir wissen, was wir verzeihen. In Osteuropa warten Jung und Alt gleichermaßen darauf, aus dieser Lektion der Vergangenheit etwas zu lernen." (28.11.2008)

La Repubblica - Italien | 27.11.2008

Marc Lazar über die Leiden der Linken

Mit Blick auf die Querelen in der französischen sozialistischen Partei (PS) sieht der Politologe Marc Lazar die gesamte europäische Linke an einem Scheideweg. Sie müsse sich neu finden, fordert er in der italienischen Tageszeitung La Repubblica. Die Mehrheit der PS möchte sich mit Hilfe des klassischen Sozialismus neu orientieren. Dazu gehört, jeden Allianzversuch mit der Mitte, was auf lokaler Ebene Früchte getragen hat, zu stigmatisieren. ... Parallel dazu widersprechen in England die jüngsten Antikrisenmaßnahmen von Gordon Brown der neuen Ausrichtung von New Labour. Die SPD ist für ihre Koalitionspolitik mit der CDU/CSU, den Christdemokraten, bestraft worden und leidet nun unter dem Druck der neuen Linken. Konsequenterweise macht sie jetzt Abstriche von der Agenda Schröder und setzt auf eine 'sozialere' Politik. Anscheinend sind Labour und SPD, Begründer der Revisions- und Erneuerungspolitik der Linken der 1990er Jahre, am Ende jenes Zyklus angekommen, der sich Dritter Weg nannte. ... Sie haben ein Problem mit ihrer Identität, ihrem politischen Projekt, denn sie sind jetzt dazu aufgerufen, ihrem Reformismus oder ihrem Sozialismus einen wahren und bewegenden Inhalt zu verleihen. Die europäische Linke hat viele Wahlniederlagen erlitten, aber sie hat vor allem ihre kulturelle Vorherrschaft verloren. Ihr Engagement sollte dahin gehen, diese wieder zurückzuerobern." (27.11.2008)

Cicero - Deutschland | 21.11.2008

Ralf Dahrendorf über Gesellschaftsmodelle in Krisenzeiten

Der Soziologe und Publizist Ralf Dahrendorf geht im Monatsmagazin Cicero der Frage nach, ob eine reiche Gesellschaft in Krisenzeiten auch gut und frei bleiben kann. "Die reiche, die gute und die freie Gesellschaft - Wettbewerbsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt und freiheitliche Demokratie - sind nicht einfach dasselbe. ... Was eine reiche Gesellschaft ist, lässt sich ziemlich leicht beschreiben. Es geht um die Verbindung eines hohen Pro-Kopf-Einkommens mit einer Verteilung des Wohlstandes, die allen Chancen und den meisten ein anständiges Lebensniveau garantiert. Eine gute Gesellschaft ist weit schwerer zu definieren: man mag sogar zögern, eine moralische Kategorie überhaupt auf Gesellschaften anzuwenden. Hier ist vor allem an Bürgergesellschaften gedacht, die also von der Eigeninitiative der Menschen leben, die niemanden ausschließen und in denen ein hinlänglicher sozialer Zusammenhalt herrscht, um grundsätzlich niemanden durch die Maschen des Netzes fallen zu lassen. Doch hat die hier vorgeschlagene Quadratur des Kreises drei Elemente, und das dritte, die freie Gesellschaft, könnte sich noch als das schwierigste erweisen. Moderne Gesellschaften sind gerade an diesem Punkt bedroht. Manche sind bereit, politische Freiheiten zu opfern, um wirtschaftliche und soziale Ziele zu erreichen. Es breitet sich sogar der Glaube aus, dass nur die Einschränkung der Freiheit Veränderungen möglich macht. Die Gefahr eines neuen Autoritarismus ist unverkennbar. ... Die Blockierung des Wandels aufzulösen, ohne Willkür an ihre Stelle zu sezten, im globalen Markt zu bestehen, ohne allen sozialen Zusammenhalt zu zerstören - das sind Ziele, die alle die Freiheit lieben, besonders herausfordern." (21.11.2008)

Information - Dänemark | 26.11.2008

Mira C. Skadegård Thorsen über rassistische Sprache in Dänemark

Vor dem Hintergrund der Ausländerdebatte in Dänemark schreibt die Literaturwissenschaftlerin Mira C. Skadegård Thorsen in der Tageszeitung Information, viele Dänen nähmen das Wort 'Neger' noch immer ohne nachzudenken in den Mund: "Wenn wir uns dazu entscheiden, eine Gruppe von Menschen als Neger zu bezeichnen, ist das leider nicht harmlos. Es ist zutiefst problematisch. Das Wort Neger stammt vom lateinischen negro ab. Aber im Lauf der Jahrhunderte wurde der Ausdruck für eine 'biologische Rasse' verwendet. Er gibt zu verstehen, dass Menschen in 'Rassen' kategorisiert werden. Der Haken ist bloß, dass es 'biologische Rassen' nicht gibt. Es gibt nur eine 'Rasse': den Menschen. Die Einteilung der Menschen in Unterrassen nach Kennzeichen wie Hautfarbe, Haartyp, Augenform und Ähnlichem funktioniert auf Dauer nicht. … Die Idee der 'Rasse' hat sich in den Schulbüchern der Kinder, in Liedern und in den Beschreibungen der Zeitungen festgesetzt. Trotzdem sind manche aufrichtig verletzt, wenn man ihnen sagt, dass ihre Aussagen oder Auffassungen rassistisch sind. Der Diskurs wird dadurch nahezu tabuisiert. … Im heutigen Dänemark ist das politisch Korrekte verpönt. Das ist interessant, weil es darum geht, Menschen, die sich gekränkt fühlen, zu respektieren. Mit dem Angriff auf das politisch Korrekte lenkt man vom zentralen Problem ab, nämlich dass Bürger in Dänemark diskriminiert werden." (26.11.2008)

Les Echos - Frankreich | 26.11.2008

Roger-Pol Droit über die örtliche Verankerung des Marktes

Die Tageszeitung Les Echos untersucht den Begriff des Marktes und wie sich seine Bedeutung im Laufe der Geschichte vor allem durch die Entstehung von Finanzmärkten gewandelt hat: "'Wenn ich nur wüsste, wo er ist, dieser schwarze Markt, würde ich gern hin!,' sagte eine anständige Frau in Frankreich während der Besatzungszeit, als die heimlichen Tauschgeschäfte eine Notwendigkeit waren. Was genau meinte sie? Offenbar ist ein Markt zuerst ein Ort. Ein Ort, wohin man geht. ... Kurz gesagt ein echter Standort, wo man sich trifft, um zu kaufen und verkaufen. ... Da nämlich Märkte im Laufe der Jahrhunderte in der Tat Orte wurden, wo sich das Angebot und die Nachfrage trafen, wo die Preise sich bestimmten. ... Diese örtliche Verankerung der Märkte haben die Börsen und ihre Entwicklung im 19. und 20. Jahrhunderten nicht gelockert. An der Wall Street [in New York] oder in der City [von London] ... kauft und verkauft man statt Kälbern, Kühen, Schweinen und Federvieh nun Titel und Aktien, aber die Preise müssen weiterhin aneinander angepasst werden und die Akteure sich treffen. ... Der globale Markt scheint keinen physischen Ort mehr zu haben. ... Wenn niemand mehr weiß, wo er sich befindet, kann man den Eindruck bekommen, dass der Markt, wie sollen wir sagen, schwarz wird, zum Beispiel." (26.11.2008)


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