Österreich: Wie Boulevardmedien und Politik sich glänzend verstehen

Politiker suchen die Gunst der mächtigen Boulevardmedien Österreichs. Doch diese Beziehung ist keinesfalls einseitig.

Wiener Kaffeehaus (© picture-alliance/dpa)
Wiener Kaffeehaus (© picture-alliance/dpa)
Den Sieg von Sebastian Kurz bei der Nationalratswahl 2017 führten Beobachter darauf zurück, dass seine gegen Zuwanderung und Islam ausgerichtete Wahlkampagne bei den Bürgern verfing – und das obwohl weder Wirtschaftsdaten noch der gefühlte Alltag Anlass zur Krisenstimmung gegeben hatten. Doch seine politischen Botschaften mit ihren klaren Feindbildern passten perfekt zu den Boulevardmedien, die diese gern aufgriffen und verstärkten.

Kurz ist nicht der erste österreichische Politiker, der von diesem Mechanismus profitierte: Vor ihm hatte der Rechtspopulist Jörg Haider ebenso virtuos die Klaviatur des Boulevards beherrscht. Und die Sozialdemokraten fütterten jahrzehntelang die Platzhirsche unter den Boulevardmedien mit staatlichen Zeitungsanzeigen im Wert von Milliarden.

Österreichs Regierungen kommen und gehen, die Dominanz des Boulevards und seiner Meinungsmache aber bleibt. Seit der Nachkriegszeit ist die österreichische Medienlandschaft von den starken Boulevardzeitungen geprägt. Die Kronen Zeitung war zwischenzeitlich – im Verhältnis zur Einwohnerzahl gemessen – die stärkste Zeitung Europas. Das Boulevardangebot wurde seit 2000 um die Gratiszeitungen Österreich und Heute erweitert. Der Verkauf von Anzeigen an Parteien oder Ministerien ist für viele österreichische Medienunternehmen ein zentrales wirtschaftliches Standbein.

Eine weitere Besonderheit der österreichischen Medienlandschaft ist die Dominanz großer Verlagshäuser, zu deren wichtigsten Eigentümern die Raiffeisen Bank sowie Privatstiftungen im unmittelbaren Umfeld der katholischen Kirche zählen.

Dieses wirtschaftlich potente Umfeld macht es neuen unabhängigen Medien schwer, sich in der österreichischen Medienlandschaft zu etablieren. Jüngere Produkte, wie etwa das Monatsmagazin Datum, können trotz ihrer hohen Qualität in den vergangenen Jahren nur Nischen besetzen.

Der schwache Anzeigenmarkt setzt aber selbst den größeren Verlagshäusern zu. Die Verlagsgruppe News hat etwa ein Fünftel ihrer Belegschaft entlassen. Der Styria-Verlag hat das täglich erscheinende Wirtschaftsblatt samt seinem Onlineauftritt gänzlich eingestellt.

Bezahlmodelle im Internet sind eine vergleichsweise junge Erscheinung. Tageszeitungen, wie Die Presse und die Salzburger Nachrichten, stellen ihr Printangebot teilweise nur noch kostenpflichtig, die Wochen- bzw. Monatsmagazine Falter und Datum gänzlich kostenpflichtig online zur Verfügung. NZZ.at, das ausschließlich online und kostenpflichtig gelesen werden konnte, wurde im April 2017 mangels Erfolg eingestellt.

Die Qualitätssparte dominiert die linksliberale Tageszeitung Der Standard sowie die liberal-konservative Die Presse. Keine der beiden Medien verfügt aber nur ansatzweise über den Einfluss des Boulevards.

Den Fernsehmarkt dominiert weiterhin der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk (ORF). Der ORF, der auf vier Kanälen sendet, erreichte 2015 zehnmal so viele Menschen, wie der stärkste Privatsender - Puls 4, der der ProSiebenSat1-Gruppe angehört. Politische Einflussnahme auf den ORF herrscht insofern, als die Parteien über den Stiftungsrat in die Wahl des Generaldirektors eingreifen. Seit Mai 2018 ist der ehemalige FPÖ-Politiker Norbert Steger Vorsitzender des ORF-Stiftungsrates. Er und seine Partei-Kollegen warfen dem ORF zuvor unter anderem vor, in gewissen politischen Themen nicht objektiv zu berichten und Fake News zu verbreiten. Entlassungen der nicht korrekten Mitarbeiter könnten laut Steger eine Konsequenz sein.

Rangliste der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen):
Platz 11 (2018)

Stand: Mai 2018
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