Festnahme von Ex-Prinz Andrew: Monarchie-Krise?
Andrew Mountbatten-Windsor, ein Bruder des britischen Königs Charles III., ist am Donnerstag von der Polizei für etwa zwölf Stunden wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch festgenommen und verhört worden. Ihm wird vorgeworfen, als früherer Handelsbeauftragter vertrauliche Dokumente an Jeffrey Epstein weitergeleitet zu haben. Sexualdelikte werden in den offiziellen Angaben zur Festnahme des in den Fall Epstein verwickelten Ex-Prinzen nicht erwähnt.
Königshäuser haben mehr als neun Leben
Das Verfahren gegen Andrew wird das Haus Windsor beschädigen, aber nicht zerstören, ist sich Expressen – fast – sicher:
„König Charles tut seine Pflicht, indem er den Ruf der Königsfamilie verteidigt und so gut wie möglich rettet. Manche warnen, die Monarchie könne aufgrund des Megaskandals untergehen, doch sie wird wohl in irgendeiner Form überleben. Vielleicht dabei etwas an Glanz verlieren. Aber Königshäuser haben nicht nur neun, sondern unendlich viele Leben. Wenn eine Generation scheitert, steht schon die nächste bereit – jünger, moderner und attraktiver mit niedlichen Kindern. Andererseits, wer hätte ahnen können, dass einer von Königin Elizabeths Söhnen eines Tages im Morgengrauen von der Polizei verhaftet werden würde?“
Nehmen, was einem angeblich zusteht
Den in Epstein-Skandal involvierten Vertretern diverser Königshäuser gehe es darum, insgeheim verflogene Adelsprivilegien auszuleben, kritisiert der Tages-Anzeiger:
„Was wollte der Hochadel von Jeffrey Epstein? ... Über Jahrhunderte haben Monarchen einflussreiche Männer um sich geschart, das sicherte ihnen die Krone. Heute kann ein Parlament jede Monarchie in Europa sofort Geschichte werden lassen. Hoheiten zeigen sich öffentlich besser demütig. Epstein aber gab ihnen die Möglichkeit, klandestin das Hochwohlgeborene auszuleben. Auf Privatinseln Ferien zu machen. Oder sich zu nehmen, was einem angeblich zusteht.“
Strukturelle Schwächung
Die britische Monarchie hat sich selbst geschwächt, beobachtet Historikerin Catherine Marshall in Le Monde:
„Die Tragweite reicht weit über den Einzelfall eines bloßgestellten Prinzen hinaus. Die britische Monarchie ist strukturell geschwächt. Zum einen, weil die Queen selbst eine Strategie befürwortete, die mit dem Gebot der Beispielhaftigkeit unvereinbar ist – und damit faktisch stillschweigend die Schuld ihres Sohnes akzeptierte. Zum anderen, weil die Reaktion des derzeitigen Königs nach mehr als einem Jahrzehnt des Leugnens erfolgt. Der Fall legt einen Mikrokosmos offen, in dem die Grenzen zwischen Staatsdienst, privaten Interessen und familiärer Loyalität gefährlich aufweichen.“
Dieser Onkel ist keine Gefahr für die Royals
Weil sich das Königshaus klar von Andrew distanzierte, hat es nichts zu befürchten, meint The Independent:
„Die Figur des 'bösen Onkels' hat in der Geschichte der Royals über die Jahrhunderte hinweg oft peinliche Situationen geschaffen. Aber letztlich hat sie dem Ansehen des Königshauses nie wirklich geschadet. Viele Familien kennen das Problem, einen törichten, zügellosen oder gar abstoßenden Verwandten zu haben – und standen vor der schwierigen Entscheidung, wann man den Kontakt abbrechen sollte. ... Wie schlimm die Details auch sein mögen, die aus der Büchse der Pandora der Verfehlungen ans Licht kommen, die Verbannung des ehemaligen Prinzen schützt den König – und seine Erben – vor den Folgen. Sie ermöglicht die Fortsetzung der Thronfolge und der Neuerfindung der Krone.“
Es geht um Gerechtigkeit für die Opfer
Für De Morgen ist die Festnahme ein Hoffnungsschimmer:
„Sie macht Schluss mit der 'Man-kennt-sich-Kultur', die in höheren Kreisen häufig herrscht. Es geht um Dinge, die nicht länger unter Verschluss bleiben, sondern mit einem Brecheisen aufgebrochen werden. ... Das hat nichts mit billiger Schadenfreude über einen gefallenen Prinzen zu tun. Es geht um Gerechtigkeit für die Opfer. Um junge Frauen, die jahrelang Spielball einer Elite waren, die sich für unantastbar hielt. Wenn sogar der Bruder eines amtierenden Königs im Gefängnis landen kann, dann können wir das als kleines Zeichen der Hoffnung deuten.“