Großbritannien: Mediales Dauerfeuer auf die EU

Im Juni 2016 stimmte eine Mehrheit der Briten aus der Sicht vieler Beobachter überraschend für den Brexit. Dem lag eine Anti-EU-Stimmung im Land zu Grunde, die nicht zuletzt von vielen britischen Medien stark angeheizt worden war.

Titelseiten britischer Zeitungen am Tag nach dem Brexit-Referendum. (© picture-alliance/dpa)
Titelseiten britischer Zeitungen am Tag nach dem Brexit-Referendum. (© picture-alliance/dpa)
Laut einer Studie der Universität Loughborough waren 82 Prozent der von den Briten in den Monaten vor der Abstimmung konsumierten Zeitungsartikel zum Thema Brexit EU-kritisch. Geradezu EU-feindlich gab sich der traditionell rechtskonservative britische Boulevard – allen voran die auflagenstärkste Tageszeitung des Landes, The Sun, gefolgt von Daily Mail und Daily Express. Die Qualitätszeitungen waren gespalten. Der mächtigste Medienunternehmer des Landes, Rupert Murdoch, dessen Konzern etwa The Sun und The Times gehören, begrüßte den EU-Austritt. Er verglich diesen gar mit einem "Gefängnisausbruch".

Im Jahr 2011 hatte Murdoch noch einen schweren Rückschlag erlitten. Nach einem Abhörskandal sah er sich gezwungen, sein Boulevardblatt News of the World einzustellen. Dessen Journalisten hatten jahrelang die Telefone von Prominenten, Politikern und Verbrechensopfern gehackt. Der Fall machte die enge Vernetzung von Politik und Medien im Land deutlich.

Ex-Premier David Cameron setzte in Folge des Abhörskandals eine Kommission unter der Führung von Lordrichter Brian Leveson ein. Sie ging mit der Rücksichtslosigkeit vieler Blattmacher und Reporter scharf ins Gericht und empfahl ein Pressegesetz, um deren Praktiken einzuschränken. Beschlossen wurde dieses nicht, weil viele eine Einschränkung der Pressefreiheit befürchteten.

Im Jahr 2013 erschütterte die Affäre um den NSA-Whistleblower Edward Snowden die britische Medienlandschaft. Der linksliberale Guardian hatte die Überwachungspraktiken westlicher Geheimdienste mitaufgedeckt. Im Ausland wurde der Guardian dafür gefeiert. In Großbritannien warfen ihm die Regierung und die meisten Medien vor, Terroristen zu unterstützen.

Reporter ohne Grenzen kritisierte das damals scharf: "Die Vermischung von Journalismus und Terrorismus ähnelt der Praxis autoritärer Regime." Dabei galt Großbritannien lange als Mutterland der Pressefreiheit. Bereits 1695 war die Zensur abgeschafft worden.

Sinkende Leserzahlen und stark einbrechende Werbeeinnahmen machten den britischen Printmedien in den vergangenen Jahren schwer zu schaffen. Der linksliberale Independent erscheint seit März 2016 nur noch online. Immer mehr Medienhäuser setzen bei ihren Onlineauftritten auf Paywalls. The Times gelang damit eine Trendwende: Nach 13 Jahren in der Verlustzone schreibt sie seit 2014 wieder Gewinne.

Unter Druck geraten ist auch der dominierende Sender des Landes, die öffentlich-rechtliche BBC. Ihrem World Service drohte wegen Geldmangels 2014 das Aus. Eine staatliche Finanzspritze konnte das vorerst abwenden. Der 2012 aufgedeckte Missbrauchsskandal um Ex-BBC-Star Jimmy Savile hat dem Image des Senders schwer geschadet.

Ranglisten der Pressefreiheit:
Reporter ohne Grenzen: Platz 40 (2017)
Freedom House: Platz 41 – Status: frei (2016)

Stand: Mai 2017
Zur Mediensuche

Medien aus Großbritannien bei euro|topics

Zur Mediensuche