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Redefreiheit in der pluralistischen Gesellschaft, von Kenan Malik

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Viele der jüngsten Konflikte in Sachen Redefreiheit wurden sicherlich vom Zorn der Muslime angeheizt. Die Vorstellung, dass Muslime die Hauptbedrohung der Redefreiheit darstellen, ist allerdings absurd – insbesondere in einem Land wie Großbritannien, wo die Rechtsprechung in Bezug auf Verleumdung mittelalterlich anmutet und Freiheiten ständig im Namen des so genannten "Kriegs gegen den Terror" unterminiert werden.

Die Muslime haben sicherlich von der Kultur der Zensur profitiert – und davon, dass die meisten nicht absichtlich Anstoß erregen wollen – die jetzt in den meisten westlichen Gesellschaften tief verankert ist. Es wäre jedoch absurd zu glauben, sie hätten diese Zensurkultur hervorgebracht. Genauso absurd ist die Behauptung, dass die Zensur Muslime begünstigt. Insofern die Zensur Muslime begünstigt, begünstigt sie nicht Muslime im Allgemeinen, sondern jene Mitglieder der muslimischen Gemeinschaften, die die Macht besitzen und diese nicht in Frage gestellt sehen wollen. In Wahrheit dient die Zensur dazu, progressive Bewegungen in Minderheitsgesellschaften zu untergraben.

Nehmen wir den dänischen Karikaturenstreit. Man hatte angenommen, dass sich die Gesamtheit der Muslime durch die Karikaturen verletzt fühlte und sie daher verbieten wollte. Dies entspricht nicht der Wahrheit. Bünyamin Simsek, muslimischer Stadtverordneter im dänischen Aarhus, war an der Organisation einer Gegendemonstration gegen den Protest beteiligt. "Es gibt", so Simsek, "eine große Gruppe von Muslimen in der Stadt, die in einer säkularen Gesellschaft leben möchten und das Prinzip vertreten, Religion sei eine Angelegenheit zwischen ihnen und Gott und nicht etwas, in das die Gesellschaft hineingezogen werden sollte." Er ist nicht der Einzige. Solche Stimmen werden aber durch eine überstürzte Zensur, die alles, was angeblich beleidigend wirkt, verbietet, zum Verstummen gebracht.

Zensoren für die Multikulturalität stärken die Position der konservativsten Elemente und unterminieren diejenigen, die Tradition und Autorität in Frage stellen wollen. Aus diesem Grunde sind Gruppen wie die Southall Black Sisters – eine Organisation militanter asiatischer Frauen, die seit über zwanzig Jahren gegen Rassismus und Diskriminierung von Frauen zu Felde ziehen – ganz und gar dagegen, dass Kränken oder Anstoß erregen verboten werden sollte. Rahila Gupta von den Southall Black Sisters reagierte auf Pläne der britischen Regierung, die das Aufhetzen zu "religiösem Hass" unter Strafe stellen wollte, damit, dass eine solche Zensur "die religiöse Intoleranz verstärken und das Recht der Frauen aufzubegehren abwürgen werde". Und dies, so Rahila Gupta, "ist ein zu hoher Preis, um eine entfremdete Gemeinschaft zu besänftigen."

Der Begriff "Anstoß erregen" oder "kränken" unterstellt, dass manchen Menschen gewisse Überzeugungen so wichtig oder wertvoll sind, dass man sie nicht beleidigen, karikieren oder auch nur hinterfragen dürfe. Das Prinzip der Redefreiheit besteht gerade darin, eine ständige Herausforderung der Idee zu sein, dass manche Fragen über jeden Streit erhaben sind. Redefreiheit stellt Autorität in Frage. Aus diesem Grunde ist Redefreiheit nicht nur für die Praxis der Demokratie entscheidend, sondern auch für die Ziele jener Gruppen, bei denen der demokratische Prozess versagt hat. Redefreiheit kommt also nicht jenen zugute, die die Macht besitzen, sondern denen, die sie in Frage stellen. Und Zensur nützt in Wirklichkeit jenen, die ihre Autorität nicht hinterfragt sehen möchten.

Es ist wohl wahr, dass Kränkungen häufig nicht aus einer progressiven Geisteshaltung heraus zugefügt werden, sondern aus Bigotterie – aus Rassismus oder Schwulenhass. Wir sollten aber gleichermaßen liberale wie reaktionäre Orthodoxien kritisieren dürfen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung greift nur dann politisch, wenn wir gezwungen sind, die Rechte von Menschen zu verteidigen, deren Meinungen wir nicht teilen.

