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TOP-THEMA | 05.09.2008

Wandel durch Annäherung

Bei einem Vierer-Gipfel am Donnerstag in Damaskus hat Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy mit seinen Amtskollegen aus Syrien, Katar und der Türkei über den Nahost-Konflikt sowie den Atomstreit mit dem Iran diskutiert. Zudem möchte Sarkozy mit seinen Bemühungen Syrien aus der internationalen Isolation holen. Bringt der Gipfel Bewegung in die politische Entwicklung im Nahen Osten?

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
The Irish Times - Irland, Frankfurter Rundschau - Deutschland, Diário de Notícias - Portugal, Le Figaro - Frankreich

The Irish Times - Irland

Die Tageszeitung The Irish Times lobt die diplomatischen Bemühungen des amtierenden EU-Präsidenten Nicolas Sarkozy in Syrien: "Drei diplomatische Stränge waren diese Woche auf dem Tisch bei Präsident Nicolas Sarkozys Besuch in Damaskus: Syriens Beziehungen mit dem Libanon, Irans nukleares Anreicherungsprogramm und Versuche, Friedensverhandlungen zwischen Syrien und Israel zu starten. Es brauchte Mut für Herrn Sarkozy, sich in ein solch kompliziertes, aber miteinander verkoppeltes Feld zu wagen ohne die Gewissheit zu haben, dass es Fortschritt geben würde. Und so gering auch die Bewegung [in den Positionen] waren, die tatsächlich geschahen, war es zweifellos die Mühe wert. Indem er seine Rolle als französisches Staatsoberhaupt mit seiner jetzigen Präsidentschaft der EU verband, hat Herr Sarkozy eine sehr benötigte Energie und einige potenzielle Initiativen zu einem zu lange stagnierenden und vernachlässigten Feld der internationalen Politik gebracht. ... Trotz allem Mangel an sichtbarer Bewegung gestern, ist die Bereitschaft von Herr Sarkozy, Risiken einzugehen, ein erfrischender Wandel. ... Wenn solche Initiativen Resultate zeitigen, werden sie willkommen sein. Herr Sarkozy ist auf einer Lernkurve, aber auf einer notwendigen." (05.09.2008)

Frankfurter Rundschau - Deutschland

Die Frankfurter Rundschau erkennt eine neue Richtung bei den europäischen Vermittlungsbemühungen im Nahen Osten. "Händeschütteln mit den Schurken? ... In das eingeschliffene Koordinatensystem von Gut und Böse im Nahen Osten ist Bewegung gekommen. Die EU unter der Führung des agilen französischen Präsidenten [Nicolas Sarkozy] versucht, neue Wege auszuloten. Denn die Europäer sind der von den USA inszenierten 'Achse des Bösen' eher widerwillig gefolgt. Und in den Friedensbemühungen mit Israel haben sich Staaten als neue Vermittler bewährt wie die Türkei und Katar, die auf arabischer und israelisch-amerikanischer Seite Vertrauen genießen. Auch Sarkozy hat sich geschickt positioniert. Die Ächtung Syriens durch Vorgänger Chirac hat er beendet, gleichzeitig in den Beziehungen Frankreichs zu Israel neues Vertrauen aufgebaut. ... Käme es zur Aussöhnung mit Syrien, könnte am Ende sogar eine Lösung des Atomstreits mit dem Iran winken." (05.09.2008)

Diário de Notícias - Portugal

Die Tageszeitung Diário de Notícias schreibt in ihrem Leitartikel über den Besuch des amtierenden EU-Präsidenten Nicolas Sarkozys in Damaskus: "Sarkozy nutzte erneut sein politisches Gewicht, um die Auflösung eines endlosen Konfliktes zu starten. Nach der Befreiung der FARC-Geisel und der Waffenruhe zwischen Russland und Georgien, hilft Sarkozy nun den türkischen Vermittlungen beim Friedensprozess zwischen Syrien und Israel. Das Treffen in Damaskus zwischen Sarkozy, Syriens Präsident Baschar el Assad, dem türkischen Regierungschef Recep Tayip Erdogan und dem Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani, führte sofort zur Ankündigung der nächsten Verhandlungsrunde zwischen Syrien und Israel in zwei Wochen. ... Frankreich hat eine historische Beziehung zu Syrien und Libanon. Die Reise von Sarkozy nach Syrien beendet die eingefroreren politischen Beziehungen zwischen Frankreich und Syrien und füllt die Leere, die die Isolationspolitik ... der amerikanischen Bush-Administration gegen Assad hinterlassen hat. Dieser laufende Friedensprozess wird auch dazu führen, dass Libanon dasselbe von Israel verlangen und den politischen Einfluss von Iran über Syrien reduzieren wird." (05.09.2008)

