Niederlande: Zeitungsland wird digital

Gott hat die Welt erschaffen – die Niederländer aber ihr eigenes Land. Das alte niederländische Sprichwort gilt auch für die ausgeprägte Innovationskraft der Medienlandschaft. Neue Projekte machen auch international Furore. Beispielhaft ist etwa Blendle, ein Online-Zeitungskiosk.

Online-Zeitungskiosk Blendle (© picture-alliance/dpa)
Online-Zeitungskiosk Blendle (© picture-alliance/dpa)
Über Blendle können Nutzer aus dem kompletten Angebot aller niederländischen und auch zahlreicher internationaler Zeitungen und Zeitschriften wählen und ab 15 Cent einen Artikel lesen. Bei der Initiative De Correspondent, die über Crowdfunding zustande kam, geht es dagegen um die Autoren. Sie stehen persönlich für Journalismus von hoher Qualität. Leser werden mit ihrem Monatsbeitrag symbolisch Miteigentümer des Mediums und bei inhaltlichen Entscheidungen miteinbezogen.

Beide Projekte zeigen, wie sehr die Krise auch als Chance genutzt wird. Gezwungen durch die neuen Medien und die Wirtschaftskrise gingen die Verlage in die Offensive und investierten massiv in ihre Internetaktivitäten. Die Auflagenrückgänge fingen sie aber nur zum Teil durch Online-Abos auf. Bisher sind die größten Opfer der Krise die Illustrierten. Zahlreiche Titel wurden eingestellt.

Die Niederländer informieren sich zunehmend über Onlinemedien und sind besonders aktive Nutzer von sozialen Netzwerken. Mit vier überregionalen Tageszeitungen für die knapp 17 Millionen Einwohner, einem werktäglich erscheinenden Gratisblatt und starken regionalen Blättern bleiben die Niederlande aber ein Zeitungsland. In jedem zweiten Haushalt wird täglich eine Zeitung gelesen.

Die drei großen Zeitungen NRC Handelsblad, Trouw und De Volkskrant sind eher linksliberal orientiert und gelten gemeinsam mit der konservativen Boulevardzeitung De Telegraaf, dem auflagenstärksten Blatt, als meinungsbildend. Die zweitgrößte Zeitung, das Algemeen Dagblad, ist mit sieben Regionalausgaben vor allem regional stark. Sehr populär ist auch der größte Blog geenstijl.nl (kein Stil) mit vielen rechtspopulistischen Beiträgen. Er gilt auch als Stimmungsbarometer in den Niederlanden.

Nach mehreren Eigentümerwechseln sind nun mit Ausnahme von De Telegraaf alle großen Zeitungen in belgischer Hand. Der Verlagskonzern Persgroep übernahm 2009 den niederländischen Verlag PCM Uitgevers (zu dem unter anderem Trouw und Volkskrant gehören) und kaufte 2012 den Zeitschriftenverlag VNU Media. Um ein Monopol zu verhindern, wurde NRC Handelsblad aus PCM ausgelagert und vom belgischen Mediahuis übernommen.

Seit Jahrhunderten ist die Presse- und Meinungsfreiheit in den Niederlanden ein hohes Gut. Die Medien bewahren streng ihre mühsam errungene Unabhängigkeit von Parteien oder Kirchen. Nun verliert nach den Zeitungen auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk weitgehend seine ideologische oder konfessionelle Färbung. Eine staatliche Reform und Kürzung der Subventionen zwang die 14 Rundfunkgesellschaften zur Zusammenarbeit. Mit der Zulassung kommerzieller Sender 1989 verlor der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein Monopol. Starke Konkurrenten sind vor allem die RTL-Gruppe sowie SBS.

Ranglisten der Pressefreiheit:
Reporter ohne Grenzen: Platz 5 (2017)
Freedom House: Platz 2 – Status: frei (2016)

Stand: Mai 2017
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