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Magazin / Geschichte / Narrating the Nation / Artikel | 06.05.2008

Geschichte der europäischen Identität, von Wolfgang Schmale

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Europäische Identität im 21. Jahrhundert

Was "lehrt" uns diese recht kurze "Geschichte europäischer Identität"? Ich habe die transnationalen und staatenübergreifenden historischen Etappen herausgestellt. Die Detailbetrachtung ergab, dass wir es im Lauf der Jahrhunderte immer wieder mit einem Phänomen zu tun haben, das mit Recht als "europäischer Demos" bezeichnet werden kann. Im historischen Vergleich existiert auch heute ein europäischer Demos, selbst wenn die Kritiker bestimmte Bedingungen hierfür nicht erfüllt sehen. So wird das - vermeintliche? - Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit beklagt. Ferner sei eine europäische Staatsbürgerschaft mehr oder weniger unverbindlich, da die national definierte Staatsbürgerschaft die maßgebliche und entscheidende geblieben sei. Im historischen Vergleich haben wir heute nicht weniger europäischen Demos als zu früheren Zeiten, nachdem er zwischendurch - im 19. und frühen 20. Jahrhundert - beinahe verlorengegangen war. Die Forderung von Jacques Delors, Europa eine "Seele" zu geben, findet hier ihren Anknüpfungspunkt, denn er zielte ja auf die Europäerinnen und Europäer, auf den europäischen Demos.

Was kann der Kern der künftigen europäischen Identität des europäischen Demos sein - nach der "Christlichen Republik" in der Frühen Neuzeit und der "Kultur" mit und seit der Aufklärung? In der Zwischenkriegszeit, im Widerstand im Zweiten Weltkrieg sowie im Zuge der Europäischen Integration seit 1945 wurden die Weichen in Richtung einer großen, letztlich staatlichen europäischen Gemeinschaft gestellt. Die Grenzen dieser Zielsetzung werden immer wieder durch die Nationalstaaten Europas aufgezeigt. Staatlich und verfassungstypologisch stellt die EU ein schwer fassbares Etwas dar, mit dem man sich ebenso schwer identifizieren kann. Infolgedessen wandte sich die Identitätspolitik der EU, die im Prinzip seit 1973 betrieben wird, vermehrt den angenommenen Gemeinsamkeiten in der europäischen Geschichte und Kultur, dem so genannten kulturellen Erbe, der Förderung der Bildung eines europäischen Gedächtnisses sowie der Formulierung und Propagierung gemeinsamer Werte zu.

Genau genommen wird Europas Identität neuerlich in "Europäischer Kultur" gesehen, wobei der Kulturbegriff gegenüber der Aufklärungsepoche eine Bedeutungsverschiebung erfährt. Kultur wird heute in Anknüpfung an Max Weber semiotisch definiert: Unter Kultur wird all das verstanden, was die Sinngebungen, die Herstellung von Sinn und Bedeutung, und Zielsetzungen bestimmter menschlicher Gemeinschaften symbolisch ausdrückt. Dieser Kulturbegriff ist sehr offen gefasst, er setzt weniger auf Einheit und Einigkeit überall, sondern lässt Vielfalt zu, sofern Kohärenzen geschaffen werden. Darum geht es - um Kohärenz in der Vielfalt, weniger, sehr viel weniger um Einheit in der Vielfalt, wie es das Motto der EU etwas unpassend ausdrückt.

Kohärenz stellt zweifellos eine Möglichkeit, eine Realisierungsform von Identität dar. Vielfalt als das Eigentliche Europas akzeptieren, soviel Kohärenz wie irgend möglich erzeugen, soviel Einheit wie nötig suchen - in diesem Dreieck wird sich die europäische Identität des werdenden europäischen Demos Gestalt geben. Zu unterstreichen ist für die Gegenwart der Praxisbezug, die Realisierung von europäischer Identität: Sowohl die Christliche Republik wie Europa als Kultur (im Sinne der Aufklärung) waren Imaginationen geblieben und konnten es bleiben. Die EU als Rahmen und ggf. als Ausdruck europäischer Identität ist hingegen praxeologisch (rational und entscheidungslogisch) zu betrachten: Sie stellt einen realen Praxisrahmen dar, innerhalb dessen Vielfalt und Kohärenz realisiert werden.

 

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