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Flüchtige Staatsbürgerschaft. Utopie der Freiheit oder Realität der Unterwerfung?, von Ivaylo Ditchev

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Bildgesteuerte Staatsbürgerschaft

An diesem Punkt wollen wir uns eine Welt in Bewegung vorstellen, in der Migration nicht länger eine Einbahnstraße vom Dorf in die Stadt ist, von klein nach groß, von vorübergehend nach dauerhaft; eine Welt, in der es keine sicheren Jobs, festen Berufsbilder oder Langzeitstrategien mehr gibt und wo Zeitweiligkeit als Dauerzustand akzeptiert wird.

Das Konzept der "Deterritorialisierung" von Gilles Deleuze und Félix Guattari impliziert das Verschwinden festgeschriebener Bedeutungen (der Einheimische weiß, dass diese Wolke Regen bedeutet); die "Reterritorialisierung" wird über Bilder geleistet (wie z. B. durch das Gemälde des wolkenverhangenen heimatlichen Himmels).[1] Man könnte behaupten, dass der mobile Mensch seine Verwurzelung in der geordneten Welt des Lokalwissens und der kulturellen Kompetenz verliert und sich auf der Bildebene um Reterritorialisierung bemüht. Diese auf Bilder gründende Reterritorialisierung bringt unter Umständen eine "Staatsbürgerschaft der Bilder" hervor, und je nach Migrantentypus funktioniert sie auf zwei Arten.

Zunächst gibt es die "überlegenen" Migranten, deren soziale, kulturelle und sprachliche Fähigkeiten es ihnen erlauben, zumindest zum Teil allein zurechtzukommen. Dann gibt es die "unterlegenen" Migranten, die ganz und gar auf ethnische, nachbarschaftliche oder persönliche Netzwerke angewiesen sind. Weil die Kultur der Staatsbürgerschaft in den Gastländern in der Regel höher entwickelt ist, erlangen die überlegenen Migranten schnell einen legalen Status und damit ein Gefühl für ihre neuen Rechte. Das resultiert manchmal in der Gründung von Verbänden, der Veröffentlichung von Zeitungen und, nicht zuletzt, einer fieberhaften Aktivität im Internet. Die Bemühungen um Integration, die anfängliche Ablehnung durch Einheimische und der relative Verlust sozialen Ansehens gehen mit einer Glorifizierung der "Heimat" einher. Das Heimatland wird idealisiert und die Bedeutung des Migranten in diesem Heimatland überschätzt, was nach Benedict Anderson zu einem "Fern-Nationalismus" führt – einem Nationalismus, der leidenschaftlicher ist als im Heimatland selbst.[2] Die Reterritorialisierung mit Hilfe heimatlicher Bilder findet im entfremdeten Kontext des Gastlandes statt. Interessanterweise neigen überlegene Migranten dazu, die an den neuen Wohnort oder die neue Nationalität geknüpften Rechte auf die dekontextualisierten Bilder des Heimatlandes zu übertragen. In der Folge kommt ein Beschwerdediskurs über die schlechten Zustände in der Heimat in Gang, und Vergleiche mit dem gut organisierten Alltag des "zivilisierten" ("entwickelten", "normalen") Gastlandes werden angestellt. Diese Form der bildgesteuerten Staatsbürgerschaft schlägt auf das Heimatland zurück, wo sie internalisiert wird und jenes allgegenwärtige Gefühl der Minderwertigkeit hervorruft, das als eine der Randerscheinungen der Moderne gelten kann.

Aufgrund ihres ungesicherten Status müssen "unterlegene" Migranten hin und wieder in ihr Heimatland reisen. Während der Zeit im Gastland teilen sie sich zu viert ein Zimmer, sparen jeden verdienten Pfennig und reduzieren den Kontakt zu den Einheimischen auf ein Mindestmaß. Der staatsbürgerliche Horizont schrumpft auf das Kleinste zusammen, schließt alle Möglichkeiten politischer und sozialer Mitbestimmung aus und lässt nur eine vage Vorstellung vom Menschenrecht übrig, die sich im Ehrbegriff erschöpft.

Was übrig bleibt und die Selbstwahrnehmung bestimmt, ist das "Konsumbürgertum". Die Antriebsfeder dieser Art von Mobilität ist das Versprechen auf Konsumgüter, und nur dieses Versprechen macht die Härten und Demütigungen erträglich. Das Konsumideal ist jedoch weniger durch festgelegte Zeichen bestimmt ("ich kaufe dieses Produkt und werde damit dieser oder jener sozialen Sphäre zugehörig), sondern durch ein Bild vom "Ausland", in dem eine ganze Konsumwelt rekonstruiert und das migrantische Selbst platziert wird. Diese imaginierte Konsumszenerie wird mit sich herumgetragen und dient nach der Rückkehr in die Heimat dazu, die Auslandserfahrung zu reterritorialisieren. Der Migrant plant, ein teures Auto zu kaufen und vor der Tür zu parken oder ein schickes Café in seinem Dorf, wo die Kühe durch die Straßen laufen, zu eröffnen, denn im Zentrum seiner Sehnsüchte steht die Rückkehr nach Hause. Folglich legt sich der Migrant in seinem Gastland eine bildgesteuerte Staatsbürgerschaft zu – nur in seiner Fantasie, denn die in der Heimat abgerufenen Konsumbilder entsprechen nur selten dem, was er im Ausland tatsächlich erlebt hat.

[1] Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Merve Berlin 1992.

[2] Benedict Anderson, "Long-Distance Nationalism. World Capitalism and the Rise of Identy Politics", The Wertheim Lecture, Amsterdam: Centre for Asian Studies 1992.

 

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