Bereichsmenü: Home
Home / Presseschau / Archiv / Magazin / Politik / Slowenien / Essay
Momentaufnahme aus dem Leben einer Nation, von Peter Rak
Der Paternalismus des Staates und der führenden politischen Garnitur ist im mentalen Profil der Menschen kodiert, und obwohl ihre Beziehung oft ambivalent ist (und von übertriebener Glorifizierung bis hin zu unkritischer Zurückweisung des politischen Systems insgesamt als auch von einzelnen Parteien oder Protagonisten des politischen Establishments reicht), erwartet die Mehrheit noch immer uneingeschränkte Hilfestellung und Schutz bei ihren vitalen, existentiellen Fragen. Eine solche Situation bewirkt ein manifestes Sichsammeln auf den Bastionen der einen oder anderen politischen Option und definiert auf paradoxe Weise jeden in der Öffentlichkeit exponierten Einzelnen, was das Haupthindernis bei der Formierung einer unabhängigen und effizienten Zivilgesellschaft darstellt. Eng verbunden mit der Politik bleibt die Wirtschaft, was ebenfalls ein Rezidiv des vorangegangenen Regimes ist, ein magisches Wort auf diesem Gebiet ist aber noch immer – wie schon zu Zeiten des sozialistischen Systems – die "Reform". Die alchimistische Suche nach der Zauberformel für Veränderungen im Wirtschaftssystem erinnert stark an die alten Zeiten, als ständig etwas "reformiert" wurde, um den Anschein großer gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Dynamik zu erwecken. Der Unterschied liegt darin, dass es sich heute in Wirklichkeit vor allem um simulierten Aktivismus handelt. Nach den großen politischen und sozialen Erschütterungen und Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die nacheinander in den Staub sanken, ist – zumindest vom eurozentrischen Standpunkt aus – offenbar nur noch für akademische Projekte Raum, und auch das nur aus Trägheit oder politischem Prestigedenken, gewürzt mit lautstarken Scheinpolemiken pro und contra.
Ähnlich sieht auch die Situation der ebenfalls hart an der vordersten Kampflinie der Politik positionierten Medien aus. Auch damit ließe sich im Prinzip leben, würden die Medienhäuser, Redakteure und Journalisten sich nicht erbittert gegen das Etikett regierungsfreundlich oder pro-oppositionell wehren, obwohl das im europäischen und amerikanischen Journalismus völlig gängige Begriffe sind. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Sichzieren um einen Selbstverteidigungsreflex, um sich vom einstigen Verständnis des Journalisten als "gesellschaftspolitischen Werktätigen" zu distanzieren, allerdings eignet sich eine derart leere, rein deklarative Autonomie keinesfalls zur Errichtung einer relevanten unabhängigen Medienreflexion. Dafür werden wir beim Lesen der Kommentare einer oft leichthin servierten Behandlung von Themen teilhaftig, die weniger an eine überlegte Problemanalyse erinnern als an einen hochstaplerischen Egotrip. Die Praxis führender japanischer Tageszeitungen etwa, an deren Leitartikeln oft bis zu fünf Journalisten mitschreiben, um subjektive Parteilichkeiten weitestgehend hintanzuhalten, ist für uns sozusagen science fiction. Ebenso wie die globalen Medien sehen sich die slowenischen Medien zusätzlich mit einer Hyperproduktion konfrontiert, die in ihrer höchsten Ausprägung die Instrumentalisierung der Information auf Kosten des Sinnes zur Folge hat. Letzteres gilt keineswegs nur für die so genannte Yellowpress. Die wiederum hat die Initiative vollständig übernommen, und in der Angst um ihre Positionen folgt ihr wohl oder übel auch der größte Teil der anderen Medien, die mit einer solchen Politik paradoxerweise ihren Sinn, Kredibilität und Bedeutung neutralisieren und sich den Phantominhalten des Circus maximus der virtuellen Kommunikation anpassen.
Solche Tendenzen sind aber bei weitem nicht auf die Medien beschränkt, ähnliche Tendenzen lassen sich auch im Kulturbereich verfolgen. Zweifellos hat die slowenische Kultur vitale historische Bedeutung für die Konstituierung der Nation und des Nationalstaates, vom Erwachen im Völkerfrühling des Jahres 1848 bis zur Selbständigwerdung im Jahre 1991. Zugleich aber wird immer klarer, dass die Epoche dieses idolatrischen Verhältnisses zur Kultur, die lange Zeit hindurch den Status einer unantastbaren Institution genoss, endgültig vorüber ist. Bekannt ist das Kokettieren der Hochkultur mit der Popkultur, in der Hoffnung, es werde zu einer edlen Synthese kommen, wobei aber die Popkultur die "hohe" Kultur einfach verschlungen hat. Slowenien ist auf diesem Gebiet noch viel empfindlicher und verwundbarer, weil nach einer einfachen mathematischen Logik die Anzahl der Bewohner und deren Wirtschaftskraft keine mit großen Staaten vergleichbaren Möglichkeiten zur Bestandsicherung nicht- oder weniger kommerzieller Kulturinhalte zulässt. Für die Durchlüftung einiger künstlerischer Praxen ist das vielleicht gar nicht so schlecht (das gilt besonders für manche Erscheinungsformen der institutionalisierten Kultur, wo unkritisch am Staatsbudget mitgenascht wird), doch ist für den Aufbau einer offenen, vitalen und impulsiven Kulturszene ein ausgewogener Zugang notwendig, wo sich die Selektion nicht ausschließlich auf der Ebene marktbestimmter Maßgeblichkeiten abspielt, da wir uns sonst bald von ähnlichen Implosionen von Inhalt und Sinn wie im Medienbereich eingekreist sehen.
