SS-Mann Gröning gesteht Mitschuld

Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning hat sich zum Prozessauftakt am Dienstag in Lüneburg für "moralisch schuldig" erklärt. In einem der letzten NS-Prozesse wird ihm Beihilfe zum Mord an mindestens 300.000 Menschen im Vernichtungslager Auschwitz zur Last gelegt. Das Geständnis des 93-Jährigen ist für die Aufarbeitung der NS-Zeit so wichtig wie Gedenksteine und Museen, meinen einige Kommentatoren. Andere halten es für sinnlos, diesen Prozess nach 70 Jahren zu führen.

Alle Zitate öffnen/schließen
Die Presse (AT) / 22. April 2015

Geständnis genauso wichtig wie Museen

Oskar Gröning leistet mit seiner detaillierten Schilderung der NS-Verbrechen einen wertvollen Beitrag für die Erinnerungskultur, findet die liberal-konservative Tageszeitung Die Presse: "In einer Zeit, in der Entschuldigungen für alles und nichts inflationären Charakter bekommen haben, ragt diese Erklärung heraus. 70 Jahre nach der Entdeckung des einzigartigen Verbrechens an der Menschlichkeit sorgt der alte Mann laut der deutschen [Tageszeitung] Welt für Beklemmung: Bei der zynisch als 'Selektion' bezeichneten Auswahl der Opfer auf der Rampe des Lagers sei ein Baby ohne Mutter zurückgeblieben. Ein SS-Mann habe das Baby mit dem Kopf an einen Lkw geschlagen, den leblosen Körper auf den Müll geworfen. 'Da habe ich mich beschwert, da ist mir das Herz stehen geblieben', so Gröning. Die grauenhafte Tat eines Einzelnen war fassbarer, schrecklicher als der Massenmord mit Gas nebenan. Dieses Geständnis 70 Jahre danach ist mindestens so wichtig wie Gedenksteine und Museen."

The Irish Times (IE) / 21. April 2015

Justiz schaute bei Nazi-Tätern zu lange weg

Die deutsche Justiz hat sich in der Nachkriegszeit moralisch mitschuldig gemacht, weil sie wie im Falle Grönings erst viel zu spät gegen frühere NS-Täter vorging, kritisiert die linksliberale Tageszeitung The Irish Times: "Staatsanwälte weigerten sich, Untersuchungen einzuleiten, wenn kein konkreter Beweis für ein spezifisches Verbrechen in der Nazi-Zeit vorlag. Ohne diese oft unmögliche Beweislast lehnten sie es ab, das Fischernetz auszuwerfen geschweige denn dieses bis zum Ufer zurückzuziehen und den Fang zu inspizieren. Und so schwammen die Nazi-Fische weiter frei herum. ... Nun treffen sich ältere Nazis und deren Opfer reichlich spät vor Gericht wieder. Doch zwei Generationen deutscher Staatsanwälte werden niemals für ihre moralische Schuld zur Rechenschaft gezogen werden, unzählige Fälle wegen offizieller Auschwitz-Apathie ungestraft gelassen zu haben."

Die Welt (DE) / 22. April 2015

Zeitlicher Abstand zur Tat viel zu groß

70 Jahre nach Ende der NS-Zeit einen Prozess zu führen, ist nach Ansicht der konservativen Tageszeitung Die Welt unsinnig: Es gibt "offenbar in Teilen der deutschen Justiz den Wunsch, dort durchzugreifen und Recht vor Gnade ergehen zu lassen, wo es weitgehend sinnlos ist, zum Beispiel bei Verbrechen, die so lange zurückliegen, dass der oder die Täter eher Mitleid als Entsetzen hervorrufen. Tat und Strafverfolgung sollten in einem zeitlichen Zusammenhang stehen, nicht nur den Opfern zuliebe, sondern auch damit der Täter angemessen büßen kann. Wie will man einen Täter für seine Mitwirkung am Tod von 300.000 Menschen bestrafen, dessen Lebenserwartung vermutlich nicht ausreichen wird, ihm die ganze Urteilsbegründung vorzulesen? ... Der einzige Sinn des Verfahrens liegt in der Erinnerung daran, dass die Justiz wenig getan hat, NS-Täter zu verfolgen, als dies noch möglich war."

Gazeta Polska Codziennie (PL) / 22. April 2015

Vorbildliche Verfolgung von NS-Verbrechern

Die hartnäckige Verfolgung von NS-Kriegsverbrechern kann Polen als Vorbild dienen bei der Verurteilung von Kommunisten, lobt die nationalkonservative Tageszeitung Gazeta Polska Codzienna mit Blick auf den Prozess gegen den früheren SS-Mann Gröning: "Die jüdischen Vereinigungen haben konsequent die Kriegsverbrecher verfolgt, um sie vor Gericht zu stellen. Dabei haben sie sich auch nicht vom Vorwurf beeindrucken lassen, sie seien inhuman. ... In Polen hingegen spielen solche Verbrecher immer noch eine bedeutende Rolle und haben diese Anhänger und Komplizen. [Der kommunistische Parteichef] Jaruzelski ist zwar schon gestorben. Und die Medien berichten weiter, dass es [Ex-Innenminister] Kiszczak immer schlechter geht. Aber verdammt noch mal, wir müssen so hartnäckig sein wie die Juden, bevor es zu spät ist! ... Kiszczak wünschen wir noch 100 Jahre Gesundheit, damit er eine gute Figur auf den Bildern der Fotografen abgibt, wenn er dann endlich nach seiner Verurteilung in seine Zelle geführt wird."

Weitere aktuelle Debatten

Der Standard (AT)
El Mundo (ES)
Gândul (RO)
Libération (FR)
Frankfurter Rundschau (DE)
The Guardian (GB)
El Periódico de Catalunya (ES)
Die Tageszeitung taz (DE)
La Repubblica (IT)
Huffington Post Italia (IT)
Jornal de Negócios (PT)
Financial Times (GB)