Deutschland: Ausbeutung in der Fleischindustrie

Am 9. Mai haben die Behörden den Schlachtbetrieb Westfleisch in Coesfeld geschlossen, weil sich 191 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert hatten. Das befeuert die Diskussion über die fragwürdige Arbeitssituation billiger osteuropäischer Arbeitskräfte im deutschen Agrar- und Lebensmittelsektor, die nun wegen der Ansteckungsgefahr zum gesamtgesellschaftlichen Problem geworden ist.

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Gazeta Wyborcza (PL) /

Es trifft die Schwächsten im System

Gazeta Wyborcza beschreibt die Arbeitsbedingungen, die eine Ansteckung begünstigen, anschaulich:

„Viele der Infizierten sind Rumänen und Bürger anderer osteuropäischer Länder, die seit Jahren als billige Arbeitskräfte die deutsche Fleischindustrie antreiben. Im Schlachthaus gelten zwar strenge Hygienevorschriften. Aber sie arbeiten in kalten Räumen, und bei niedrigen Temperaturen überlebt das Virus länger. Es ist auch nicht möglich, Abstand zu den Kollegen zu halten. Das Schlimmste ist jedoch, dass die Gastarbeiter nach der Arbeit in ihre Quartiere zurückkehren, wo sie unter bescheidenen Bedingungen in Schlafsälen leben. Es ist schwierig, nicht nur den Abstand, sondern auch die Hygienevorschriften einzuhalten.“

Webcafé (BG) /

Problem endlich angehen

Die Corona-Krise hat eine seit Langem bestehende Ungerechtigkeit ans Licht gebracht, schreibt Webcafé:

„In den Schlachtunternehmen herrscht die Meinung vor, dass die Schlachtarbeit zu hart und unattraktiv für Deutsche sei, was die Schlachter dazu zwinge, Rumänen, Bulgaren und Polen anzuheuern, die sich über die Jahre als geduldige, fleißige und unproblematische Arbeitskräfte erwiesen haben. … Nun bringen die Coronavirus-Infektionen das Thema erneut ans Tageslicht. Deutschland hat trotz aller guten Vorsätze aus Berlin nach wie vor ein Problem mit Rassismus und Menschenausbeutung. Wird man nun diesmal etwas dagegen unternehmen, oder sind das billige Fleisch und das Gemüse, das sich 'von selbst pflückt', einfach zu gut, um es auch nach der aktuellen Krise aufzugeben?“