Vorwurf sexueller Nötigung gegen spanischen Top-Polizisten
Der stellvertretende Direktor der spanischen Nationalpolizei ist am Mittwoch zurückgetreten, nachdem tags zuvor bekannt geworden war, dass gegen ihn wegen sexueller Nötigung ermittelt wird. Eine ihm unterstellte Polizistin hatte Anzeige erstattet. Sie wirft ihrem Vorgesetzten vor, sie im April 2025 in einer Dienstwohnung des Innenministeriums sexuell genötigt zu haben. Für Spaniens Presse verweist der Fall auf größere Probleme im System.
Ein Muster, das sich wiederholt
Sexismus durchdringt noch immer die Gesellschaft, schreibt El País:
„Der in der Anzeige geschilderte Vorfall ist erschreckend. Er beschreibt eindrücklich die mutmaßliche Vergewaltigung und wie der stellvertretende Direktor seine Position missbrauchte, um die Beamtin zu dominieren. … Der mutmaßliche Vergewaltiger ist der ranghöchste Polizeibeamte Spaniens. [José Ángel] González hatte diese Position über sieben Jahre inne, fast während der gesamten Amtszeit des Innenministers. Der Schock ist verständlich. … Der Fall wiederholt das Muster von sexueller Gewalt, Machtmissbrauch, Verachtung für ein objektiviertes Opfer und Gefühl der Straflosigkeit. … Er zeigt auch, dass diese Kultur alle Bereiche durchdringt und selbst unter jenen vorkommen kann, die alles über Gewalt in der Gesellschaft wissen.“
Verantwortung liegt eine Ebene höher
El Mundo legt den Fokus auf Innenminister Fernando Grande-Marlaska:
„Der Beschuldigte soll der Beschwerdeführerin – seiner Ex-Partnerin – im Gegenzug für ihr Schweigen eine Stelle angeboten haben. … Sollte sich dieser Versuch der Nötigung bestätigen, wäre dies ein Machtmissbrauch: Uniform und Hierarchie wurden nicht zum Schutz, sondern zur Unterdrückung eingesetzt. … Der Innenminister behauptet, er habe von nichts gewusst. … Diese Verteidigung ist politisch gesehen selbstbelastend. Wusste er davon, ist es inakzeptabel, dass er an einem Vorgesetzten unter Verdacht festhielt. … Wusste er nichts, bedeutet dies, dass er keine Kontrolle über seine Befehlskette hat. … Politische Verantwortung beschränkt sich nicht darauf, nur zu reagieren, wenn die Realität eskaliert.“
Glaubwürdigkeit der Polizei zerstört
ABC sieht die Polizei als Institution beschädigt:
„Es geht hier nicht nur um den Vorwurf eines äußerst schweren Verbrechens gegen den ranghöchsten Einsatzbeamten der Polizei, sondern auch um den Kontext: Ein weiterer hochrangiger Polizeibeamter, der Leiter der UDEF [Abteilung für Wirtschafts- und Finanzkriminalität], befindet sich wegen mutmaßlichen Drogenhandels in Untersuchungshaft. Der Schaden für das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Institution ist offensichtlich. … Spanien braucht eine Polizei, die ausschließlich dem Gesetz verpflichtet ist. … Reformen dürfen nicht bloß Absichtserklärungen bleiben. Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit einer für die Rechtsstaatlichkeit unerlässlichen Institution, und damit das Vertrauen der Bürger in diejenigen, die sie schützen müssen.“