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Kosovo - ein Überblick über die Geschichte, von Norbert Rütsche
Vom gewaltlosen Widerstand zu Bombenanschlägen
Die Lage im Kosovo nahm immer mehr Züge eines Apartheidsystems an. Auch die internationale Staatengemeinschaft wurde jetzt auf die katastrophalen Zustände im Kosovo aufmerksam. Die EU beließ es jedoch bei grundsätzlichen Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte und Demokratie. Die Unzufriedenheit vieler Kosovo-Albaner mit ihrer auf Gewaltlosigkeit bestehenden politischen Führung wurde immer größer. Einige Akteure waren inzwischen zur Anwendung von Gewalt übergegangen.
Im Februar 1996 bekannte sich die Untergrundorganisation "Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK) erstmals zu Bombenanschlägen auf serbische Einrichtungen und setzte damit den Anfangspunkt des bewaffneten Widerstands. Nach weiteren Anschlägen der UCK drehte sich die Spirale von Gewalt und Gegengewalt immer schneller, bald herrschten kriegsähnliche Zustände. Bei zwei Aktionen der serbischen Sonderpolizei gegen Zentren der UCK in der Drenica-Region im Februar und März 1998 kamen 87 Kosovo-Albaner ums Leben – nebst bewaffneten Männern auch eine große Zahl Frauen, Kinder und Alte.
Die internationale Gemeinschaft wird auf das Kosovo aufmerksam
Nach den Ereignissen von Drenica, die weltweite Empörung auslösten, nahm auch der Druck auf die internationale Gemeinschaft zu. Die sogenannte Kontaktgruppe (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Russland, USA) forderte den sofortigen Abzug der serbischen Sonderpolizei aus dem Kosovo und verhängte ein Waffenembargo gegen Belgrad. Damit erreichte die UCK mit Gewalt in wenigen Monaten, was friedlicher Protest und ziviler Ungehorsam in mehreren Jahren nicht hatten bewirken können – die Aufmerksamkeit der Welt.
Im September 1998 verlangte nun auch der UN-Sicherheitsrat in seiner Resolution 1199 die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten, nachdem im Laufe des Jahres bei Offensiven der jugoslawischen Armee und der serbischen Sonderpolizei etwa 1.500 Kosovo-Albaner getötet und über 300.000 vertrieben worden waren. Doch erst nach einem Ultimatum der Nato verließen die serbischen Einsatzkräfte Ende Oktober das Kosovo, ein Großteil der vertriebenen Albaner kehrte zurück. Gleichzeitig kamen unbewaffnete Beobachter der OSZE in die Krisenprovinz, um den Waffenstillstand zu überwachen. Aber schon im Dezember eskalierte die Gewalt erneut.
Nato-Luftschläge, 10.000 Tote und Massenvertreibungen
Im März 1999 scheiterten die von der Kontaktgruppe anberaumten Friedensverhandlungen zwischen Kosovo-Albanern und Serben im französischen Rambouillet. Nach Ablauf eines letzten Ultimatums an Milosevic begann die Nato am 24. März 1999 – ohne UN-Mandat – mit Luftangriffen auf Ziele in der Bundesrepublik Jugoslawien. Während der 78 Tage dauernden Militärintervention wurden nach britischen Angaben rund 10.000 Kosovo-Albaner von Einheiten der jugoslawischen Armee, der serbischen Sonderpolizei und von paramilitärischen Gruppen getötet. Weit über eine Millionen Kosovo-Albaner flohen oder wurden vertrieben, mehr als 800.000 von ihnen in die Nachbarländer Albanien, Mazedonien und Montenegro. Zehntausende Häuser und zahlreiche Moscheen wurden zerstört oder beschädigt. Doch auch der UCK werden schwere Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Direkt durch die Nato-Luftangriffe auf die Bundesrepublik Jugoslawien wurden nach Angaben von internationalen Menschenrechtsorganisationen zwischen 400 und 600 Zivilpersonen getötet.
Stationierung einer Friedenstruppe und UN-Verwaltung
Am 10. Juni 1999 begann Milosevic schließlich mit dem Rückzug all seiner Polizei- und Armeeeinheiten aus dem Kosovo. Ihnen schlossen sich, aus Angst vor kosovo-albanischen Racheakten, Zehntausende Serben und Angehörige anderer nicht-albanischer Minderheiten – vor allem Roma – an. Viele wurden gewaltsam vertrieben. Die am 10. Juni 1999 verabschiedete UN-Resolution 1244 ermöglichte die Stationierung einer von der Nato geführten internationalen Friedenstruppe (KFOR), die zu Beginn rund 50.000 (im Jahr 2007 noch zirka 16'000) Soldaten umfasste. Zudem schaffte die UN-Resolution die Basis für die Einrichtung einer UN-Übergangsverwaltung (UNMIK).
Hunderttausende Kosovo-Albaner kehrten innerhalb weniger Wochen in ihre Heimat zurück. Die im Kosovo verbliebenen rund 120.000 Serben, aber auch viele Roma, waren immer wieder Übergriffen ausgesetzt. Abgesehen vom serbisch dominierten Norden leben die meisten Kosovo-Serben bis heute isoliert in Enklaven. Im März 2004 kam es zu schweren antiserbischen Unruhen, bei denen mehrere Menschen getötet, rund 30 serbisch-orthodoxe Kirchen und Klöster sowie zirka 700 Häuser von Kosovo-Serben und Roma zerstört oder beschädigt wurden.
Verhandlungen über den künftigen Status des Kosovo
Im Oktober 2005 gab der UN-Sicherheitsrat grünes Licht für den Beginn von Verhandlungen über den künftigen Status des Kosovo. Einen Monat nach dem Tod von Ibrahim Rugova, dem ersten Präsidenten des Kosovo, begannen Ende Februar 2006 in Wien die direkten Verhandlungen zwischen Belgrad und Pristina über die Zukunft des Kosovo. Bis zum Abschluss der Gespräche im März 2007 konnten sich die Konfliktparteien nicht auf eine Lösung in der Statusfrage einigen. Nach der Präsentation des Plans von UN-Chefvermittler Martti Ahtisaari wird nun der UN-Sicherheitsrat über den künftigen Status des Kosovo entscheiden.
Europäische Union als künftiger Hauptakteur
Die UN-Übergangsverwaltung UNMIK wird seit September 2006 vom deutschen Diplomaten Joachim Rücker geleitet. Sie ist für die Verwaltung, öffentlichen Dienstleistungen und die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung zuständig. Viele Kompetenzen wurden seit 2002 an die provisorischen Kosovo-Selbstverwaltungsinstitutionen (Parlament, Präsident, Ministerien) übergeben, das letzte Wort hat aber weiterhin die UNMIK. Die EU ist innerhalb der UNMIK für den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich. Nach dem Plan des UN-Sondergesandten Martti Ahtisaari soll die EU in Zukunft anstelle der UN zum Hauptakteur der internationalen Staatengemeinschaft im Kosovo werden.
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