Das größte Manko der slowenischen Kultur ist wohl der Mangel an Authentizität. Obwohl wir Slowenen weder in der Kultur noch in der Politik jemals ausgesprochene "Blut-und-Boden"-Aspirationen hatten, wurden mit derartigen Begriffen oft solche Elemente bezeichnet, die einem künstlerischen Werk auch ein gewisses nationales Gepräge geben. Dabei geht es natürlich nicht um irgendwelche archaisch-heimatliche Ethno-Darbietungen und die Karikiertheit von Turbo Folk, sondern um eine Art slowenischen Esprit, um eine spezifische wiedererkennbare Referenztypik, die so wiedererkennbar wäre wie etwa die englische, russische, serbische, argentinische, etc. Zahlreiche Autoren sind dazu durchaus in der Lage, nehmen wir Feri Lajnšček oder Drago Jančar, Marij Kogoj oder Vlado Kreslin, Ivan Grohar oder Emerik Bernard, Jože Gale oder Damjan Kozole, doch ist die Angst vor solchen Tendenzen bei uns offensichtlich noch immer sehr ausgeprägt und oft auch Gegenstand von Ironisierung, denn unsere Themen haben in der Regel hyper-universell und völlig losgelöst vom lokalen Milieu zu sein. Typisch ist etwa ein Beispiel aus dem Theater: Gefragt, warum bei der Dramatisierung des Romans eines slowenischen Autors alle Begriffe aus dem Text entfernt wurden, die die geografische Verortung des Geschehens ermöglicht hätten (und die größtenteils auch seinen geistigen Gehalt und seine Atmosphäre bestimmen), präsentierte der Regisseur lakonisch mehrere Zitate aus Aristoteles' Poetik zur Universalität existentieller Fragen des Individuums und setzte am Ende mokant hinzu, dass seine Inszenierung nun einmal kein Reiseführer sei.
Natürlich sind Entscheidungen für eine Autonomie auktorialer Poetik völlig legitim, doch steckt gerade in einem solchen Denkmodell die Kernursache für die Diffusion des nationalen Idioms und das gezwungene Kokettieren mit supranationalen Trends, die aber im Grunde nichts weiter sind als Derivate einer von aggressiven Marketingmaschinerien gestützten Popkultur. Wenn wir uns das Gebiet der Bildenden Künste ansehen, wo das Prinzip des Anationalen in Form und Inhalt am stärksten vorherrscht, stellen wir fest, dass wir es nicht mit dem Produkt eines Qualitätssprungs und der Befreiung von den engen Fesseln des Nationalen zu tun haben, sondern mit einer spezifischen Krise der Produktion und vor allem der Wertung durch immer dominanter werdende Kustoden und Kuratoren, die sich die Herrschaft im Bereich Bildende Kunst teilen. Damit stellt sich auch die Frage, ob wir Slowenen vielleicht die europäische Variante des amerikanischen Phänomens des Schmelztiegels sind und in unserer mitteleuropäisch-balkanischen Zerrissenheit und Amorphität im Grunde (mit wenigen Ausnahmen) keine eigene ethnische Tradition beziehungsweise Vitalität besitzen, die wir entwickeln und dahingehend modifizieren könnten, dass sie auch heutzutage einsetzbar und effektiv wäre.
Wäre diese These vom Fehlen der Tradition und dem Verlust nationaler Charakteristika stichhaltig, hätten wir es mit dem noch größeren Paradoxon zu tun, dass wir Slowenen trotz der Agonie des Realen und Rationalen sozusagen Gefangene der Geschichte sind. Vergangene Generationen haben in der Illusion gelebt, sie würden die Geschichte "leben" (wenngleich das Syntagma von der Einfrierung der Geschichte in der Zeit des Kommunismus mehr oder weniger zutreffend ist), während die heutige Generation in der indifferenten nebulösen Streuung der Geschichte ohne historische Referenzen bleibt, beziehungsweise sich diese nur noch als positive oder negative Reminiszenzen der Vergangenheit manifestieren. Ausgefüllt wird diese Leerstelle durch die emotionalen Phantasmen der älteren Generationen, die die halbvergangene slowenische Geschichte entweder kategorisch verteidigen oder traumatisierend darstellen, während die Jüngeren in dieser Hinsicht entweder völlig gleichgültig sind oder Zuflucht nehmen zu Retrokonzepten. Letztere hat es seinerzeit vor allem auf dem Gebiet der Popkultur gegeben, inzwischen haben sie sich jedoch wie Metastasen in fast allen Bereichen ausgebreitet und – wie die viel beachteten Beispiele Laibach und Neue Slowenische Kunst (NSK)[1] zeigen – auch ungeahnten Erfolg bei der Erstürmung ausländischer Kunstinstitutionen gehabt.
