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Archiv / Magazin / Gesellschaft / Schule in Europa / Hintergrund | 19.12.2007

Die Pisa-Story, von Kerstin Martens, Stephan Leibfried

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Das erste OECD-Ergebnis kam 1992: Bildung auf einen Blick, eine seitdem jährlich erscheinende Sammlung vergleichbar gemachter nationaler, amtlicher Bildungsstatistiken. Hier ging es noch rein um die Abschlüsse und die Schul- und Bildungstypen und ihre Verteilung auf die Geburtsjahrgänge. Im September 2007 hat der jüngste Bericht wieder Aufmerksamkeit erzeugt: "Schlechte Noten für Bildungssystem" (FAZ) und "Deutschland bleibt sitzen" (DIE ZEIT). Und PISA? "PISA ist dann hier in meinem Büro entstanden", so Schleicher. Bei der Arbeit an Bildung auf einen Blick merkte man: Nur mit den amtlichen Daten lassen sich Leistungen und Fehlleistungen eines Bildungssystems nicht fassen. Man hatte jede Menge Verwaltungsdaten: Wie viel Geld wird in Bildung gesteckt? Wie viele Lehrer gibt es? Wie viele und welche Abschlüsse, Noten? Usf. Aber, was sagt das denn für sich genommen über Leistungen der Schüler(innen), über vorhandenen Kompetenzen, aus?

Mitte der 90er Jahre entstand in einem Netzwerk die entscheidende Idee: Wir benötigen zusätzlich Daten zum Können der Kinder, wir müssen heraus bekommen: Was für Kompetenzen haben die Schüler? Wir müssen bei der gleichen Altersstufe, den 15-16-jährigen, mit eigenen, gleichen Tests in die Schulen aller Länder gehen. Eine Schule mag kaum Klassenwiederholer haben und sehr viele zum Abitur bringen, aber das Kompetenzniveau kann sehr niedrig sein. Und umgekehrt. Oder sie kann beides im Positiven wie im Negativen vereinen. Offen muss bei solchen Messungen immer bleiben, ob Schule und/oder Eltern (und andere) diese Kompetenzen "erzeugen".

Tom Alexander, damals Direktor der Bildungsabteilung, stellte diese Idee 1995 den Mitgliedstaaten vor. Die meisten waren dagegen: zu teuer, zu wenig politische Lerneffekte. Wie kommt zudem eine internationale Organisation dazu, unser Bildungssystem zu bewerten? "Unzulässige Einmischung." Alexander ließ sich nicht entmutigen. Er wollte dieses Projekt, ließ seine Leute trotz der Niederlage weiter daran werkeln und betrieb Lobbyarbeit im Hintergrund. 1997 wurde erneut darüber abgestimmt und eine Mehrzahl der Länder stimmt diesmal zu - der PISA-Startschuss war gefallen. Mehr als 300 Wissenschaftler wurden hinzu gezogen, um PISA auch methodisch unangreifbar zu machen. Nach dem Anschub wurde die Arbeit des OECD-Sekretariats einfacher: Dort werden heute nur noch die Erhebungsinstrumente weiter entwickelt und die Veröffentlichung der Ergebnisse betreut.

Im Dezember 2001 schlug dann der erste PISA-Be¬richt in Deutschland wie eine Bombe ein. In den drei Tests – Lesen, Mathe, Naturwissenschaft – nahm Deutschland hintere Ränge ein. Nur Länder wie Luxemburg, Mexiko und Brasilien waren noch schlechter. Ein "PISA-Schock" überkam nun gerade das Land, dass bei der Einrichtung von PISA eher Mitläufer gewesen war, und kratzte am deutschen Selbstbewusstsein. Während wir uns immer als die führende Bildungsnation gesehen hatten, zeigte uns nun eine internationale Organisation, dass wir im internationalen Vergleich gerade mal (unteres) Mittelmaß sind. Und das in Zeiten der "Wissensgesellschaft", green cards für qualifizierte Arbeitnehmer und wirtschaftlicher Dienstleistungs-globalisierung. Was soll bloß aus diesem Land werden?

