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KULTUR

Respekt - Tschechien | 11.11.2008

Kunderas schwaches Gedächtnis

Auf der Internetseite des Wochenmagazins Respekt weisen Chefredakteur Martin M. Šimečka und Petr Třešňák dem unter Verratsverdacht stehenden Milan Kundera ein schwaches Gedächtnis nach. Kundera hatte in seiner bislang einzigen Aussage zu dem Vorwurf, 1950 den Westagenten Miroslav Dvořáček ans stalinistische Prager Regime verraten zu haben, behauptet, die Hauptakteure des Falls überhaupt nicht zu kennen. Dabei habe er zweien von ihnen, Iva Militka und Miroslav Dlask, 1953 ein Buch mit eigener Widmung geschenkt. "'Mirek und Iva zur Erinnerung (nicht zum Lesen), Milan' steht auf der Aufschlagseite des Buches. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand eine solche persönliche Widmung für Leute verfasst, die er nicht kennt. Selbstverständlich ist nicht auszuschließen, dass sich Kundera der damaligen Bekannten nicht erinnert. Dann ist es aber legitim zu fragen, was er noch alles aus seiner Erinnerung verdrängt hat." (11.11.2008)

die tageszeitung - Deutschland | 10.11.2008

Laufsteg in den Westen

Das Durchschnittseinkommen der meisten Serben beträgt zwischen 300 und 400 Euro im Monat. Deshalb ist die auf der Belgrad Fashion Week präsentierte Mode für viele unerschwinglich, meint die tageszeitung: "Belgrad rockt ja durchaus ... . Obwohl man in Paris, Berlin oder Krakau eher selten junge SerbInnen trifft. Sie können nicht einfach mal spontan losdüsen, weil sie Visa brauchen ... . Ganz anders als zu Titos Zeiten, als die Jugoslawen als einziges Land im 'Ostblock' über Reisepässe verfügten. ... Junge Talente gibt es hier genug, allein sie haben im Prinzip keine Chance. ... Die 'Bauern' sehen so etwas nicht gern. So wenig wie sie die zeitgemäße Mode der jungen Mode-Avantgarde verstehen ... . Leisten können sich diese Mode ... die jungen SerbInnen ... meist sowieso nicht. Sie sind schon froh, dass es mittlerweile eine Filiale des spanischen Modediscounters Zara gibt. Junge, aktuelle, europäische Mode zu erschwinglichen Preisen, entworfen unter stiller Zurkenntnisnahme der Schauen in Paris oder Belgrad. Erst wenn man kopiert wird, hat man es geschafft." (10.11.2008)

Respekt - Tschechien | 10.11.2008

Keine Sonderbehandlung Kunderas

Die liberale Wochenzeitung Respekt, welche die Debatte um den weltbekannten tschechischen Schriftsteller Milan Kundera und seinen mutmaßlichen Verrat eines Oppositonellen angestoßen hatte, setzt sich kritisch mit der Solidaritätserklärung internationaler Autoren gegenüber Kundera auseinander: "Ihnen geht es nicht um Fakten, sondern um die Reputation [Kunderas]. ... Gelten für einen berühmten Schriftsteller andere Regeln als für Normalsterbliche? Auch wenn man in Kunderas Büchern Spuren des Schicksals von Miroslav Dvořáček findet [er musste 14 Jahre in einem Straflager schuften], Beweise finden wir nicht. Aber es geht nicht um das, was Kundera geschrieben hat, sondern darum, was geschehen ist: um ein [Kundera belastendes] Polizeiprotokoll und um das Schicksal Dvořáčeks. In einem Land, in dem Hunderttausende unschuldig in Lagern und Gefängnissen landeten, haben wir heute die Pflicht zu ermitteln, wie es dazu kommen konnte." (10.11.2008)

NRC Handelsblad - Niederlande | 07.11.2008

Rapper brauchen neue Themen

Die Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten bringt die Rapper in ein Dilemma, schreibt das NRC Handelsblad: "Jetzt, nachdem Obama den Sieg in der Tasche hat, reagieren seine Hiphop-Anhänger ausgelassen. Aber sie jubeln zu früh. 'Ihr' Sieg nach jahrelangem Kampf für die Rechte der Afro-Amerikaner bringt sie in einen merkwürdigen Spagat. Sie haben ihren ersten schwarzen Präsidenten, aber derselbe Mann vertritt das Establishment, gegen das die Rapper jahrelang gekämpft haben. Sie werden eine neue Institution suchen müssen, gegen die sie agieren können, und neue soziale Fragen, die angeprangert werden müssen. Die Benachteiligung ihrer schwarzen Mitbürger in der Gesellschaft kann als Thema vorläufig in den Kühlschrank." (07.11.2008)

