Was verändert das Fachrisadeh-Attentat?

Vier Tage nach dem Attentat auf den iranischen Atomwissenschaftler Mohsen Fachrisadeh hat Teheran erneut Israel beschuldigt, dafür verantwortlich zu sein, und mit Vergeltung gedroht. Fachrisadeh galt als einer der Väter des iranischen Atomprogramms. Kommentatoren beschäftigen sich vorrangig mit der Frage, was der Vorfall für die künftigen Beziehungen zwischen den USA und dem Iran bedeutet.

Alle Zitate öffnen/schließen
De Volkskrant (NL) /

Der Gewinner steht bereits fest

Die Forderung nach Vergeltung kommt Israel gelegen, analysiert De Volkskrant:

„Was auch immer Teheran entscheidet, Israel scheint in jedem Fall zu gewinnen. Auch wenn der Iran es bei reiner Rhetorik belässt, hat das Land doch den Chef seines Atomprogramms verloren. Außerdem wurde eine ernstzunehmende Botschaft an alle Wissenschaftler gesendet, die an dem Programm mitarbeiten. Und sollte der Iran zur Tat schreiten und Trump noch schnell antworten, bevor er das Weiße Haus verlässt, dann wird es für Biden sehr schwer, das von Israel so verabscheute Atom-Abkommen wieder zu beleben.“

Tygodnik Powszechny (PL) /

Wenig Interesse an guten Beziehungen

Eine neuerliche Annäherung zwischen Iran und den USA würde auch ohne den aktuellen Vorfall auf einigen Widerstand in der Region stoßen, glaubt Tygodnik Powszechny:

„Laut Iran-Experten ist die Verschärfung des Konflikts mit den USA im Interesse der 'Falken' Teherans angesichts der iranischen Präsidentschaftswahlen, die im nächsten Jahr stattfinden werden. Die sunnitischen Könige, Emire und Scheichs, die Trump überredet hat, die Palästinenser zu vergessen und sich im Namen der gemeinsamen Feindseligkeit gegenüber dem Iran mit Israel zu versöhnen, werden sich ebenfalls nicht beschweren, wenn Joe Biden keine Gespräche mit Teheran führen kann. Sie glauben, bevor die USA das Atomabkommen mit dem Iran wiederbeleben, sollten sie die Ayatollahs zwingen, nicht nur die Atombomben aufzugeben, sondern auch ihre Stellvertreterkriege im Nahen Osten.“

Delfi (LT) /

Weltfremde Israelkritiker

Der Publizist Arkadijus Vinokuras verteidigt in Delfi Israels Recht auf die Ausschaltung seiner Feinde und wirft den Kritikern vor, dass sie drei wichtige Tatsachen nicht erwähnen:

„Iran brüllt seit Jahrzehnten lautstark vernehmbar für die ganze Welt, dass sein Ziel die Vernichtung Israels ist. Der iranische Wissenschaftler war nicht nur verantwortlich für die Entwicklung der Nuklearwaffe, sondern auch ein General der fanatischen Revolutionsgarde. Das erste Zusatzprotokoll des Genfer Abkommens IV erlaubt, militärisch gegen militärische Objekte/Soldaten vorzugehen. Auch den Feind gezielt zu töten [wenn das Ziel anders nicht erreicht werden kann]. ... Ist also der Iran ein Feind Israels? Ja, ohne Zweifel. Hat Israel das Recht, seinen Staat gegen Feinde zu verteidigen? Ja, ohne Zweifel.“

Financial Times (GB) /

Atomabkommen neu beleben

Die EU sollte aktiv darauf hinarbeiten, Teheran und Washington an den Verhandlungstisch zurückzubringen, appelliert Financial Times:

„Die europäischen Unterzeichnerstaaten [des Atomabkommens] müssen nun ihre diplomatischen Bemühungen verstärken und ein günstiges Klima schaffen, das die Chancen auf einen Dialog zwischen Teheran und Washington nach dem Amtsantritt der Regierung von Joe Biden zu erhöhen. ... Mit dem Atomabkommen konnten viele Bedenken westlicher und regionaler Mächte hinsichtlich der unheilvollen Aktionen des Iran - von Milizen bis hin zu Raketen - nicht ausgeräumt werden. Doch es bietet eine weitaus bessere Ausgangsbasis als die stürmischen Trump-Jahre, in denen die Region ständig befürchtete, am Rande eines Krieges zu stehen.“

Politiken (DK) /

Vorsicht vor dem Pulverfass

Ein militärischer Konflikt mit dem Iran wäre eine Katastrophe, warnt Politiken:

„Das Priesterregime kontrolliert paramilitärische Gruppen in vielen arabischen Ländern und kann den gesamten Nahen Osten in Flammen setzen. Attentate und Drohnenangriffe sind deshalb äußerst gefährlich. Je mehr der Iran herausgefordert wird, desto mehr erhöht sich der Druck auf das Priesterregime, zurückzuschlagen, und auf diese Weise kann die Situation sehr schnell außer Kontrolle geraten. Der baldige US-Präsident Joe Biden hat angekündigt, wieder zum Atomabkommen mit dem Iran zurückzukehren, von dem sich die Supermacht unter Trump unklugerweise zurückgezogen hatte, und gegen das der Iran seitdem verstoßen hat. Das ist der einzig richtige Weg – aber nach dem Mord an Fachrisadeh ist er sehr viel schwieriger zu gehen.“

Sabah (TR) /

Iran und USA werden Neuanfang nicht gefährden

Sabah glaubt nicht, dass der Anschlag sein mutmaßliches Ziel erreichen wird:

„Die gemäßigten Äußerungen aller iranischen Führungspersonen mit Ausnahme der aus der Revolutionsgarde zeigen, dass Teheran sich davor hütet, die Entspannungsphase mit dem neuen US-Präsidenten Joe Biden zu sabotieren. Und auch Biden ist trotz des Drucks von Israel und Saudi-Arabien entschlossen, eine neue Ära mit dem Iran einzuleiten. Denn im Köcher der USA ist die Lösung der Iran-Krise der letzte Pfeil, um ihre globale Führerschaft zu erhalten. Und für Teheran, das seit vier Jahren die Zähne zusammenbeißt, ist Biden die letzte Chance. Die Hoffnungen Teherans in die Post-Trump-USA vermochte nicht einmal das Soleimani-Attentat zu überschatten.“

La Repubblica (IT) /

Washington muss Strategie ändern

Das Attentat enthält eine klare Botschaft für den designierten US-Präsidenten Joe Biden, erklärt Diplomat Giampiero Massolo in La Repubblica:

„Es muss eine neue Strategie entwickelt werden, die den komplexen Zusammenhang zwischen der freien Entwicklung der iranischen Wirtschaft und der dauerhaften und überprüfbaren Unterbrechung der Nuklear- und Raketenprogramme stärker berücksichtigt. Dabei muss auch die regionale Rolle anerkannt werden, auf die der Iran Anspruch hat, allerdings unter der Bedingung, dass sie verantwortungsvoll ausgeübt wird. Es ist wahrscheinlich, dass die Regierung Biden diesen Weg einschlagen will. Die Alternative wäre, die Islamische Republik auf Dauer der geo-ökonomischen Einflusssphäre Chinas und – gelegentlich bei gemeinsamen Interessen in den regionalen Krisengebieten – Russlands zu überlassen.“

Ekho Moskvy (RU) /

Steinzeitliche Außenpolitik

Der Chemiker Boris Zhuikov, der selbst in der Atomindustrie arbeitet, spricht in Echo Moskwy von Staatsterrorismus:

„Die Aktivitäten Fachrisadehs sind nicht gutzuheißen. Aber ein Mord? Allenfalls, wenn dieser während eines realen Krieges geschehen wäre… Doch so ist das ein präventiver Mord an einem Menschen, der selbst kein Terrorist war, auch wenn er für den iranischen Staat gearbeitet hat. Das ist schlicht nichts anderes als ein Terrorakt. Und umso schlimmer und widerwärtiger ist es, wenn dies ein Akt des Staatsterrorismus war. Zumal mir scheint, dass das militärische Atomprogramm des Iran jetzt nur ausgebaut werden wird. Israel ist ein tolles und modernes Land mit fantastisch schönen und talentierten Menschen. Aber die Außenpolitik dieses Staates wirkt partiell steinzeitlich.“

Club Z (BG) /

Dieser Wissenschaftler war unersetzbar

Die Ermordung des Atomphysikers ist für Teheran ein noch schwererer Schlag als die Ermordung von General Soleimani durch eine US-Drohne im Januar, meint Club Z:

„Letzterer galt als die dritte Person in der Hierarchie im Land der Ayatollahs, und der Iran und die Vereinigten Staaten standen nach seinem Tod kurz vor einem echten Krieg. Doch Soleimani war für den Iran wertvoll, aber im Gegensatz zu Fachrisadeh nicht unersetzlich. Ein Wissenschaftler von Fachrisadehs Rang hingegen wird nicht jeden Tag geboren, vor allem weil er sich mit den militärischen Verwendungszwecken des iranischen Atomprogramms besonders gut auskannte.“