Trauer um Rumäniens thronlosen König

Rumänien trauert um einen König, der nur wenige Jahre herrschte: Mihai I. musste 1947 unter dem Druck der Kommunisten abtreten und lebte von da an ein bürgerliches Leben. Zehntausende Rumänen nahmen am Samstag von dem 96-jährigen Abschied. Steht die große Trauer über den Tod des Ex-Königs symbolhaft für den Wunsch der Rumänen nach einer Rückkehr zur Monarchie?

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Ziare (RO) / 18. Dezember 2017

Zeit, die Staatsform zu überdenken

Rumänische Abgeordnete haben sich für eine Volksabstimmung über die Rückkehr zur Monarchie ausgesprochen. Einer solchen Abstimmung kann der Journalist Iulian Leca vom Nachrichtenportal Ziare viel abgewinnen:

„Die vergangenen 28 Jahren haben gezeigt: Der derzeitige konstitutionelle Staatsaufbau führt zu großen Blockaden zwischen der Legislative und Exekutive, zwischen Präsident und Regierung bzw. Parlament, oder wie derzeit: zwischen der richterlichen und der politischen Macht. … Von den knapp 160 Jahren seit Vereinigung der rumänischen Fürstentümer standen 81 unter der Herrschaft der Krone. Nicht zufällig gehören diese Jahre zu den ruhigsten und ausgeglichensten unserer Geschichte. … Auch wenn die Befürworter der Republik bei der Abstimmung die Mehrheit stellen werden, so hätte eine Abstimmung immerhin den Vorteil eines neuen Sozialvertrags zwischen Bürgern, Staat und herrschender Klasse.“

Baricada (RO) / 18. Dezember 2017

Sehnsucht nach vordemokratischen Zeiten

Über das Aufsehen rund um die Beisetzung von Mihai I. im Beisein vieler europäischer Adeliger kann die Journalistin Maria Cernat auf ihrem Blog bei Baricada nur den Kopf schütteln:

„Die konservativen Institutionen gewinnen bei uns leider wieder an Macht. Kirche, Armee und Monarchie haben sich in einer wunderbaren PR-Show präsentiert. Und wir gut gebildeten und zivilisierten Rumänen denken zu Tränen gerührt an diese reaktionären und rückwärtsgewandten Institutionen zurück. Die Helden der Französischen Revolution würden sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen angesichts dieses Retro-Spektakels für anti-demokratische Institutionen. ... Da müssen wir uns nicht wundern, dass die illiberale Demokratie mit ihren heiligen Traditionen, ihrem Anti-Feminimus, Anti-Fortschritt, ihrer Anti-Justiz und ihren vom Herrgott selbst eingesetzten Führern an unsere Türe pocht. Saudi-Arabien, wir kommen!“

hvg (HU) / 18. Dezember 2017

Wäre das Land doch so wie sein Ex-König!

König Mihai personifiziert jene Würde und Integrität, nach der sich Rumäniens zerrissene und gespaltene Gesellschaft so sehr sehnt, meint die ungarnstämmige rumänische Publizistin Boróka Parászka in der Wochenzeitung hvg:

„Rumäniens Erinnerungskultur ist voller Brüche und Widersprüche. Doch mit Blick auf die öffentliche Beurteilung von König Mihai wurde jetzt ein Konsens gefunden: Er ist der Mann, der das Gute wollte. ... Er war der westlich orientierte Regent eines im Osten eingeklemmten Landes, ein Aristokrat, der seine Würde zeitlebens bewahrte, während Rumänien seine so oft verlor. ... Wenn es einen würdevollen und starken und guten König gegeben hat, muss es auch ein würdevolles, starkes und gutes Land geben. Diese Hoffnung offenbarte sich in der dreitägigen nationalen Trauer, die ganz Rumänien bewegt hat.“

Ziare (RO) / 17. Dezember 2017

Verwaistes Volk sehnt sich nach einem Staatsmann

Hinter der großen Anteilnahme versteckt sich eine unerfüllte politische Sehnsucht, glaubt die Journalistin Ioana Ene Dogioiu vom Nachrichtenportal Ziare:

„Mein Gefühl sagt mir, dass die Rumänen vor allem ein Symbol geehrt haben: Das Symbol eines Anführers, der über den Zeiten stand; eines Staatsmannes, der seinem Land gedient hat. … Die massenhafte Beteiligung an der Beisetzung war der Aufschrei eines Volkes, das sich nicht repräsentiert fühlt, das keinen Orientierungspunkt in der Politik mehr hat und kein Vertrauen in seine Anführer. Ein Volk, das sich irgendwie verwaist fühlt. Jener Mann, der ein Anhaltspunkt war, ist nun verstorben. Die Rumänen haben erst im Laufe der Zeit verstanden, dass ihnen eine Rückkehr zur Monarchie in den 1990er Jahren gut getan hätte. Nun ist es dafür zu spät.“

Adevârul (RO) / 17. Dezember 2017

In Rumänien kommt die Einsicht stets zu spät

Und der Theaterwissenschaftler Doru Pop macht sich auf seinem Blog bei Adevărul darüber Gedanken, warum sich die Liebe zum früheren König erst jetzt so offensichtlich Bahn bricht:

„Die Beerdigung von König Mihai hat auch eine bestimmte 'Qualität' unserer Gesellschaft offengelegt: das rückwirkende Denken. Auf einmal entdecken die Rumänen ihre Vorliebe für die Monarchie, nachdem der König jahrelang abgewiesen, ignoriert und marginalisiert wurde. Nie wachen die Rumänen um fünf vor zwölf auf, immer erst, wenn es zu spät ist. Diese Unfähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung zu treffen, ist typisch für uns und unsere Geschichte. … Denn wir denken nicht vorausschauend, sind unfähig, etwas vorherzusehen, zu planen und langfristige Projekte vorzubereiten.“

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