Le Figaro - Frankreich

Die Tageszeitung Le Figaro sieht in den Bemühungen des amtierenden französischen EU-Ratspräsidenten Nicolas Sarkozy eine gute Basis für die Zusammenarbeit mit den USA in Bezug auf den Nahost-Konflikt. "In Damaskus hat Nicolas Sarkozy die Rückkehr Frankreichs in die Debatte um die Zukunft des Nahen Ostens eingeleitet. ... Wenn die französische Diplomatie sich an allen Fronten ausbreitet, liegt das daran, dass Frankreich die EU-Präsidentschaft innehat und eine mögliche Lähmung nach dem irischen Nein zum Lissabon-Vertrag vermeiden will. ... Die Welt wartet aber auch auf die amerikanischen Wahlen vom 4. November. Kurz vor dem Ende der Herrschaft von George W. Bush gibt es offensichtlich eine Lücke zu füllen. ... In Damaskus hat Sarkozy den Boden für die Eröffnung direkter Verhandlungen zwischen Syrien und Israel bereitet. ... Das Vertrauen, das er mit den Vereinigten Staaten sowie mit Israel aufzubauen wusste, verleiht Sarkozy mehr Legitimität bei diesen Friedensbemühungen, ohne die Abwesenden zu verletzen. ... Egal wie das Ergebnis der amerikanischen Wahlen sein wird, ... der Nachfolger von George W. Bush wird sich nicht darüber beklagen können, dass er in Europa einen energischen Partner hat." (05.09.2008)

TOP-THEMA | 04.09.2008

Russland entzweit Ukraine

Die ukrainische Regierungskoalition des Präsidenten Wiktor Juschtschenko und der Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko steht erneut vor der Auflösung. Grund der Regierungskrise sind unterschiedliche Positionen zum russischen Vorgehen im Kaukasus. Außerdem stimmte Tymoschenkos Partei zusammen mit der russlandfreundlichen Opposition für eine Machtbeschränkung des Präsidenten. Ist die "Orange Revolution" damit am Ende?

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Gazeta Wyborcza - Polen, Der Standard - Österreich, Postimees - Estland, Il Sole 24 Ore - Italien

Gazeta Wyborcza - Polen

Die liberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza sorgt sich nach dem Bruch der Regierungskoalition um die Unabhängigkeit der demokratischen Ukraine: "Vom Streit zwischen den Politikern der orangefarbenen Revolution profitiert nur Moskau. ... Falls der vor vier Jahren begonnene demokratische Wandel mit einer Katastrophe und der Bloßstellung der Sieger vom Maidan [Unabhängigkeitsplatz in Kiew] endet, zieht Russland die Ukraine zurück in ihren Einflussbereich. Dann wird es ihre Positionen mit einem eigenen Mann besetzen. Das, was sich am Dienstag und Mittwoch in Kiew ereignet hat, bringt uns dieser Katastrophe nur näher. ... Polens Regierende müssen so schnell wie möglich ihre Partner in Kiew aufrütteln und ihnen - wenn nötig laut und nicht hinter Worten versteckt - erklären, dass es nicht das Wichtigste ist, wer in 18 Monaten Präsident der Ukraine wird. Wichtig ist, dass die Ukraine von einem demokratisch gewählten Präsidenten regiert wird und nicht von einem Generalgouverneur." (04.09.2008)

