Bereichsmenü: Magazin
Magazin / Geschichte / Narrating the Nation / Artikel | 06.05.2008
Geschichte der europäischen Identität, von Wolfgang Schmale
« zurück . 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . weiter »
Christliche Republik in der Frühen Neuzeit
Im 15. Jahrhundert kreuzten sich mehrere Entwicklungen. Obwohl bereits im Mittelalter "Europa" als geographische Bezeichnung existiert hatte, wurde der Kontinent vorwiegend im Kontext der Welt als solcher gesehen: Beliebt waren Weltkarten, in denen die Erde, bestehend aus den drei Kontinenten Asien (nahm in der Regel 50 Prozent der Fläche ein), Afrika ("rechtes" unteres Viertel) und Europa ("linkes" unteres Viertel), als Körper Christi fungierte: Kopf, Hände und Füße waren die des Sohnes Gottes, der restliche Körper wurde mittels der Erde, des Erdkörpers dargestellt. Erst seit dem 15. Jahrhundert wurde Europa immer mehr für sich wahrgenommen und selbständig auf Karten dargestellt, gewissermaßen aus dem - nivellierenden - Zusammenhang der mittelalterlichen Weltkarte, in der Jerusalem den Mittelpunkt bildete, herausgenommen. So lässt sich anhand der Kartographie feststellen, wie sich Europa seiner selbst bewusst wurde.
In der selben Zeit weitete sich der Blick: Portugiesische Seefahrer rückten Meile für Meile, Jahr für Jahr, längs der Küste Afrikas immer weiter bis zum Äquator und dann südlich des Äquators vor. Ende des 15. Jahrhunderts, 1492, "entdeckte" Kolumbus Amerika und eröffnete damit eine neue Weltsicht. Außer Asien, über das die Europäer schon immer mehr gewusst hatten und für das sie sich schon immer näher interessiert hatten, stellten Afrika und der "neue" Kontinent Amerika neue Eckpfeiler im Bezugssystem der Europäer dar. Es wurde eine Neuverortung Europas erforderlich, welche die Bildung eines Bewusstseins von sich selbst, von Europa, im Vergleich zu den anderen Kontinenten beförderte. Der Vergleich führte im Übrigen zu einem Rückschluss auf die Überlegenheit Europas und der Europäer im Weltsystem.
Das Vordringen der Osmanen aus dem "Morgenland" schließlich erhöhte den Druck, sich selbst zu definieren. Die Osmanen galten als Heiden. Im Kriege waren sie nicht zu schlagen, sie drängten die Grenzen der Christenheit zurück, reduzierten aus der europäischen Perspektive die Christenheit auf Europa. Militärisch, so schien es, bedurfte es des Zusammenhalts der europäischen Staaten, wenn die "Türkengefahr", wie es damals hieß, gebannt werden sollte. Insoweit verwundert es nicht, wenn Begriffe wie "Haus" und "Vaterland" auftauchten, um Europa im Kontext der "Türkengefahr" zu bezeichnen. Indem die Christenheit und der Kontinent Europa beinahe in eins gefallen waren - als Symbol dafür gilt der Fall Konstantinopels 1453 -, setzte sich das Verständnis von Europa als "Christliche Republik" durch. Gemeint war die Gemeinschaft der christlichen europäischen Staaten. Der Kontinent Europa wurde als der von Gott geschaffene geographische Körper dieser Christlichen Republik interpretiert. Dahinter steht eine vollkommen essentialistische Vorstellung von Identität. Getragen wurde diese Identitätsvorstellung von einer nicht einmal kleinen alphabetisierten Bevölkerung, die quer durch Europa auf vielfältige Weise miteinander verflochten war und eine Art von "europäischem Demos" darstellte.
Dieser bestand aus den untereinander verheirateten Herrscherdynastien wie dem Haus Österreich (Habsburger), den Valois bzw. Bourbonen (Frankreich) oder den Medici (Italien); neben vielen anderen größeren und kleineren Fürstenhäusern sind auch die Stuarts, die Oranier, die Wasa, die Wettiner zu nennen. "Angehängt" waren zahlreiche Verwandtschaften, adlige und nichtadlige Gruppen und Klientelschaften, die in einem engeren Zusammenhang mit diesen Dynastien standen (Patronagesysteme, Hofgesellschaften, Amtsträger, ökonomische Auftragnehmer wie Künstler, Gelehrte und Handwerker, religiöse Orden, die Kirchen). Es handelte sich um die sozialen Gruppen, die über Bildung und Wissen(schaft) verfügten, die politische, ökonomische, soziale, kulturelle und religiöse (kirchliche) Macht innehatten oder um diese miteinander kämpften bzw. durch die Vernetzung im Rahmen der Klientel-, Patronage-, Auftrags- und Verwandtensysteme in relativer Nähe zur Macht standen.
Die Selbstdefinition Europas als Christliche Republik in einer Welt voller Heiden und Ungläubigen wurde im 16. Jahrhundert, dem Zeitalter der so genannten Glaubensspaltung, sowohl von Katholiken als auch von Protestanten verwendet; sie überstand den Dreißigjährigen Krieg und fand sich bis weit ins 18. Jahrhundert hinein in den europäischen Friedensverträgen. Die vom russischen Zaren, also einem orthodox-gläubigen Christen, 1815 auf dem Wiener Kongress initiierte Heilige Allianz (zunächst zwischen dem katholischen Österreich, dem orthodoxen Russland und dem protestantischen Preußen gegen Frankreich geschlossen, später dann aber gerade um Frankreich erweitert) modernisierte das Konzept von Europas Identität als einer Christlichen Republik ein letztes Mal.
« zurück . 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . weiter »
Weitere Artikel zu den Themen » Alltagskultur, » Geschichte, » Europa
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Alltagskultur, » Geschichte, » Europa


