Bereichsmenü: Home
Home / Presseschau / Archiv / Magazin / Politik / Slowenien / Hintergrund
In zehn oder fünfzehn Jahren im Klub der Reichsten, von Iztok Sori
Hohe Wachstumsraten und hohe Inflation
Als Regierungschef hat Drnovšek zwischen 1992 und 2002 wesentlich dazu beigetragen, dass heute über Slowenien von einer "Erfolgsstory" gesprochen wird, was auch ein Wahlkampfslogan seiner Liberaldemokratischen Partei (Liberalno demokratska stranka Slovenije – LDS) war, die dem Mitte-Links Lager zugeordnet werden kann. Erst 2004 gelang es dem jetzigen Ministerpräsidenten Janez Janša, eine langfristige konservative Regierung zu bilden und die Vorherrschaft der linken Politiker zu beenden, von denen viele schon zu Zeiten des Kommunismus Karriere machten. Doch auch Janša musste seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei zugeben, was ihm hätte negativ ausgelegt werden können, obwohl er später Dissident wurde. Aber gerade die Partei selbst hat wesentlich zum friedlichen Übergang in die Demokratie beigetragen. Die Slowenen haben den letzten Präsidenten des Bundes des Kommunisten Sloweniens Milan Kučan sogar zweimal zum Sieger der demokratischen Präsidentschaftswahlen gewählt.
Weg von Jugoslawien hieß schon 1991 auch Ja zur EU. Fast 90 Prozent haben sich 2003 für einen Beitritt ausgesprochen. Skeptischer waren die Wähler gegenüber der Mitgliedschaft in der NATO, wofür sich 66 Prozent ausgesprochen haben. In anderen exkommunistischen Ländern war es eher umgekehrt. Der Umbruch war in Slowenien nicht so erschütternd, wie in den Nachbarländern. Es kam zwar zu einem zehn Tage dauernden Krieg mit der jugoslawischen Armee, aber das Projekt der Unabhängigkeit konnte dennoch schnell und erfolgreich abgeschlossen werden.
Die Regierungen unter Drnovšek verfolgten wirtschaftlich ein Konzept der graduierten Entwicklung. Nicht alle Ratschläge der Verfechter des globalen Kapitalismus, wie zum Beispiel des International Monetary Found, wurden blind umgesetzt. Als dann Janša zu Beginn seiner Amtszeit versuchte, einige neoliberale Reformen durchzusetzen, stieß er auf heftigen Widerstand. Obwohl es ihm nicht gelungen ist, die Einheitsbesteuerung einzuführen, erzielte die slowenische Wirtschaft im Jahr 2007 Rekord Wachstumsraten von sechs Prozent. Leider schmückt sich das Land auch mit der höchsten Inflationsrate im Euro-Raum – 5,7 Prozent betrug sie im Jahr 2007. Syndikate, Bauern, die Verbraucherschutzorganisation und die Regierung geben die Schuld für den überdurchschnittlich hohen Preisanstieg vor allem den Lebensmittelhändlern. Drei große Firmen (die slowenischen Mercator und Tuš, Interspar) haben sich den Markt aufgeteilt, deshalb gibt es keine richtige Konkurrenz, klagen sie.
Vorsichtige Privatisierung und ihre Auswirkungen
Mehr als in den übrigen Ländern im Übergang zur Marktwirtschaft war Sloweniern auch bei der Privatisierung vorsichtig. Nach dem Umbruch hat die Regierung so genannte Zertifikate an die Bevölkerung verteilt mit denen jeder Anteile verschiedener Unternehmen erwerben konnte. Deshalb ist fast jeder Slowene auch ein Aktionär. Dennoch hat der Staat große Anteile an verschiedenen Unternehmen, unter ihnen auch die größten und erfolgreichsten des Landes. Die Telekom zum Beispiel steht gerade zum Verkauf. Drei Interessenten (der britisch deutsche Konsortium Bain Capital & Axos Capital, der ungarische Magyar Telekom und isländischer Skipti) haben ihre Angebote abgegeben, keiner aber über den an der Börse gehandelten Preis. Es könnte sein, dass aus dem Verkauf auch diesmal nichts wird. Die Privatisierung der größten Versicherung Triglav steht noch bevor. Die Deutsche Bahn hat bereits Interesse an der slowenischen Eisenbahn und den Hafen von Koper gezeigt. Der russische Koks hat die Stahlindustrie erworben, wie die Opposition behauptet, für den Preis des Gewinnes von zwei Jahren. Solche negativen Beispiele machen die Menschen den Privatisierungsplänen der Regierung gegenüber noch stuziger. Die Regierung selbst ist vor allem gegenüber den so genanten Managerankäufen negativ eingestellt. Vor allem, weil die meisten Manager für enorme Kredite die Aktien des Unternehmens, das sie erst kaufen werden, verpfänden. Die Regierung spielt deshalb mit dem Gedanken, staatliche Anteile direkt an die Bevölkerung zu verkaufen. Ein Modellbeispiel wurde gerade Ende letzten Jahres verwirklicht. Zwanzig Euro mussten Interessenten für die Aktie einer Bank zahlen, jetzt ist sie vierzig Euro wert. Geschenke dieser Art könnten sich wohltuend auf die schlechten Umfrageergebnisse der Regierung auswirken. Im Herbst sind wieder Wahlen und der große Sieg des Oppositionskandidaten Danilo Türk bei den Präsidentenwahlen im Herbst 2007 war kein gutes Zeichen für die Konservativen.
