Nawalny: Zurück in die Höhle des Löwen?

Alexei Nawalny hat für Sonntag seine Rückkehr nach Russland angekündigt. Er sei nach dem Giftanschlag wieder so gut wie gesund, erklärte er. Der Kreml-Kritiker war im August nach Berlin geflogen worden und hielt sich seitdem zur Behandlung und Genesung in Deutschland auf. Nun rätseln Kommentatoren, wie Moskau reagieren wird und ob Nawalny Putin gefährlich werden kann.

Alle Zitate öffnen/schließen
newsru.com (RU) /

Russlands Reanimation hat begonnen

Politologe Sergej Medwedew erkennt schon jetzt eine spürbare Belebung des politischen Lebens in Russland und schreibt in einem von newsru.com übernommenen Facebook-Post:

„Nawalny ist (un)wirklich cool. Diejenigen, die seine Vergiftung in Auftrag gaben, dachten, dass sie über die Zeit gebieten. Sie haben die Geschichte in Russland eingefroren, uns den ewigen Putin (ob mit oder ohne ihn) beschert und glaubten, sie könnten Nawalny ins Nirwana schicken - wenn schon nicht ins Jenseits, dann wenigstens wie Chodorkowski ins ewige Exil. Doch Nawalny setzt die Uhr wieder in Gang. Er reißt Russland aus dem Tiefkühl-Zustand, aus seinem Neujahrs-Drogenschlaf, aus dem Dauer-Putinismus. Er macht schon aus der Tatsache seiner Rückkehr ein Ereignis, selbst aus dem Ticketkauf. Er zwingt den Kreml, dessen Hardliner und uns alle, Position zu beziehen.“

Frankfurter Rundschau (DE) /

Alles auf Sieg

Kann Nawalny Putin letztlich zu Fall bringen? Die Frankfurter Rundschau meint dazu:

„Unwahrscheinlich - weil die Machtverhältnisse klar sind. Aber nicht unmöglich - weil das Putin-Regime nichts dazulernt und sich selbst schadet. ... Noch weiß der Geheimdienstler [Putin] die Mehrheit der Menschen im Land hinter sich. Zugleich misstrauen aber die 18- bis 24-Jährigen (51 Prozent) mehr und mehr dem Regime. Darauf setzt Nawalny. Nach seinem Beinahe-Tod macht er mehr denn je den Eindruck, dass er nichts zu verlieren hat. Es ist deshalb kein Zufall, dass Nawalny mit der russischen Fluglinie 'Pobeda' nach Russland zurückkehren will. Es ist eine Ansage: Pobeda heißt Sieg.“

Der Tagesspiegel (DE) /

Haft oder Bedeutungslosigkeit

Weil die russische Staatsanwaltschaft wegen des Betrugs mit Spendengeldern ermittelt, wird Nawalny wohl erst einmal in Haft landen, notiert Der Tagesspiegel:

„Aber das weiß er natürlich – und auch, dass er keine andere Wahl hat. Er muss zurückkehren, wenn er in Russland weiter eine politische Rolle spielen will. Im Exil hätte er die schon verloren. Ihm erginge es wie dem früheren Schachweltmeister Garri Kasparow, der in den USA lebt, und Michail Chodorkowski in der Schweiz: Wladimir Putin hat sie erfolgreich kaltgestellt.“