NSK ist ein interessantes Phänomen auch wegen seines Neoavantgarde-Charakters. Avantgarde entsteht in der Regel – außer wenn es sich um modische Trends handelt – aus der Revolte. Die gab es allerdings in Slowenien nur selten, ernsthafte Versuche lassen sich an den Fingern abzählen. "Die Jugend der ganzen Welt war Anhängerin des Surrealismus – außer der slowenischen", lautete eine Kritik anlässlich der ersten Präsentation des surrealistischen Opus von Stane Kregar. Ähnlich verhielt es sich mit anderen Bewegungen und seltenen Einzelgängern, die sich auf unorthodoxe Experimente einließen, die entweder feindselige oder herablassende Reaktionen erlebten, ob es sich nun um den Konstruktivismus eines August Černigoj in den Zwanzigern oder um den Konzeptualismus der Gruppe OHO in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts handelt. Heute entfallen derartige Komplikationen, denn das neo-, retro- oder pseudoavantgardistische Prinzip steht bereits im Ruch des Akademismus – wer gibt sich heute noch mit solchen Dilemmata ab? Kultur ist heute ein interaktiver Polygon, wo die Besucher als scheinbar gleichberechtigte Koautoren zur Partizipation eingeladen sind und der ganze Apparat oft besser als Sozialisierungs- und Geselligkeitsinstrument funktioniert denn als Instrument der Reflexion existentieller Grundfragen. Nicht anders verhält es sich mit der Kunstkritik, die die Grenze zwischen oberflächlichen Popvariationen und Versuchen ernsthafter Analyse fast völlig verwischt hat.
Ungeachtet aller Leichtigkeit aber besitzt – ähnlich wie die Politik – auch die slowenische Kultur trotz der ihr innewohnenden "Verspieltheit" keinen Spielstatus. In ihr herrscht ein ernsthafter Ton vor, wie Iztok Mlakar sagen würde, die slowenische Kultur schminkt sich mit Gewalt auf damenhaft, wirkt jedoch häufig billig. Eine solche Reaktion ist erklärlich, denn angesichts der erwähnten Aggressivität der trendigen Popkultur versucht die Hochkultur ihren Exklusivstatus zu bewahren und nimmt Zuflucht bei Hermetismus und Formalismus, aber auch hierin übertreiben wir Slowenen. Denn ohne Zweifel verfügen wir auch über eine gehörige Portion Selbstironie und Humor, doch ist solcher Art Satire oft blasiert und autodestruktiv und reflektiert die Beziehungen in der Gesellschaft aus einer apathisch-zynischen Distanz heraus ohne große Reichweite.
Alles Lamentieren hat aber möglicherweise gar keinen Sinn. Slowenien reagiert trotz seiner Autarkie – die ungeachtet starker Widerstände langsam, aber zuverlässig bröckelt – entsprechend seiner historischen Erfahrung und im Einklang mit den aktuellen globalen Leitlinien ganz einfach in seinem eigenen spezifischen Stil. Solche Reaktionen sind oft nur Nuancen der allgemeinen Atmosphäre von heute; für die künftigen Generationen wird sich das klinische Bild der Nation wahrscheinlich völlig anders darstellen. Letztlich ist es uns trotz der schon sprichwörtlichen slowenischen Trägheit in kritischen Grenzsituationen erstaunlicherweise immer wieder gelungen, den schlummernden Mobilisierungsfaktor zu wecken und für einen Augenblick auf den Zug der Geschichte aufzuspringen, der uns eine Station weiter gebracht hat. So war es 1848, 1918, 1941 und 1991, und vielleicht erwischen wir für einen Teil des Weges auch einmal einen Expresszug. Und was unseren nationalen Mentalzustand betrifft, der angeblich von Tragik, Entfremdung und Absurdität geprägt wird, ist vielleicht noch nicht alles verloren – vielleicht stimmt ja der Gedanke des Malers Francis Bacon, dass gerade Angst, Beklemmung und Verzweiflung der stärkste Ausdruck leidenschaftlicher Lebensgier sind.
[1] Neue Slowenische Kunst art collective, siehe: http://www.nskstate.com/index.php
Weitere Artikel zu den Themen » Alltagskultur, » EU-Politik, » Geschichte, » Slowenien
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Alltagskultur, » EU-Politik, » Geschichte, » Slowenien