Der Standard - Österreich

Der Standard ruft die zerstrittenen Parteien angesichts der russischen Machtpolitik zur Geschlossenheit auf: "Die Neuauflage der orangefarbenen Koalition ... ist dem alten Machtkampf der Rivalen zum Opfer gefallen. ... Die Krise im Kaukasus hat den Konflikt verschärft, weil das Verhältnis zu Russland in dem Land seit jeher ein schwieriges Thema ist. ... Doch gerade angesichts der schwierigen regionalen Situation kommt die Regierungskrise zur falschen Zeit. Zwar dürften Ängste vor einer russischen Militäraktion in der Ukraine unbegründet sein. Aber Moskaus Spiel mit den Muskeln ist auch für Kiew eine Warnung, das wie Georgien in die westlichen Bündnisse strebt. Jetzt ist Geschlossenheit angesagt, nicht der Wahlkampf. Das sollten sich die Parteien in den nächsten zehn Tagen überlegen." (04.09.2008)

Postimees - Estland

Die Tageszeitung Postimees sieht durch den Machtkampf zwischen dem Präsidenten Wiktor Juschtschenko und der Premierministerin Julija Tymoschenko die gesamte Entwicklung des Landes gefährdet: "Nach der orangefarbenen Revolution gab es große Hoffnungen, die Ukraine sei nun nicht mehr auf ihrem Weg gen Westen aufzuhalten. Aber wegen den inneren Spannungen könnte nun genau dieser Fall eintreten, und viele der Illusionen von damals sind inzwischen zerstreut. Dabei wäre es gerade jetzt, nach der russischen Aggression gegen Georgien, so wichtig, dass das Land geeint ist, denn Moskau wird jede Schwäche nutzen, um die Ukraine wieder in seine Einflusssphäre zu treiben und die Krim-Frage zu seinen Gunsten zu lösen. Kiew muss jetzt innenpolitisch weise entscheiden, braucht aber auch die Unterstützung des Westens und klare Signale bezüglich einer möglichen NATO-Mitgliedschaft." (04.09.2008)

Il Sole 24 Ore - Italien

Für die Tageszeitung Il Sole 24 Ore ist die erneute Regierungskrise in der Ukraine auch für die US-Regierung ein Problem: "Die Abstimmung richtet sich de facto gegen den Präsidenten Wiktor Juschtschenko und reißt die Tür zum Rücktritt der Regierung sperrangelweit auf. Die realistischste Perspektive ist die Auflösung des aktuellen Parlaments, das dritte, das seit 2006 gewählt wurde. Ein erschütternder Rekord, der die Zerbrechlichkeit der institutionellen wie auch politischen Struktur der Ukraine aufzeigt, die von Krisen und permanenter Instabilität gezeichnet ist, mit verheerenden Auswirkungen auch auf die Wirtschaft. Darüber sollten auch die nachdenken, die auf den Beitritt von Kiew in die NATO drängen. ... Die schwere Krise ist kurz vor der Ankunft von US-Vizepräsident Dick Cheney eingetreten, der in der Bush-Regierung den Interventionsflügel repräsentiert und für den Beitritt von Georgien und der Ukraine in die NATO ist. Cheney findet in Juschtschenko eine 'lahme Ente' vor, was einen Pluspunkt für Moskau im internationalen Tauziehen auf postsowjetischem Terrain bedeutet." (04.09.2008)

TOP-THEMA | 03.09.2008

Europas Fußball in der Krise

Der europäische Fußball ist in Aufruhr: Vor wenigen Tagen sorgten gewalttätige Fans in Italien für einen Skandal, gestern wurde der britische Traditionsverein Manchester City von der Abu Dhabi United Group (ADUG), einer von der Herrscherfamilie der Vereinigten Arabischen Emirate kontrollierten Investmentfirma aufgekauft. Wohin treibt der Fußball in Europa?

