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Magazin / Geschichte / Narrating the Nation / Artikel | 06.05.2008

Geschichte der europäischen Identität, von Wolfgang Schmale

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Europäisten im 20. Jahrhundert

Aus Angst vor dem politischen, ökonomischen und kulturellen Untergang Europas bildete sich nach dem Ersten Weltkrieg in Gestalt der verschiedenen Europabewegungen und -interessengruppen ein neues europäisches Kollektiv, das der Europäisten. Viele Schriftsteller zählten dazu, nicht zuletzt Thomas Mann. Mit den Europabewegungen und -interessengruppen der Zwischenkriegszeit (1918 - 1939) wurden deutlich mehr Menschen in die Europadebatte einbezogen und aufgefordert, über die eigene europäische Identität nachzudenken und für deren Erhalt zu wirken. Die Bewegungen vernetzten auch die Politik (Parteien, Regierungen) mit sehr unterschiedlichen Interessen- und Sozialgruppen. Bedeutsam bleibt, dass die Widerstandsgruppen des Zweiten Weltkriegs und die Föderalisten der 1940er und 1950er Jahre an die Europäisten der Zwischenkriegszeit anknüpften und deren Weg fortsetzten.[1]

Geradlinig verlief die Entstehung dieses neuen europäischen Kollektivs nicht: Die Europäisten der Zwischenkriegs- und der Kriegszeit stammten aus einem sehr breiten politischen Spektrum, von sozialistisch bis rechtskonservativ. Dieses umfasste den politischen Katholizismus ebenso wie den politischen Protestantismus, in der Zwischenkriegszeit auch jüdische Intellektuelle. Am rechten Rand bestanden anfangs keine klaren Grenzziehungen zu Antidemokraten, Faschisten, Falangisten und Nationalsozialisten. Vor allem die Nationalsozialisten entwickelten aus propagandistischen und machtstrategischen Erwägungen heraus Europakonzepte - die gemessen an den Traditionen von Europakonzepten allerdings als antieuropäisch zu charakterisieren sind -, die in Deutschland selbst sowie bei den zahllosen Kollaborateuren in Europa und bei den deutschen und nicht-deutschen Kämpfern in der Waffen-SS nicht ohne Wirkung blieben. Einzelne Funktionsträger der Nationalsozialisten wie Baldur von Schirach mit seinem Europäischen Jugendverband, dessen Gründungskongress vom 14. bis zum 18. September 1942 in Wien stattfand, versuchten, die Grundlagen für ein europäisch-nationalsozialistisches Kollektiv zu schaffen, doch wurde dies nicht zuletzt von Hitler selbst unterbunden, da jede Form von Vernetzung auch die Teilung von Herrschaft erfordert und keine unumschränkte Herrschaft, wie Hitler sie verfolgte, zugelassen hätte.

Die Europäisten im europäischen Widerstand stellten kein homogenes europäisches Kollektiv dar, doch bauten sie unter Lebensgefahr Vernetzungsstrukturen auf und diskutierten Fragen eines künftigen, einigen Europas. Im Vergleich zu der Zeitspanne, die von den Revolutionen von 1848 - diese Revolutionen hatten aufgrund ihres Kausalzusammenhanges eine starke europäische Komponente, führten aber im Endeffekt zu mehr Nationalismus - bis in den Zweiten Weltkrieg reicht, gelang den Mitgliedern der Widerstandsgruppen - ob nun in Frankreich, Italien, Deutschland, dem Londoner Exil, in Genf oder anderswo - eine Überbrückung der weltanschaulichen Differenzen. Selbst ein Teil des kommunistischen Widerstandes nahm für rund drei Jahre an dieser Überbrückung der Gegensätze teil.[2] Auch wenn nach dem Krieg kein europäischer Bundesstaat entstand und Europa ideologisch in zwei Blöcke geteilt wurde, blieb die Überbrückungs- und Vernetzungsleistung des Widerstandes eine historische. Sie bestand unter anderem darin, gegenüber einem rund 150-jährigen Prozess zunehmender Enteinung und Konflikteskalation in Europa eine Alternative aufgezeigt und diese im Rahmen der eng begrenzten Möglichkeiten des Agierens und Lebens im Untergrund oder in der Haft praktiziert zu haben.

Der Europäismus der Nachkriegszeit gründete im Wesentlichen auf den Europäismus des Widerstands, aber er erreichte immer breitere Kreise in Politik, Wirtschaft, Kultur und bei den Kirchen. Die führende Rolle von Sozialisten bzw. Sozialdemokraten sowie Christdemokraten, nicht zu vergessen die Liberalen, bei der Formulierung von Europakonzepten im Widerstand während des Zweiten Weltkriegs unterstützte die Verankerung des Europäismus bei den Volksparteien in der Nachkriegszeit. Gegenüber der Zwischenkriegszeit konnten neue soziale Schichten für das Ziel der europäischen Einheit und Einigung gewonnen werden. Ungeachtet der Differenzen, wie diese Einheit genau aussehen sollte, entwickelten sich wieder Bedingungen, wie sie zur Zeit des europäischen Demos der Frühen Neuzeit und des Demos der Aufklärung gegolten hatten: Europa selber als Ziel, als europäisches Kollektiv, das seine Identität mittels Europa definiert. Angestoßen durch den Europarat wurde schließlich ein Identitätsemblem geschaffen, die allseits bekannte Europaflagge mit zwölf goldenen Sternen, im Kreis auf blauem Grund angeordnet. Allen religiösen Konnotationen, die mit der Zahl Zwölf verbunden werden, sind von Seiten des Europarats wie der EU, die das Emblem übernommen hat, offiziell immer Absagen erteilt worden; das Emblem symbolisiere Einheit und Harmonie. Wie dem auch sei, es handelt sich heute um das einzige Identitätsemblem, das sich gegen alle anderen Vorschläge durchgesetzt hat.

Diese Entwicklung beschränkte sich zwischen 1945 und 1989 im Wesentlichen auf die demokratischen europäischen Länder. Aber auch im Ostblock überlebte der Europagedanke und formierten sich Personennetzwerke. Vor allem die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) wirkte sich in dieser Beziehung positiv aus.[3] Als 1989/90 die Zeitenwende eintrat, musste die Vereinigung des Kontinents im Zeichen der Demokratie keineswegs bei Null ansetzen.

[1] Vgl. als Modellstudie Anita Ziegerhofer-Prettenthaler, Botschafter Europas. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren, Wien 2004.

[2] Die beste Dokumentation ist zu finden bei Walter Lipgens (Hrsg.), Documents on the History of European Integration. Vol. 1: Continental Plans for European Union 1939 - 1945, Berlin-New York 1985.

[3] Vgl. dazu Peter Schlotter, Die KSZE im Ost-West-Konflikt. Wirkung einer internationalen Institution, Frankfurt/M. 1999.

 

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