Auch wenn die Privatisierung bis jetzt keine sehr großen sozialen Unterschiede zwischen der Bevölkerung verursacht hat, und der Staatshaushalt durch die Einnahmen aus staatlichen Unternehmen aufgestockt wird, hat die Situation doch einen Hacken. Jede Regierung hat einen starken Einfluss auf alle Bereiche der Gesellschaft, der bis zur Ernennung von regierungsfreundlichen Managern geht. Das gilt auch für einige der wichtigsten Medienunternehmen. Nach dem letzten Regierungswechsel wurden in fast allen Zeitungen die Chefredakteure ausgewechselt. So ist auch die Petition gegen den Regierungseinfluss auf Journalisten zu verstehen, die im vergangenen Jahr an verschiedene Adressen in Europa ging. Mehr als 500 Journalisten haben ihre Unterschrift gegeben, was den Regierungspräsidenten Janša dazu veranlasste, eine anderthalbstündig Rede im Parlament zu halten, um zu beweisen, dass die Angaben nicht stimmen. Verärgert hat ihn dabei vor allem, dass die Journalisten Slowenien im Ausland durch den Schmutz ziehen.
Volkstümliches als Exportschlager
Gefälligkeit ist bestimmt eine der ausgeprägtesten Eigenschaften des Völkchens unter den Alpen. Gern sind sie dabei päpstlicher als der Papst, wie sie zuletzt bei Verabschiedung eines der strengsten Rauchverbot Gesetze bewiesen haben. Die Fremden werden freundlich aufgenommen - wenn es nicht die eigenen "Fremden" sind, wie etwa die Roma. In den Fenstern stehen Blumen, die Strassen sind sauber und sicher. Die Kriminalitätsrate ist niedrig, da Slowenen eher autodestruktiv sind - rund 600 begehen jedes Jahr Selbstmord. Die Hälfte der jungen Menschen im Alter zwischen 25 und 29 lebt noch zuhause bei den Eltern. Öfter wird das Land mit Österreich verglichen, obwohl Slowenen sich eher an den Deutschen, deren Verfassung Vorbild für die slowenische war, orientieren. Der Einfluss ist aber nicht nur einseitig! Obwohl sich auch viele Slowenen dessen nicht bewusst sind, hat eine slowenische Gruppe die auch in Bayern sehr verbreitete Volkstümliche Musik erfunden. Es waren die Brüder Avsenik, die im Deutschen Raum als "original Oberkrainer" bekannt sind. Ein anderer Musikexportschlager ist die alternative Gruppe Laibach. In den achtziger Jahren sind sie über die Grenzen berühmt geworden mit ihren Anspielungen auf faschistische Ikonographie mit denen sie damals den Kommunisten den Spiegel vorhielten. Im Übrigen gilt, dass die Punk Bewegung im Land einen der wichtigsten Demokratisierungsimpulse gegeben hat.
Das Musik Geschäft spielt in der erfolgreichen slowenischen Wirtschaft dennoch keine Rolle. Da spielen andere lokale und globale Unternehmen z.B. Gorenje, einer der acht größten europäischen Haushaltsgeräteherstellern, eine wichtigere Rolle. Den Preis "Goldene Gazelle", der in Slowenien jedes Jahr an erfolgreiche, einheimische Unternehmen vergeben wird, ging 2007 an Elektronček, die Spielautomaten herstellt und entwickelt. Mit dem Verkauf der Hälfte des Unternehmens an den australischen Riesen Aristocrat Leisure Limited wurde der Eigentümer Joc Pečečnik der viert reichste Slowene. Nun versucht er mit einem Teil seines Reichtums den Fußball in der Hauptstadt Ljubljana aus dem Schlamm zu ziehen.
Hundert Millionen Euro mag für ein größeres Land mit mehr Reichen nach wenig klingen. Auch zwei Millionen, die Zahl der Einwohner, kann ein Lächeln hervorrufen. Dass jeder jeden kennt, ist zwar ein Scherz, doch in jedem Scherz steckt etwas Wahrheit, sagen die Slowenen. Vielleicht mit etwas bitteren Stimmen. Sie wollen doch zu den Großen gehören! Jede Regierung hat bis jetzt das Ziel verfolgt, dass Land in den Klub der Reichsten Europas zu steuern. Im zehn oder fünfzehn Jahren könnte es so weit sein.
| Zahlen und Fakten | |
| Einwohnerzahl | 2.022.921 |
| Fläche | 20.273 km² |
| Hauptstadt | Ljubljana, 258.873 Einwohner. |
| Währung | Euro |
| Wirtschaftswachstumsrate 2007 | 5,7% |
| Inflation 2007 | 6% |
| BIP | 88% des Durchschnitts der EU 27 |
Externe Links
» www.slovenija.si (alles über Slowenien)
» www.gov.si (Portal der offiziellen Institutionen)
» www.investslovenia.org (Investitionsportal)
Weitere Artikel zu den Themen » Geschichte, » Wirtschaftspolitik, » EU-Erweiterung, » Europa, » Slowenien
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Geschichte, » Wirtschaftspolitik, » EU-Erweiterung, » Europa, » Slowenien