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
La Repubblica - Italien, The Guardian - Großbritannien, Süddeutsche Zeitung - Deutschland

La Repubblica - Italien

Die Tageszeitung La Repubblica bedauert, dass finanzkräftige Investoren wegen gewalttätiger Fans und fehlender wirtschaftlicher Transparenz einen Bogen um italienische Fußballvereine machen. "Die britische Premier League ist nach den verschiedenen Übernahmen die reichste Liga weltweit. ... Warum interessieren sich reiche Ölscheichs und russische Oligarchen nicht für italienische Fußballklubs? … Wer in Italien investiert, befürchtet, dass er das Erworbene nicht kontrollieren kann. Die Mannschaften sind Geisel der sogenannten organisierten Anhängerschaft, die zum Teil wahre Verbrecherbanden sind, die mit ihren Gewalttaten dem Gemeingut der Gesellschaft nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügen könnten. Es sind Gemeinschaftshandlungen mit ökonomischen Absichten, für die man nur schwer individuelle Täter verantwortlich und strafrechtlich verfolgen kann. Hinzu kommt die Übermacht der Manager in den Fußballklubs, und zu guter Letzt der Interessenkonflikt: Das Geld der italienischen Klubs kommt fast ausschließlich aus den Rechten der Fernsehübertragungen. Wer die Verhandlungen führt, verfolgt häufig eigene private Interessen, im Konflikt mit denen anderer Mannschaften. Mit einem Wort, der Fußball leidet an genau den selben Krankheitssyndromen wie das gesamte italienische Wirtschaftssystem." (03.09.2008)

The Guardian - Großbritannien

Die Tageszeitung The Guardian beklagt anlässlich des Verkaufs des Vereins Manchester City den Kulturwandel im Sport, bei dem die Fußballklubs nicht mehr von Fans, sondern von Finanziers beherrscht werden: "Die Saga ist einfach das spektakulärste Beispiel einer unumkehrbaren Verschiebung bei den Topklubs, den die Gemeinden und Fans nicht mehr kontrollieren können. Das letzte Mal war es Chelsea. Jetzt ist es Manchester. Bald wird es ein anderer Club sein, möglicherweise Arsenal oder Newcastle. Es ist ein spektakulärer Prozess und er sorgt für eine riesige Unterhaltung. Aber es ist eine kollektive Täuschung, nicht zu sehen, das dies alles ein klassischer faustischer Pakt des 'Lebe jetzt, zahle später' ist. Die gekaufte Glorie von einer Spielzeit oder zwei mag für Fußballfans unschätzbar sein. Aber letzten Endes ist es ein Opfer unserer Lebensart und unseres Planeten an Öl-Profiteure, die weder Gesetze noch Traditionen respektieren. Vielleicht ist das Leben so. Aber Fußballfans ziehen immer die Unschuld der Erfahrung vor." (03.09.2008)

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Die Süddeutsche Zeitung macht sich über den Einfluss von spendierfreudigen Milliardären in den europäischen Ligen Gedanken. "Insgesamt ließ Italien 450 Millionen Euro auf dem Transfermarkt, England - dank der Öl- und Gasreserven in Abu Dhabi und Russland - aber noch etwas mehr. Die spanische Liga und die [höchste deutsche Spielklasse] Bundesliga können da nicht mithalten. Vielleicht auch deshalb, weil sie keine Regierungschefs aufbieten können wie [den italienischen Premier] Silvio Berlusconi. Der lud Chelseas Besitzer Roman Abramowitsch an einem blauen Augusttag zum Mittagessen nach Sardinien ein. ... Zwei Tage später heuerte [der Stürmer] Andrej Schewtschenko wieder beim AC Mailand an. Die Italiener haben sich ausländische Investoren im Fußball bis heute vom Leib gehalten. ... Mit Abramowitsch können es ... nur Berlusconi und Inters [Mailänder Fußballklub] Petrolmagnat Massimo Moratti aufnehmen, doch die ungleich ärmere Konkurrenz möchte trotzdem nicht zurückstehen. ... Koste es, was es wolle." (03.09.2008)

TOP-THEMA | 02.09.2008

Europäische Antwort

Die Staats- und Regierungschefs der EU haben sich gestern im Rahmen eines Sondergipfels in Brüssel auf eine gemeinsame Antwort auf die Kaukasuskrise verständigt. Europas Presse diskutiert das Ergebnis.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
El Mundo - Spanien, Gazeta Wyborcza - Polen, Tribune de Genève - Schweiz, La Repubblica - Italien