Jedenfalls kann man bigotte Ideen keinesfalls in Frage stellen, indem man sie verbietet. Dadurch schwären sie bloß im Untergrund. Milton hat dies einst sehr eindrucksvoll festgestellt: "Schädliche Doktrin zu verbieten, indem man sie per Gesetz reglementiert, kommt der Glanzleistung des tapferen Mannes gleich, der den Krähen den Zutritt zu seinem Park verwehren möchte, indem er das Tor versperrt." Durch Zensur werden hässliche Ideen nicht ausgemerzt. Wir entziehen uns dadurch bloß der Verantwortung, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Nur durch Redefreiheit können wir unsere Ablehnung gegenüber solchen Menschen zum Ausdruck bringen und ihre Ideen anfechten.

Redefreiheit heißt nicht, alle Anschauungen zu akzeptieren. Jeder sollte seine Meinung öffentlich äußern dürfen, und wenn diese unzumutbar ist, sollten wir sie anfechten. Heute tun wir allerdings das genaue Gegenteil: Wir verbieten bestimmte Ideen, weil wir sie für unschmackhaft halten. Manche aber trauen wir uns nicht anzufechten, weil wir bei anderen Kulturen keinen Anstoß erregen wollen.

Ihr versteht uns völlig falsch, sagen die Zensoren. Wir sind nicht auf Zensur aus. Wir wollen bloß, dass allen Überzeugungen und Kulturen der gleiche Respekt entgegengebracht wird. Doch eine solche Sichtweise stellt den Begriff des Respekts auf den Kopf.

Im Kantschen Sinn bedeutet Respekt, dass wir jedes Individuum als moralisches und autonomes Wesen gleich behandeln. Jedes Individuum besitzt das Vermögen, politische und moralische Ansichten zu äußern und nach diesen zu handeln. Jedes Individuum muss für seine Ansichten und Handlungen die Verantwortung übernehmen und sollte nach diesen beurteilt werden können. Die Bedeutung der Redefreiheit liegt darin, dass sie einen Ausdruck der individuellen moralischen Autonomie darstellt, der Fähigkeit des Menschen, seine Überzeugungen und Handlungen in einer gesunden Debatte darzulegen und die Konsequenzen zu tragen.

Der multikulturelle Zensor fordert nicht nur für Personen, sondern auch für ihre Überzeugungen Respekt. Und dadurch untergräbt er die individuelle Autonomie, indem er einerseits das Recht der Menschen, andere Überzeugungen zu kritisieren, einschränkt, und andererseits darauf besteht, dass Individuen, die diese Überzeugungen vertreten, zu schwach oder verletzlich sind, um Kritik, Satire oder Beschimpfungen zu ertragen.

Der multikulturelle Zensor behandelt die Menschen nicht als respektvolle autonome Wesen, sondern als hilflose Opfer, die eines speziellen Schutzes bedürfen. Was dabei herauskommt, ist ein Wetteifern um Opferschaft, da jede Gruppe bemüht ist, sich als jene zu sehen, deren Empfindlichkeiten am tiefsten verletzt wurden. Das Resultat ist eine völlig willkürliche Haltung dazu, was tolerierbar ist. Der britische Muslimführer Iqbar Sacranie äußerte sich vor einigen Monaten abschätzig über Homosexuelle, was irrsinnigerweise eine polizeiliche Untersuchung zur Folge hatte. Daraufhin verfassten 22 Muslimführer ein Protestschreiben an die Times, in dem sie das Recht einforderten, "ihre Anschauungen in einer Atmosphäre, die frei von jeder Einschüchterung und Schikane ist, äußern zu können." Dieselben Führer sprechen aber den Zeitungen dieses Recht ab, wenn sie gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen protestieren. Viele, die sich über die den Propheten verhöhnenden Karikaturen freuten, zogen die Grenze beim Holocaust. Schwulenrechtler (und schwarze Ragakünstler) fordern, dass Muslime wegen Homophobie strafrechtlich verfolgt werden, wollen aber die Muslime nach Belieben straffrei kritisieren dürfen. Bald wird es heißen: "Meine Rede sollte frei sein, deine aber kostet uns zu viel."

Wie wir hier sehen können, ist das Argument gegen Redefreiheit tatsächlich ein Argument für die Verteidigung partikularer Gruppeninteressen. Und aus diesem Grund müssen wir uns gegen eine Einschränkung der Redefreiheit aussprechen. Wir können eine pluralistische Gesellschaft errichten, in der Redefreiheit die Instrumente für Engagement und Dialog zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft schafft. Oder aber eine Gruppengesellschaft, in der die Einschränkung der freien Meinungsäußerung hilft, die einzelnen Gruppen zu kontrollieren. Darüber müssen wir entscheiden.

Der Artikel basiert auf der Eröffnungsrede zum 19. Treffen europäischer Kulturzeitschriften, London 27.-30. Oktober 2006.

 

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