Wer steckt hinter dem Putschversuch?

Der türkische Präsident Erdoğan hat seinen früheren Verbündeten und heute im US-Exil lebenden Prediger Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich gemacht. Der allerdings bestreitet die Vorwürfe. Während einige Kommentatoren auch nach Erdoğans Verantwortung suchen, sind Gülen und die USA für andere ganz klar die Schuldigen.

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Yeni Şafak (TR) / 21. Juli 2016

Drahtzieher sind die USA

Der Putschversuch in der Türkei wurde nicht alleine von der Gülen-Bewegung verübt, sondern hatte mächtige Unterstützter, betont die regierungstreue Yeni Şafak:

„Die US-Regierung ist direkt in diesen Putschversuch involviert. Sie glaubten, sie würden Erfolg haben. Die USA hätten dann die Türkei mithilfe einer Organisation, die sie direkt leiten, und mit ihrem verlängerten Arm in den türkischen Streitkräften natürlich annektiert. Erdoğan, sein Team und der Geist, der heute die Türkei leitet, wären liquidiert und in ihren Augen wäre die Welt von Erdoğan befreit worden. Nicht bloß die US-Führung, auch die Länder Europas und die ganze westliche Presse hätten am 16. Juli den Putschisten applaudiert. Die Nato-Verbündeten setzten eine Terror-Organisation strategisch gegen die Türkei ein. ... Geheimdienst-Verbindungen und konkrete Beweise muss man dafür nicht suchen. Wer schützt Gülen in den USA? Die US-Regierung und der US-Geheimdienst.“

Sözcü (TR) / 21. Juli 2016

Gülen und Erdoğan tauchten Türkei in Blut

Die türkische AKP-Regierung präsentiert sich jetzt als Opfer der Gülen-Bewegung, dabei haben Erdoğan und Fethullah Gülen jahrelang voneinander profitiert, erinnert sich die kemalistische Sözcü:

„40 Jahre lange waren sie einander Informanten, Unterstützer und Aufseher und übernahmen die Macht, indem sie Religion, Imame, Allah, den Koran, den Propheten und sonstige Heiligtümer benutzten. Erdoğan sah in den ersten zwölf Jahren seiner Herrschaft Fethullah Gülen als jemanden, den man unterstützen müsse und unterstützte ihn. Sie profitierten gegenseitig vom Segen der Macht. Sie haben gemeinsam ihren Reichtum begründet. Die Renditen der großen Städte haben sie Parzelle um Parzelle, die Staatsverträge Projekt um Projekt untereinander aufgeteilt. ... Anschließend fielen sie übereinander her. Warum? Um alleine an der Macht zu sein. ... Sie beschmierten das Land mit Blut.“

El Periódico de Catalunya (ES) / 20. Juli 2016

Erdoğans schönste Träume werden wahr

Die Folgen des gescheiterten Militärputsches in der Türkei passen Präsident Erdoğan dermaßen gut ins Konzept, dass es schwerfällt nicht an eine Inszenierung zu glauben, meint El Periódico de Catalunya:

„Unabhängig von allen Mutmaßungen und Spekulationen steht fest, dass der Putsch für Erdoğan ein Sechser im Lotto war. Das hätte er sich nicht in seinen feuchtesten Träumen vorgestellt. Ich werde angegriffen, reagiere heldenhaft, rufe das Volk zur Verteidigung der Demokratie auf und gehe dann dazu über, das feindliche Lager knallhart zu säubern. ... Vielleicht hat er es sich ja doch alles so vorgestellt. Es fällt schwer, nicht daran zu denken, dass Erdoğan den Putsch selbst eingefädelt hat.“

Daily Sabah (TR) / 20. Juli 2016

Niemand sollte auf Gülen hereinfallen

Ankara fordert von den USA die Auslieferung des dort lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen, den die Regierung für den Putschversuch verantwortlich macht. Die USA wollen Beweise sehen, dabei ist die Lage klar, meint die regierungstreue Daily Sabah:

„Die Generäle, Offiziere und sogar Kadetten, die zur Gülen-Bewegung gehörten, wurden angewiesen, einen Putsch zu inszenieren und nutzen alle Mittel, sogar das Töten von Menschen, um ihre Aufgabe zu erledigen. ... Wenn Sie, US-Präsident Barack Obama, uns nun auffordern, Beweise für die Beteiligung Gülens am Putsch zu liefern, schockt uns das wirklich. ... Gülen hat in der Vergangenheit versucht, Erdoğan zu stürzen und versucht dies noch immer. Werden Sie ein Teil dieses Verbrechens sein? Fallen Sie nicht auf Gülens Theater herein, mit dem er das Bild eines niedergeschlagenen, alten und kranken Mannes abgibt. Wir sind auf diese Theatralik hereingefallen und jetzt können Sie sehen, was aus uns geworden ist.“

Hürriyet (TR) / 20. Juli 2016

Türkei braucht jetzt Zusammenhalt

Die Spekulationen um eine mögliche Inszenierung des Putschversuches durch die Regierung empören Hürriyet und sie ruft die türkische Gesellschaft zum Zusammenhalt auf:

„Erdoğan und auch die AKP wissen nur zu gut, dass sie, obwohl sie vor acht Monaten 50 Prozent der Stimmen erhalten haben, nun eine viel breitere Koalition und Solidarität benötigen, um diesen Aufstand, der auf das Überleben des Landes abzielte, zu bewältigen. Die Putschgefahr in der Türkei ist nicht gebannt und wird nicht vorüber sein, bis sich die Streitkräfte wieder 'normalisiert' haben. ... Deshalb ist die momentane Haltung der Oppositionsparteien sehr wichtig und konstruktiv. Wenn es dem Parlament und dem Präsidenten gelingt, ihre politischen Streitereien eine Weile an den Nagel hängen und an einer gemeinsamen Grundlage zu arbeiten, wird die aktuelle Putschgefahr in einem gewissen Maße reduziert.“

Novi list (HR) / 18. Juli 2016

Erdoğan hat Putsch selbst inszeniert

Dass Erdoğan selbst für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich ist, glaubt Novi List:

„Klar ist, dass alles wie ein Versuch aussah, die Institutionen der Türkei mit Erdoğan an der Spitze abzusetzen und dass dieser Versuch nicht gelungen ist. Während man aber noch in den Morgenstunden hunderte Tote und tausende Verletzte zählte, wurden schon Offiziere, Soldaten und Zivilisten als Schuldige verhaftet. Am Morgen nach den Schießereien wurden 2.750 Richter verhaftet. Wer hat sie denn in der Nacht des Putsches so schnell für die Verantwortung eben dieses Putsches ausfindig machen und registrieren können? Niemand natürlich - die Liste war schon lange vorbereitet und man wartete nur noch auf den Augenblick, die Verhaftungen zu realisieren. ... So wird eine Erklärungsvariante immer wahrscheinlicher: Die ganze Sache wurde inszeniert, um das Land zu 'säubern'.“

Pravda (SK) / 18. Juli 2016

Vereitelter Coup als "Geschenk Gottes"

Erdoğan nutzt den Putschversuch eiskalt aus, betont Pravda:

„Wenn Erdoğan etwas zur totalen Beherrschung der Türkei fehlte, dann war es genau das. Er selbst sprach im Zusammenhang mit dem Putschversuch von einem 'Geschenk Gottes, ... weil das Grund genug ist, die Armee zu säubern'. Und genau daran macht sich nun der türkische Autokrat, unterstützt von vielen Menschen, die er auf die Straßen gerufen hatte. 6.000 zumeist Armeeangehörige sind inhaftiert, 2.700 Richter verloren ihr Amt. Was das alles für die türkischen Medien und oppositionelle Politiker heißt, kann man sich leicht ausmalen. Die Regierung erwägt die Einführung der Todesstrafe. Und die Festgenommenen werden nicht nur der Teilnahme am Putschversuch beschuldigt, sondern auch der Mitgliedschaft in Terrororganisationen. Stoppt jemand Erdoğan, bevor die Türkei definitiv keine Demokratie mehr ist?“

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