Genmanipulierte Babys: Ein Irrweg der Forschung?

Nach der Geburt der ersten genmanipulierten Babys reißt die Kritik am verantwortlichen chinesischen Forscher He Jiankui nicht ab. Europas Medien fürchten vor allem nicht abschätzbare medizinische Risiken. Sie warnen aber auch vor einer Zukunft, in der der Gen-Code auch vom Einkommen abhängt.

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El País (ES) /

Medizinischer Erfolg ist verdächtig

Die britische Genforscherin Joyce Harper bezweifelt, dass He Jiankui die Risiken der Genmanipulation unter Kontrolle bekommen konnte. Sie schreibt in eldiario.es:

„Die zwei wichtigsten Aspekte sind das so genannte genetische Mosaik, eine Störung, bei der die neue DNA nicht in jeder Embryozelle auftaucht, und das off-target-Phänomen: Hierbei werden unbeabsichtigt auch andere Teile des Erbguts verändert, mit unabsehbaren Folgen. Bevor Genmanipulation zur ärztlichen Behandlungsmethode wird, müssen die Wissenschaftler erst diese beiden Probleme lösen. ... Es ist also sehr wichtig, zu überprüfen, ob He Jiankui wirklich das Mosaik und die off-target-Effekte verhindert hat. Es überrascht zumindest, dass er dazu nichts veröffentlicht hat.“

NRC Handelsblad (NL) /

Waghalsiges Experiment am Menschen

Aus Sicht von NRC Handelsblad war die Zeit noch nicht reif für ein derartiges Experiment:

„Er tat, was er wollte, ohne sich um den medizinisch-ethischen Konsens zu scheren. … Wäre die Sicherheit garantiert, gäbe es eigentlich keine Einwände dagegen, Erbkrankheiten zu reparieren. Es gibt aber auch andere Methoden. … Zum Beispiel die Selektion gesunder Embryos, was bereits praktiziert wird. Auch das hat möglicherweise Nachteile und die genetische Manipulation funktioniert eventuell langfristig besser. Nur: Wir wissen es nicht. … Solange die Sicherheit nicht garantiert ist, sind solche Experimente unerwünscht.“

24.hu (HU) /

Am Ende steht die Spaltung der Gesellschaft

Wo verläuft die Trennlinie zwischen medizinisch sinnvollen Eingriffen und medizinischem Design?, fragt 24.hu:

„Wo würde man auf einer Skala die Ausschaltung von Genen verorten, die für die Gewichtszunahme oder Schlafstörungen verantwortlich sind? Selbst mit entsprechenden Regeln kann es leicht passieren, dass wir es übertreiben und anfangen, Designerbabys zu produzieren. ... Das wiederum könnte zum gesellschaftlichen Problem werden. Es wäre eine teure ärztliche Dienstleistung, die sich nur bestimmte Menschen leisten könnten. Die Unterschiede innerhalb der Gesellschaft würden größer. Was für eine Utopie: Die Kinder der Reichen wären schön, klug und fit, während der Nachwuchs der Armen sich weiter mit Krankheiten und minderen Fähigkeiten herumschlagen müsste.“

La Repubblica (IT) /

Verstoß gegen die Ethik der Medizin

Für Alberto Mantovani, wissenschaftlicher Direktor des Mailänder Istituto Clinico Humanitas, sind Form und Inhalt der Bekanntgabe gleichermaßen verwerflich, wie er in La Repubblica erklärt:

„Ich bin empört über die Methode, weil wir auf Youtube nicht über ein solches Ereignis informieren, das eine kritische Bewertung durch die wissenschaftliche Gemeinschaft erfordert. Ebenso empört bin ich über den Inhalt. Denn wir müssen uns fragen, welchen Sinn es hat, eine Genmanipulation bei einem Embryo vorzunehmen, um eine Krankheit zu verhindern, vor der wir uns sowohl durch unseren Lebensstil als auch durch Verhütung beim Geschlechtsverkehr wirksam schützen können. Wenn das, was gesagt wurde, der Wahrheit entspricht, halte ich es für einen Verstoß gegen die Ethik der Medizin und den hippokratischen Eid. Ich hoffe daher, dass die chinesischen Behörden geeignete Maßnahmen ergreifen werden.“

El Mundo (ES) /

Ein Staat ohne Respekt vor dem Leben

El Mundo vermutet hinter dem Experiment auch geschäftliche Interessen des Arztes:

„Die Folgen sind besonders schwer, wenn man weiß, das He Jiankui mehrere Biotech-Firmen besitzt, die Nutzen aus der Sache ziehen könnten. ... Die Wissenschaft darf solche Forschungen nicht unterstützen. Alles, was nicht dem Leben dient, ist moralisch verwerflich, daran gibt es keine Zweifel. Als der Mensch im 20. Jahrhundert begann, Technik von Moral zu trennen, schuf er die Hölle. ... China hat sich als Staat erwiesen, der weder vor dem Leben noch vor den Menschenrechten den geringsten Respekt hat.“

Der Tagesspiegel (DE) /

Veränderungen am Erbgut nicht verteufeln

Wer nun einfach nur den Empörungshammer rausholt, blendet die Chancen der Genmanipulation aus, warnt Der Tagesspiegel:

„Ja, es ist ein Tabubruch, der sich, theologisch gesprochen, auch als Tod der Schöpfung kritisieren lässt. Dem steht allerdings eine erhoffte Minderung menschlichen Leidens gegenüber, die es ebenfalls verdient hat, in die Waagschale geworfen zu werden. Ein reifes moralisches Urteil muss Differenzierungen vornehmen. Genveränderungen sind der elementare Bestandteil der Evolution, die Vorstellung einer ewig gleichen menschlichen Keimbahn ist falsch. Nicht, dass Gene verändert werden, schreckt auf, sondern dass sie durch Menschen verändert werden. Doch auch die Natur hat unsere Gene nicht optimal werden lassen, andernfalls gäbe es keine Erbkrankheiten. Die Frage, wer der bessere Erbveränderer ist, Mensch oder Natur, kann abschließend nicht beantwortet werden.“