Belgien: Weiterhin große Meinungsvielfalt

Jahr für Jahr äußert die Medienaufsichtsbehörde ihre Sorgen über eine mögliche Verarmung des Angebots. Doch der befürchtete Verlust an Meinungsvielfalt ist bisher nicht eingetreten. Die großen Titel unterscheiden sich weiterhin. Und außerdem wachsen unter dem Schatten der großen Mainstreammedien neue Initiativen.

Kiosk in Brüssel (© picture-alliance/dpa)
Kiosk in Brüssel (© picture-alliance/dpa)
Oft handelt es sich bei den neuen Angeboten um Plattformen mit einer bestimmten ideologischen Färbung oder gesellschaftlichen Zielsetzung. Sie nutzen die neuen Medien, um über Themen zu informieren, die nach ihrer Sicht von den traditionellen Zeitungen, Radio und TV zu wenig beachtet werden.

In Flandern ist ein vorsichtiger neuer Trend zu sehen. Neben den meist progressiven Plattformen (dewereldmorgen.be, apache.be oder mo.be) gibt es nun auch konservative (wie etwa Doorbraak.be) und sogar ein deutlich rechtsgerichtetes Forum, wie das 2016 gegründete sceptr.net.

Eine weitere Sorge ist die Machtkonzentration auf dem Medienmarkt. Als 2013 die flämischen Verlage Corelio (De Standaard, Het Nieuwsblad) und Concentra (Gazet van Antwerpen) zu Het Mediahuis fusionierten, ging eine Schockwelle durch das Land. Alle flämischen Zeitungen sind nun faktisch in der Hand zweier Konzerne: Mediahuis und De Persgroep (Het Laatste Nieuws, De Morgen). Beide Verlage halten darüber hinaus große Zeitungen in den Niederlanden.

Das Überleben der Zeitungen scheint jedoch auch auf dem begrenzten Markt vorerst sichergestellt zu sein. Nun ist zumindest gewährleistet, dass sie in belgischer Hand bleiben. Die Großverlage sanierten und reorganisierten die Titel. Dabei wurden zwar zunächst hunderte Arbeitsplätze gestrichen. Zugleich investierten die Verleger aber vor allem in Online-Angebote. Dank der Online-Abos steigt die Auflage der flämischen Zeitungen seit 2014 leicht.

Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich auch in Wallonien. Als das genossenschaftliche Telekommunikationsunternehmen Tecteo Group (heute Nethys) 2013 die regionalen Zeitungen von L´Avenir übernahm, warnten Kritiker vor einem neuen Monopol und politischer Einflussnahme durch die an Tecteo beteiligten Kommunen.

Die Zusammenarbeit von Nethys mit der Verlagsgruppe IPM (La Libre Belgique, La Dernière Heure) wurde vorerst auf Eis gelegt. Nethys bleibt jedoch ein starker Konkurrent von Marktführer Rossel (Le Soir).

Die Zeitungslandschaft im französischsprachigen Belgien ist seit jeher weniger vielfältig als im flämischen Teil, die Krise setzte ihr noch viel stärker als in Flandern zu. Insgesamt ist die Gesamtauflage der belgischen Zeitungen heute nur noch halb so hoch wie vor 50 Jahren.

Die Zeitungen haben sich weitgehend von ideologischer Bindung befreit. Zuletzt lösten sich 1999 die flämische Qualitätszeitung De Standaard und ihr wallonisches Gegenstück La Libre Belgique von der katholischen Kirche und der christdemokratischen Partei und verfolgen nun einen unabhängigen liberalen Kurs.

Belgien ist mit einer fast hundertprozentigen Abdeckung eines der meistverkabelten Länder der Welt. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben daher starke Konkurrenz von privaten Anbietern aber auch von Sendern der Nachbarländer. So ist die RTL-Gruppe in Wallonien Marktführer vor der öffentlich-rechtlichen RTBF. In Flandern hält dagegen die öffentlich-rechtliche VRT ihre Spitzenposition gegenüber der kommerziellen Konkurrenz. In Wallonien wird traditionell mehr ferngesehen.

Rangliste der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen):
Platz 9 (2018)

Stand: Mai 2018
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