El Mundo - Spanien

Der Krisengipfel in Brüssel habe gezeigt, dass das Konsensprinzip eine glaubwürdige Außenpolitik der EU verhindere, kommentiert die Tageszeitung El Mundo: "Einmal mehr haben die Mitglieder der Union gezeigt, dass sie, um sich zu einigen, den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen, der sich auf gutklingende Rhetorik ohne Inhalte reduziert. ... Sie beschränken sich darauf, ein 'verantwortungsvolles Handeln' von Moskau einzufordern, und ignorieren, dass die Russen den von [dem amtierenden EU-Ratspräsidenten] Sarkozy ausgehandelten Kompromiss missachtet haben, ohne dass dies irgendeine Konsequenz zur Folge gehabt hätte. Die Krise in Georgien hat einmal mehr die Unfähigkeit der EU gezeigt, eine kohärente und glaubwürdige Außen- und Verteidigungspolitik zu präsentieren. ... Wenn es auch wünschenswert ist, dass die Europäische Union ihrem Namen Ehre macht und im Konsens handelt, hat die Krise in Georgien erneut gezeigt, dass die große Hausaufgabe der EU die Außenpolitik ist. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Fähigkeit, gemeinsam zu agieren, stets unsere Entschlossenheit zunichte macht, auch ein Ergebnis zu erzielen." (02.09.2008)

Gazeta Wyborcza - Polen

Laut der Tageszeitung Gazeta Wyborcza wurde auf dem Sondergipfel ein Meinungsumschwung innerhalb der EU sichtbar: "Das alte Europa hat begonnen, Russland auch mit dem zweiten, dem östlichen Auge zu betrachten. ... Die großen Länder sahen in Russland einen Handelspartner, Energielieferanten und eine Weltmacht, die Europa in Afrika, Afghanistan und beim Ringen mit dem Iran helfen kann (und hilft). Wir, die Nationen hinter dem einstigen eisernen Vorhang, sahen das anders. Russland ist für uns eine Bedrohung - mit Erpressung durch Raketen und Handelsembargos. Durch den Einmarsch in Georgien hat sich Russland dem Westen von seiner übelsten Seite gezeigt, an deren Existenz bislang kaum jemand in Berlin oder Paris glaubte. Von so einem aggressiven Russland haben die Deutschen und Franzosen erst von den Polen, Letten und Litauern gehört, aber sie hatten das mit unserer schweren Geschichte entschuldigt. Jetzt glauben sie es. [Der amtierende EU-Ratspräsident] Sarkozy sagte nach dem Gipfel, dass eine Rückkehr zur Politik der Einflussbereiche nicht zu akzeptieren und Jalta Vergangenheit ist. Diese Worte werden noch lange im Kreml nachklingen." (02.09.2008)

Tribune de Genève - Schweiz

Die Tageszeitung Tribune de Genève begrüßt den diplomatischen Weg gegenüber Russland, den die EU auf dem Sondergipfel gewählt hat: "Der Handlungsspielraum war eng. Die 27 [Mitgliedstaaten], ... haben entschieden, die einzige Waffe zu benutzen, über die sie gegenüber der russischen militärischen Macht verfügen: die Diplomatie. ... Wenn die Entscheidung des EU-Ministerrats auch auf den ersten Blick lächerlich erscheinen mag, ist sie auf den zweiten genauso unerwartet wie feinsinnig. Unerwartet erstens, weil sie ohne viele Probleme von den 27 getroffen wurde, die man für uneins hielt. Feinsinnig, weil sie nicht so dramatisch ist wie die von manchen verlangten Sanktionen, da sie den Dialog offen lässt und Russland den Ball zuspielt. ... Aber diese Affäre bestätigt, dass der kalte Krieg wohl vorbei ist, weil Russland und Europa zutiefst gegenseitig abhängige Partner geworden sind." (02.09.2008)

La Repubblica - Italien

Für die Tageszeitung La Repubblica bedeutet der gestrige Krisengipfel eine neue außenpolitische Ära für die EU. "Das Gipfeltreffen war ein Prüfstein und wurde zum Debüt. Ein Debüt für Europa, das auf eigenen Füßen stehen muss, ohne Tutor, ohne Schutzmacht im Rücken. … Europa ist kein Element mehr im Gleichgewicht zwischen zwei Mächten, sondern hat eine Regulatorrolle eben dieser Gleichgewichte inne. … Das neue Europa ist mit der Geburtszange der Krise auf die Welt gekommen, eine Geburt, die zugleich eine Rückkehr zur Vergangenheit ist, zu den alten, zwischenstaatlichen Beziehungen, die von der galoppierenden Globalisierung überholt zu sein schienen. … Im Bezug auf das antike Konzept des Gleichgewichts der Kräfte hätte eine Aufnahme von Georgien und der Ukraine in die NATO das Gleichgewicht im alten Kontinent erheblich gestört." (02.09.2008)

