Egal wie die US-Präsidentschaftswahlen in dieser Nacht ausgehen, der Republikaner George W. Bush wird das Weiße Haus 2009 verlassen. Die europäische Presse kommentiert das Ende einer Ära und die Erwartungen an den neuen US-Präsidenten, unabhängig davon, ob er John McCain oder Barack Obama heißen wird.
Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
The Guardian - Großbritannien, To Ethnos - Griechenland, Luxemburger Wort - Luxemburg, Diário de Notícias - Portugal, Magyar Nemzet - Ungarn
The Guardian - Großbritannien
Sidney Blumenthal, früherer Berater des ehemaligen demokratischen US-Präsidenten Bill Clinton, sieht in den US-Präsidentschaftswahlen das Ende der republikanischen Ära. Zentrale Politik-Ansätze der Republikaner seien gescheitert, schreibt er in der links-liberalen Tageszeitung The Guardian : "Bestimmte Faktoren, die die US-Politik seit 40 Jahren dominiert haben, scheinen dazu bestimmt, in entfernte Ecken zu verschwinden. In der Wirtschaft haben angebotsorientierte Heilmittel und Deregulierung die schlimmste Krise seit der Großen Depression geschaffen. ... In der Außenpolitik hat der Neokonservatismus in den Morast von Irak und Afghanistan geführt, während er die westliche Allianz unterminierte. In der Sozialpolitik hat die evangelikalische Rechte auf die Wissenschaft, die Trennung von Staat und Kirche und das Recht auf Privatsphäre eingeschlagen. Und schließlich: Das konservative Prinzip der begrenzten Regierung wurde zum Kennwort für Inkompetenz, Vetternwirtschaft, Korruption, Heuchelei und Verachtung für den Rechtsstaat." (04.11.2008)
Die Tageszeitung To Ethnos schreibt über das politische Erbe, das George W. Bush hinterlassen wird: "Der ganze Planet wird erleichtert stöhnen über das Ende des Alptraums ... Bush und die Neokonservativen haben das Guantanamo-Lager zum Symbol Amerikas gemacht, zum Dachau des 21. Jahrhunderts. ... Sie haben für die modernen Staaten ein Überwachungs-Regime durchgesetzt ... wie es keine Diktatur sich je erträumen und schaffen könnte. Die Kriege … in Irak und Afghanistan waren schon seit längerem geplant, damit ... der Nahe Osten und sein Erdöl unter amerikanische Kontrolle kommen. ... Die USA sind dafür verantwortlich, dass die Zivilisation zurück fiel. Die Menschheit wird erstaunt sein, wenn die Amerikaner jemals für den Völkermord verurteilt werden, den sie gegen die Unbewaffneten im Irak geführt haben, wo sie Tausende von Menschen umgebracht haben." (03.11.2008)
Die Tageszeitung Luxemburger Wort kommentiert die Hoffnung Europas auf neue Ansätze bei globalen Problemen. "Schreitet Amerika zur Wahl, blickt ihm die Welt über die Schulter. Dies war immer schon so, nicht nur weil die USA eine Supermacht sind, sondern auch weil sie wie keine andere Nation der Erde den Traum von Hoffnung, Aufbruch, Neuanfang verkörpern. Und selten war die Sehnsucht nach Wandel so greifbar wie im Wahljahr 2008. Das Erbe der Ära Bush wiegt schwer, diesseits wie jenseits des Atlantiks. ... Nach den bitteren Jahren der Entfremdung ist die Sehnsucht nach Erneuerung der traditionellen transatlantischen Partnerschaft übermächtig. Finanzkrise, Klima, Terrorismus, das sind weitere Themengebiete, auf denen die Europäer starke Lösungsansätze vom neuen amerikanischen Präsidenten erwarten." (04.11.2008)
Für Portugals ehemaligen Staatschef Mário Soares würde der Sieg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama "positive Folgen für die USA und die Europäische Union haben und eine Wende in der politischen und geopolitischen Welt darstellen." Der Sieg seines republikanischen Gegenkandidaten John McCain und seiner Vizepräsidentschaftskandidaten Sarah Palin dagegen wäre für ihn "die Fortsetzung von Bushs desaströser Administration," schreibt Soares in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung Diário de Notícias. "Zudem stellt ein Afro-Amerikaner im Weißen Haus sowieso schon eine riesige kulturellen Wende dar," schreibt Soares weiter. "So führten auch diese Präsidentschaftswahlen angesichts der hohen Beteiligung bereits zur Änderung der amerikanischen Mentalitäten. Man kann jedoch nicht erwarten, dass mit Obamas Sieg gleich alles besser sein wird. Er hat keinen Zauberstab, um die weltweite Krise zu lösen." (04.11.2008)
Die konservative Tageszeitung Magyar Nemzet sieht die USA vor erheblichen Veränderungen. "Der Platz der USA auf der weltpolitischen Bühne wird sich grundlegend verändern. Die Prozesse, die hierzu geführt haben, sind nicht allesamt auf die Vereinigten Staaten zurückzuführen. ... Andere Mächte und Zentren sind einerseits aufgestiegen [China] und andererseits wieder auf die Beine gekommen [Russland]. ... Sowohl Barack Obama als auch John McCain stehen für eine gemäßigte politische Linie. Keiner der beiden steht jener Elite nahe, die für die destruktive US-Politik der vergangenen Jahre verantwortlich ist. ... Aufgrund seines Alters und seiner Dynamik scheint der schwarze Senator für das US-Präsidentenamt geeigneter zu sein. Barack Obama hat nicht einmal des Wahlkampfes zuliebe seine Bereitschaft verschleiert, mit jenen Staaten in einen Dialog treten zu wollen, die von George W. Bush als 'Achse des Bösen' stigmatisiert worden waren. Wenn Obama die USA wirklich in eine neue Richtung führen will, wird er die meisten Kämpfe wohl im eigenen Land auszutragen haben." (04.11.2008)