Süddeutsche Zeitung - Deutschland | 06.11.2008

Ende des Wow!-Faktors

Die Autobranche hat stark dazu beigetragen, die Signet-Architekturen [unvergleichliche Architektur] in Deutschland zu etablieren. Jetzt könne das ikonische Bauen der Stararchitekten zum Kollateralschaden der Finanzkrise werden, meint Gerhard Matzig in der Süddeutschen Zeitung. "Das Problem des Ineinanderfallens von Renditeverfall, Zukunftsängsten, Krisenstimmung und der Identitätskrise gerade der um Identität bemühten Großbauten betrifft nicht nur [den wirtschaftlich angeschlagenen deutschen Autohersteller] BMW. ... Es gilt natürlich auch für alle anderen Branchen - exakt in der Reihenfolge, in der die Wirtschaftskrise als Systemkrise um sich greift. ... Der Architektur als natürlichem Produzenten räumlich wirksamer Abbilder und zugleich als natürlichem, nicht fiktionalem Verbündeten der Realwirtschaft, fällt in diesem Reigen wiederum die Rolle der Zeichenhaftigkeit zu. Die Architektur der Marken handelt mit Zeichensystemen und den Mitteln der Rhetorik: Sie wäre deshalb nicht nur wegen in Zukunft fehlender Geldmittel betroffen – sondern auch als Zulieferbranche der Symbolik selbst." (06.11.2008)

Lidové noviny - Tschechien | 05.11.2008

Generationenkonflikt um Kundera

Die Solidaritätserklärung elf international renommierter Schriftsteller mit dem tschechischen Autor Milan Kundera, dem der Verrat eines Antikommunisten an das stalinistische Regime im Jahre 1950 vorgeworfen wird, ist unverständlich, findet die konservative Tageszeitung Lidové noviny: "Weshalb stellen sich die Schriftsteller ohne Kenntnis der Vorgänge derart hinter Kundera, der selbst schweigt?... Lange hörten wir, dass wir uns bei der Aufarbeitung der Geschichte ein Beispiel an den Deutschen nehmen müssten, wo zwanzig Jahre nach dem Krieg die Jungen ihre Eltern nach deren Verstrickung in das NS-System zu fragen begannen. Das waren unangenehme Fragen, sicher. Jetzt, fast zwanzig Jahre nach der Samtenen Revolution [fast gewaltfreier Systemwechsel im November 1989], fragt die junge Generation ihre Eltern. Und was passiert? Sie werden von einheimischen Intellektuellen – inklusive Václav Havel – oder literarischen Weltgrößen gedeckelt." (05.11.2008)

Die Presse - Österreich | 05.11.2008

Gratisstudium unter schlechten Bedingungen

Die Abschaffung von Studiengebühren in Österreich ab dem nächsten Sommersemester macht das Land nicht sozialer, glaubt die Tageszeitung Die Presse: "Besonders grotesk an der jetzigen Situation ist ja, dass Fachhochschulen sowohl Gebühren als auch Studienbeschränkungen haben dürfen. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb verzeichnen sie, wie auch private Lehrgänge mit zum Teil empfindlichen Kosten, eine kräftig steigende Nachfrage. Das barrierefreie Gratisstudium wiegt nämlich mangelnde Struktur an den Universitäten, überfüllte Hörsäle und unsichtbares Lehrpersonal nicht auf. Solche Probleme werden sich mit der ebenfalls beschlossenen, total unsinnigen Erhöhung der Zahl an Medizinstudenten noch verschärfen. Auch das 'Patientengut' für die Ausbildung ist ja nicht beliebig erweiterbar. ... Danke schön für die Mittelstandsentlastung. Aber hätte man nicht etwas Sinnvolleres finden können?" (05.11.2008)

Lidové noviny - Tschechien | 04.11.2008

Literaturnobelpreisträger solidarisch mit Kundera

Elf prominente Schriftsteller, darunter vier Literaturnobelpreisträger, haben sich solidarisch mit Milan Kundera gezeigt, der verdächtigt wird, im stalinistischen Prag des Jahres 1950 einen antikommunistischen Agenten verraten zu haben. Die konservative Tageszeitung Lidové noviny dokumentiert die Solidaritätserklärung, in der von der "Schmähung der Ehre eines der größten lebenden Romanciers auf zumindest zweifelhafter Grundlage" die Rede ist. "Wir verspüren das Bedürfnis, unsere Empörung über diese Verleumdungskampagne zum Ausdruck zu bringen und unsere Solidarität mit Milan Kundera zu äußern." Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem John M. Coetzee, Gabriel Garcia Marquez, Orhan Pamuk, Philip Roth und Salman Rushdie. (04.11.2008)


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