TOP-THEMA | 01.09.2008

Krise der Linken

Die linken Parteien in ganz Europa befinden sich in der Krise. In vielen europäischen Ländern sind sie in der Opposition und ringen mit Mitgliederschwund und ideologischer Marginalisierung. Die europäische Presse analysiert den Niedergang der linken Parteien.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Le Figaro - Frankreich, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - Deutschland, Famiglia Cristiana - Italien

Le Figaro - Frankreich

Am Wochenende fand die Klausurtagung der französischen Sozialistischen Partei (PS) statt. Die Tageszeitung Le Figaro wirft der Partei vor, keine festen Ziele und Überzeugungen mehr zu haben: "Die Sozialistische Partei befindet sich nicht nur auf einer ideologischen Irrfahrt, sie lebt auch in ständiger Lüge. Sie lügt sich selbst an. Weil sich jeder bewusst ist, dass sich die Partei nicht wieder beleben wird, ohne dass ein unbestreitbarer und unbestrittener Chef gefunden wird. ... Da sie nicht überlegt, nicht gearbeitet, sich nicht in Frage gestellt hat, bietet die Sozialistische Partei seit langem nichts Originales und Kohärentes mehr. Bezüglich der Zukunft Europas, des Verhältnisses mit den Linksextremen, mit dem Zentrum oder den Institutionen herrscht eine komplette Kakophonie. ... Mitten in einer methodologischen und ideologischen Krise, weiß die Sozialistische Partei nicht mehr, wo sie sich befindet." (30.08.2008)

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - Deutschland

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) habe ihre Ideale verraten, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Das zeige nicht nur ihr Umgang mit der Kaukasuskrise und dem Besuch des Dalai Lamas, des spirituellen Oberhaupts der Tibeter. "Blickt man mit unverzauberten Augen auf die heutige SPD, sieht man alles andere als eine weltoffene Partei. Man sieht eine autistische Obsession mit Personen ... und ihren nur noch Insidern verständlichen Referenzsystemen, die sich sämtlich auf unseren Sozialstaat beziehen. ... Die Appelle, die Sensibilität verwundeter Großmachtseelen nicht zu verletzen, werden langsam zum Markenzeichen einer Partei, die gegründet wurde, die Armen zu schützen. ... Kaum vorstellbar, dass Sozialdemokraten mal Dissidenten, Häftlinge, Oppositionelle umworben haben. ... Für die Staatsräson ist ein Rückzug auf die Tradition der Kabinettsdiplomatie nie verkehrt, für eine Volkspartei aber nicht genug." (31.08.2008)

Famiglia Cristiana - Italien

Die katholische Wochenzeitschrift Famiglia Cristiana beschuldigt die linksdemokratische Oppositionspartei Partito Democratico (PD), sich in Kleinkriegen zu verzetteln: "Während die Regierung uns mit ... vermeintlichen Notständen ablenkt, glänzt die immer streitsüchtigere, masochistischere und zerstrittenere Opposition durch geistige Verwirrung und totale Abwesenheit wirksamer Vorschläge für die Familien mit niedrigem Einkommen. ... Zu Themen, die das Feld der Linken sein müssten, bringt sie nichts hervor und statt eine solide Familienpolitik vorzuschlagen, zerfleischt sie sich selbst. Bevor die Partei in Schizophrenie und Depression - sowohl der Führungsklasse wie auch der Wähler - untergeht, sollte ein schneller und bündiger Angriff gestartet oder ein Parteikongress für eine gemeinsame klare Linie einberufen werden. Die Bevölkerung hat genug vom Babelturm, in den die Partei sich in Erwartung der Sintflut verwandelt hat." (01.09.2008)


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