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Magazin / Geschichte / Narrating the Nation / Artikel | 06.05.2008
Geschichte der europäischen Identität, von Wolfgang Schmale
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Europäische Kultur der Aufklärung
In der Zwischenzeit hatte infolge der Neudefinition des Kulturbegriffs in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts die Gleichsetzung europäischer Identität mit "europäischer Kultur" immer mehr Anhänger gewonnen. Der erwähnte europäische Demos der Frühen Neuzeit wurde im Lauf der Zeit durch Bürger, "Freiberufler" und "Intellektuelle" angereichert, soziale Gruppen, die Teil des europäischen Kommunikationsnetzwerkes im Zeitalter der Aufklärung waren oder wurden. Seit der Aufklärung waren es die durch ihre Interessenlage kommunikativ, sozial und ökonomisch miteinander verflochtenen gesellschaftlichen Gruppen, welche die Aufklärung in ihren vielen Facetten trugen, die sich durch die typische Geselligkeit der Aufklärung auszeichneten und die ein der Selbstdefinition als "europäisch" bedürfendes grenzüberschreitendes Kollektiv bildeten. Dieses europäische Kollektiv kann als Demos der Aufklärung bezeichnet werden.
Es ist kein Zufall, dass die Strukturveränderungen des europäischen Kollektivs, das an einer Selbstdefinition Interesse besaß - vom Demos der Frühen Neuzeit hin zu jenem der Aufklärung -, vor allem seit dem 18. Jahrhundert mit der Vorstellung von "europäischer Kultur" als europäischer Identität zusammenhingen. Als Identitätsemblem wurde vornehmlich die Europa als Erdteilallegorie verwendet. Sie wurde mit einer Unzahl von Attributen ausgestattet, welche die als wesentlich erachteten Errungenschaften der europäischen Kultur darstellten. Die Attribute der Europa materialisierten, was man sich unter "europäischer Kultur" im Einzelnen vorstellte: Kunst, Wissenschaft, Gelehrsamkeit, Kriegskunst, die Expansion in überseeische Gebiete, der natürliche Reichtum, Christlichkeit, auch das politische System, und vieles anderes mehr.
Europas Kultur im Sinne europäischer Identität wurde in den zahlreichen Kulturgeschichten der Epoche von Johann Christoph Adelung über Gottfried Herder und Immanuel Kant bis Voltaire dargelegt. Zumeist wurde die Entwicklung der europäischen Kultur in die Geschichte der Menschheit eingebettet, was eine gute Gelegenheit bot, Europas Überlegenheit im Kulturvergleich auszuweisen. Gemeinsam ist den Kulturgeschichten, dass sie erstmals eine zusammenhängende Geschichte Europas schufen, in der die transnationalen und nationalgeschichtlichen Elemente in einer systematischen Darstellung im Zusammenhang gesehen wurden.
Der Demos der Frühen Neuzeit und der Demos der Aufklärung stellten trotz ihrer im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung begrenzten sozialen Basis etwas dar, was als europäischer Demos bezeichnet werden kann. Kriterien sind die europäische Vernetzung, die aktive Teilhabe an den richtungweisenden Diskursen, gemeinsame politische Grundansichten, gemeinsame Auffassungen über Europa, ein gemeinsames Interesse an der Selbstdefinition über Europa, ein gemeinsames Identitätsemblem. Im Gegensatz zum Demosbegriff in demokratischen Staatswesen, wie wir ihn heute verwenden, besaß die Mehrzahl der Mitglieder beider historisch aufeinander folgender Demoi keine direkten und formal abgesicherten politischen Mitbestimmungsrechte - was nicht bedeuten muss, dass es ihnen an politischem Einfluss gefehlt hätte; man denke nur an die wichtigsten Aufklärer.
Schon in der Aufklärung hatte sich das Ende der frühneuzeitlichen Einigkeiten angekündigt. Dieses Ende fällt dann in die Epoche der Französischen Revolution in Europa. Das bezieht sich auf alle oben genannten Kriterien, auf denen die Bestimmung der beiden frühneuzeitlichen europäischen Demoi basiert. Seit der Revolution lassen sich diese Kriterien auf eine ganze Reihe soziopolitisch charakterisierbarer, europäisch vernetzter Gruppen anwenden, die oftmals in Konkurrenz zueinander standen, eine Konkurrenz, die nicht selten in bewaffnete Konflikte mündete. Wir haben es mit europäischen Kollektiven zu tun, die Europas Identität unterschiedlich definierten: (1) die dem Legitimitätsprinzip folgenden Monarchen, die bis zu einem gewissen Grade das frühneuzeitliche Kollektiv des europäischen Demos' fortführten - ihre europäische Identität wird mit dem Begriff der Heiligen Allianz ausgedrückt; (2) das liberale Bürgertum, das den politischen, ökonomischen, sozialen und religiösen Liberalismus zur europäischen Identität machte; (3) die Demokraten und oftmals mit diesen die republikanischen Geheimbündler und die Friedensbewegung des 19. Jahrhunderts, die ausgehend vom Grundgedanken der Brüderlichkeit der politisch emanzipierten europäischen Völker (Nationen) die Identität Europas in den angestrebten Vereinigten Staaten von Europa erkannten; (4) im Verlauf des 19. Jahrhunderts kristallisierten sich weitere europäische Kollektive mit ganz anderen Zielsetzungen heraus: die Arbeiterschaft, die "Intellektuellen", die "Kapitalisten" (europaweit tätige Unternehmer und Bankiers), die (zumeist universitären) Wissenschaftler.
Obwohl die Trennungslinien unscharf waren - ein im 19. Jahrhundert berühmter Autor wie Conrad von Schmidt-Phiseldek verband Heilige Allianz und Vereinigte Staaten von Europa -,[1] vermehrten sich innereuropäische Exklusionen, insbesondere in Richtung Osteuropa und Balkan (ausgenommen Griechenland), und die jeweiligen Zielsetzungen klafften immer weiter auseinander. Anders als zu Zeiten des europäischen Demos der Frühen Neuzeit und des Demos der Aufklärung war Europa für sich kein gemeinsames Ziel mehr. Übrig geblieben waren Vorstellungen von europäischer Kultur, die im Zeitalter der Weltausstellungen gelegentlich noch einmal durch die Verwendung der Europafigur (als Erdteilallegorie) wie etwa auf der Pariser Weltausstellung von 1878 visualisiert wurden.[2] In den Diskursen der verschiedenen europäischen Kollektive hielten sich zumindest im Hinblick auf eine kulturelle Identität gewisse Schnittmengen, allerdings bedrängten rassistische Geschichtskonzeptionen nun zunehmend die in der Aufklärungsepoche entwickelte Vorstellung von einer kulturellen europäischen Identität.
[1] Vgl. zu Schmidt-Phiseldek Winfried Schulze/Gerd Helm, Conrad Georg Friedrich Elias von Schmidt-Phiseldek (1770 - 1832), in: Heinz Duchhardt/Ma?gorzata Morawiec/Wolfgang Schmale/Winfried Schulze (Hrsg.), Europa-Historiker. Ein biographisches Handbuch, Bd. 1, Göttingen 2006.
[2] Diese und andere Erdteilallegorien sind auf dem Vorplatz des Musée d'Orsay in Paris aufgestellt.
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