Tschechien: Corona-Krise gibt öffentlich-rechtlichen Medien Rückenwind

Bereits kurz vor Ausbruch der Corona-Krise genossen die öffentlich-rechtlichen Medien Hörfunk und Fernsehen in Tschechien mit Abstand das höchste Ansehen. In einer repräsentativen Umfrage der Journalistik-Fakultät der Masaryk-Universität Brno über die Vertrauenswürdigkeit der wichtigen Medien des Landes erzielten beide mit jeweils mehr als 56 Prozent die höchsten Werte bei den befragten Nutzern. Seitdem dürfte diese Zahl nochmals deutlich gestiegen sein.

Demonstranten werfen Premier Andrej Babiš am 1. März 2020 wegen des Agrofert-Konzerns einen Interessenskonflikt vor. Zum Konzern gehören auch mehrere Zeitungen.
Demonstranten werfen Premier Andrej Babiš am 1. März 2020 wegen des Agrofert-Konzerns einen Interessenskonflikt vor. Zum Konzern gehören auch mehrere Zeitungen.
ČT24, der rund um die Uhr sendende Nachrichtenkanal der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt Česká televize, wird üblicherweise nur von einer politisch interessierten Minderheit verfolgt. Doch nach Beginn der Krise nahm der Sender plötzlich wiederholt den ersten oder zweiten Rang bei den täglichen Einschaltquoten ein. Er informiert live über alle neuen Entwicklungen, überträgt die Pressekonferenzen der Krisenstäbe, ordnet die Dinge verständlich ein und bricht sie durch ein umfangreiches landesweites Reporternetzwerk bis in kleine Gemeinden herunter.

Auch die Auslandskorrespondenten von Česká televize sind überaus aktiv und vervollständigen die Information mit Berichten aus ihren Regionen. Die sonst deutlich erfolgreicheren großen privaten Fernsehsender sind Česká televize deshalb seit der Pandemie plötzlich deutlich unterlegen. Ähnliches gilt für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk Český rozhlas. Hier stellen die Sender Radiožurnal und Plus nunmehr die privaten Marktführer in den Schatten.

Angriffe von ganz oben

Den Öffentlich-Rechtlichen kommt dieses wachsende Renommee sehr entgegen. Denn es sind vor allem sie, die gemeinhin unter massivem Druck der Politik stehen. Vor allem Präsident Miloš Zeman lässt nahezu keine Gelegenheit aus, besonders die Journalisten der öffentlich-rechtlichen Medien als "unfähig" und ihre Berichterstattung als "unausgewogen" zu beschimpfen. In einer außerordentlichen Fernsehansprache während der Corona-Krise, für die er sich bewusst einen privaten Kanal aussuchte, sagte Zeman wörtlich: "Achten Sie nicht zu sehr auf das Bellen und das Geschrei unserer journalistischen Kommentatoren, die wie gewöhnlich über alles schreiben und nichts verstehen. Widmen Sie umso größere Aufmerksamkeit Fachleuten, die Ihnen helfen können."

Auch für andere ausgewählte Medien, namentlich des Verlags Economia, hat das Staatsoberhaupt nur abwertende Formulierungen übrig. Dazu gehören die Hospodářské noviny, die als qualitativ beste Tageszeitung Tschechiens gilt, das international ausgezeichnete liberale Wochenblatt Respekt, das meinungsfreudige Internetportal Aktuálně.cz und das für sein Niveau berühmte Privatfernsehen DVTV. Diese Medien, so Zeman, "manipulieren die Gesellschaft und sagen uns jeden Tag, wie wir uns zu verhalten haben". Journalisten dieses Verlags verdienten deshalb die Berufsbezeichnung nicht.

Ausgenommen von seiner regelmäßigen Kritik, die im Kern ein permanenter Angriff auf der Pressefreiheit ist, bleiben nur die Zeitungen des Agrofert-Konzerns, der Premier Andrej Babiš gehört und derzeit unter Treuhandverwaltung steht, damit dem Regierungschef kein eindeutiger Interessenkonflikt vorgeworfen werden kann.

Der Direktor von Česká televize, Petr Dvořák, erwartet nicht, dass sich die feindliche Grundeinstellung Zemans und weiterer Spitzenpolitiker gegenüber seinem Haus und anderen Medien ändern wird. Immerhin gebe es in Tschechien aber keine Einparteiregierung, die, wie in Polen oder Ungarn, tatsächlich an den Grundfesten des freien Journalismus rütteln könne, sagte er in einem Interview der Hospodářské noviny.

Rangliste der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen): Platz 40 (2020)

Stand: April 2020
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