Bildungspolitik wurde über Nacht Wahlkampfthema. In keinem anderen Land gab es so viele Zeitungsberichte über PISA 2001, die OECD und die Bildungspolitik. Der WDR startete mit Jörg Pilawa eine eigene Fernsehshow, der große PISA-Test. PISA wurde zum Synomyn für Testbares. Nach dem Ende des kalten Krieges und zumal kurz nach dem 9.11.2001 hatten die USA hingegen andere Sorgen und ignorierten PISA. Und in Frankreich war PISA wichtiges Planungsmaterial für Paris – und einen spöttischen Blick auf Deutschland war es allemal wert.

Kurzum: Als die USA und Frankreich in den 1980er Jahren an die OECD wegen neuer Bildungsdaten herantraten, konnten sie nicht ahnen, welche Lawinen und wo sie sie lostreten würden. Die OECD musste Expertise zur Bildungsstatistik entwickeln. Die OECD wurde – zusammen mit den Erhebungsexperten – zur "grauen Eminenz" nationaler Bildungspolitik: Mit PISA hatte die OECD ein Instrumentarium entwickelt, mit dem nationale Bildungssysteme als vergleichbar angesehen werden. PISA, das von der OECD erst nicht gewollte, dann adoptierte und weiter entwickelte Indikatoren"kind".

Aber ist Bildung wirklich in Zahlen "messbar"? Diese Frage stellt sich ja eigentlich genauso bei Noten, Intelligenztests oder beim numerus clausus. Aber die Frage der Vergleichbarkeit verschwindet hinter der Wucht der Vergleiche: Die Staaten können sich PISA heute nur schwer entziehen. Dazu ist PISA schon viel zu sehr in aller Munde. Ein einseitiger Rückzug aus dieser internationalen Vergleichsstudie würde noch größere Spekulationen über die bildungspolitischen Gründe hervorrufen. PISA also als "die Geister, die ich rief"? Oder ahnen die Staaten schlichtweg: Hier spielt hinfort die Musik! Bildung bedeutet die beste Grundlage für expandierende Arbeitsmärkte und persönliches Wohlergehen?

Was hat uns PISA 2007 also gebracht? Deutschland ist zumindest in den Naturwissenschaften endlich nicht mehr nur Mittelmaß. Aber, was heißt das? Dass wir gegenüber anderen Industrienationen aufgeholt haben? Dass unser Bildungssystem jetzt "messbar" besser geworden ist? In sechs Jahren wohl kaum. PISA 2007 hat nicht mehr den Schock bewirkt, den es 2001 hervorrufen konnte – dafür haben wir uns zu sehr an die stets wiederkehrende Kritik gewöhnt. Aber was PISA bewirkt hat, ist eine andauernde und immer wiederkehrende Diskussion über Bildungsziele, Standards und Kompetenzen.

Die OECD hat bei uns mit PISA eine Dauerdebatte zu Bildungs-, Integrations- und Familienpolitik losgetreten, die vordem schlicht undenkbar war: Zwingende Integration von Kindern "mit Migrationshintergrund", um das allgemeine Bildungsniveau zu stärken. Mehr Kinder aus sozialschwachen Elternhäusern bildungspolitisch fördern, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern. Und selbst unsere "heilige Kuh", das dreigliedriges Schulsystem, wird diskutiert und ist in einigen Bundesländern bereits reformiert.

Die OECD hat Bildungspolitik als Politikfeld international etabliert, wie es bisher keiner anderen Institution gelang. Sie hat Bildungssysteme auf überschaubare Zahlen hinunter gebrochen, die es erlauben, best practices aufzuzeigen und die auf Defizite hinweisen. Dadurch ist es der OECD gelungen, allen wissensorientierten Industrienationen deutlich zu machen, wie zentral dieses Thema ist. So gesehen ist PISA also kein Fluch, sondern ein Segen. Und wie lange wird es PISA noch geben? Schwer zu sagen. "Das ist im Grunde ein System, das sehr gut von selbst läuft", so Schleicher.

 

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