Was ist mit dem italienischen Fußball los?

Als viermaliger Weltmeister versteht sich Italien seit Generationen selbstverständlich als Fußballnation. Doch nach der Niederlage gegen Bosnien und Herzegowina verpasst die Squadra Azzurra nun zum dritten Mal in Folge die WM-Teilnahme. Wie sehr das einen empfindlichen Nerv trifft, zeigt der Blick in die Landespresse.

Alle Zitate öffnen/schließen
La Repubblica (IT) /

Eine ganze Generation ohne verbindendes Ritual

Der Anthropologe Marino Niola reflektiert in La Repubblica:

„Die letzten WM-Spiele fanden 2014 statt, die nächsten – wenn's denn gut geht – 2030. Dazwischen gibt es junge Menschen, die aufgewachsen sind, ohne dieses Gefühl je erlebt zu haben. Für eine ganze Generation von Italienern bleibt die Weltmeisterschaft ein verbotener Traum. ... Es ist, als wäre jener Faden gerissen, der Generationen durch die Weitergabe und das Teilen von Gefühlen, Leidenschaften und Emotionen verbindet. Ihnen wird die Möglichkeit fehlen, dieses Übergangsritual zu erleben, jene Bestätigung einer identitären Bindung, die einem das Gefühl gibt, als stünde man selbst mit seinem Idol auf dem Spielfeld, und die einen zugleich Teil einer größeren Gemeinschaft werden lässt, die Eltern und Kinder miteinander verbindet.“

La Stampa (IT) /

Lasst mehr junge Italiener spielen!

1977 gewann Marco Tardelli mit Juventus Turin den Uefa-Pokal, später spielte er für die Nationalmannschaft. Was diese heute bräuchte, analysiert er aus Trainer-Sicht für La Stampa:

„Seit Jahren hören wir von notwendigen Reformen: nur Worte und Propaganda. Zunächst einmal – unter Einhaltung der EU-Regeln – müsste man Wege finden, den Anteil ausländischer Spieler in unseren Ligen zu reduzieren, um italienischen Spielern mehr Raum zu geben. Außerdem brauchen wir eine Reform der Nachwuchsarbeit, beginnend an der Basis: Es stimmt, dass wir auf Ebene der U-Nationalmannschaften zur Spitze gehören, doch anschließend gehen all diese Talente verloren, weil sie nicht zum Einsatz kommen – erstickt von der Fixierung auf Ergebnisse um jeden Preis und vom Karrierestreben von Trainern oder Funktionären, sogar im Jugendfußball.“